6:0-Abwehr

Defensive Abwehrformationen erfordern andere Beobachtungsschwerpunkte und Aufgabenteilungen zwischen den Schiedsrichtern als offensive. Hier erläutern wir die 6:0-Abwehr und deren spezifische Problembereiche.

Die defensivste aller Abwehrformationen

Eine 6:0-Abwehr weist als die defensivste aller Abwehrformationen unabhängig von speziellen Spielvarianten ganz bestimmte Merkmale auf:

  1. Gute Abdeckung der Spielfeldbreite: In der Grundaufstellung agieren alle Abwehrspieler entlang der Torraumlinie.
  2. Geringer Wirkungsgrad in der Tiefe: Die Grundpositionen aller Verteidiger befinden sich in der Regel im Raum zwischen Torraum- und Freiwurflinie. Der Angriff kann daher vor der Freiwurflinie meist relativ ungestört agieren.

Ziel der 6:0-Abwehr ist es, die Aktionsräume der Angreifer im Nahwurfbereich möglichst zu verengen und ein Kreisläuferspiel zu verhindern (siehe Bildreihe 1 und Info 1). Zudem versucht die Abwehr aufgrund ihrer dichten Staffelung, Würfe aus dem Rückraum zu blocken.

Obwohl die Räume entlang der Torraumlinie für Angreifer gegen eine 6:0-Abwehr sehr klein sind, ist das Spiel über den Kreis gerade gegen eine 6:0-Abwehr in den letzten Jahren zu einem erfolgsbestimmenden Merkmal geworden. Der Grund ist einfach: Kreisspieler versuchen permanent, durch Sperren oder Hinterlaufen von Gegenspielern Fehler in der taktischen Absprache der 6:0-Abwehr zu provozieren und somit auch freie Räume für den Wurfabschluss zu schaffen. Der „Kampf“ zwischen Kreis- und Abwehrspieler – teilweise auf engstem Raum – ist für die Schiedsrichter oft nur sehr schwer zu beobachten bzw. zu kontrollieren und daher ein typischer Schwerpunkt. Hier hilft nur eines: Insbesondere regelwidrige Zweikampfaktionen ohne Ball müssen konsequent schon im Ansatz erkannt und unterbunden werden!

Bildreihe 1: Grundspielweise der 6:0-Abwehr

Info 1: Beobachtungsschwerpunkte – Überzahl am Ballort

In der 6:0-Abwehr ist jeder Verteidiger für einen bestimmten Abwehrraum zuständig. Agiert in ihm beispielsweise ein Kreisspieler, muss ihn der zuständige Verteidiger gegen Anspiele abschirmen. Verlässt der Kreisspieler diesen Raum, darf der Verteidiger ihm nicht folgen! Vielmehr übergibt er ihn an einen benachbarten Mitspieler. Dieses ständige Übergeben/Übernehmen von Angreifern ist ein wichtiger Beobachtungsschwerpunkt für die Schiedsrichter. Die Abbildung zeigt eine typische Situation: Abwehrspieler Innen-Rechts greift den ballbesitzenden Rückraum-Links offensiv an, die defensiven Abwehrspieler Halb-Rechts und Innen-Links verdichten den offenen Abwehrraum hinter ihm. Kurz: Sie bilden gegen den Ballhalter ein Abwehrdreieck. Welche Beobachtungsaufgaben haben Tor- und Feldschiedsrichter in dieser Situation?

So sieht es der Feldschiedsrichter

Der Feldschiedsrichter muss sich – bei einer 6:0-Abwehr meist seitwärts bewegend – so postieren, dass er vor allem den konkreten Zweikampf mit Ball beobachten kann: Dazu muss die Position des Feldschiedsrichters so gewählt werden, dass er stets diagonal zwischen Angriffs- und Abwehrspieler schauen kann, um erkennen zu können, ob beide Spieler regelgerecht agieren. Steht der Feldschiedsrichter in gerader Linie zur Sichtachse von Angriffs- und Abwehrspieler, kann er nicht erkennen, wer wie regelwidrig agiert. Daneben sollte der Feldschiedsrichter aber auch die benachbarten Abwehrspieler peripher im Blick haben. Wie die Abbildung aus seiner Perspektive zeigt, muss der Feldschiedsrichter immer leicht diagonal hinter dem Ballhalter agieren, damit er bei Durchbruchsaktionen nach vorn auch Einblicke in den Tiefenraum in Richtung Torraumlinie hat und die weitere Spielhandlung optimal verfolgen kann.

So sieht es der Torschiedsrichter

Die Abbildung zeigt, dass der Torschiedsrichter aus seiner Position vor allem den offenen Abwehrraum (‘Abwehrdreieck’) hinter dem offensiven Innen-Rechts sehr gut beobachten kann. Er muss hier das Verhalten des Abwehrspielers und Kreisläufers permanent beobachten. In dieser Situation könnte sich z.B. der Kreisspieler kurzfristig zum Anspiel freilaufen oder eine Sperre setzen. Kommt es zum Zweikampf, muss der Torschiedsrichter auch die Bewegungen benachbarter Abwehrspieler in Richtung Ball beobachten (bspw. Lauf durch den Torraum). Der Torschiedsrichter sollte auch die Spieler auf der ballfernen Seite peripher im Blick haben. Läuft beispielsweise der Rechtsaußen (hier nicht zu sehen) in die Nahwurfzone, kann es auch zu weiteren Zweikämpfen ohne Ball kommen. Auch hier muss das Stellungsspiel so gewählt werden, dass Regelwidrigkeiten erkannt und geahndet werden können.


Beobachtungsschwerpunkte

Die Schiedsrichter sollten von Beginn an insbesondere auf die grundsätzliche Spielweise der Halb- und der Innenverteidiger achten. Hier gibt es Varianten mit unterschiedlichen Beobachtungsschwerpunkten: 

Wie Bildreihe 2, Info 2 und 3 zeigen, konkretisiert sich das grundsätzliche Problem der 6:0-Abwehr in der Form, dass der gegnerische Kreisspieler die Abwehrspieler hinterlaufen kann.

Im Wissen um dieses ‘Strukturproblem’ versuchen die Abwehrspieler häufig, dieses Hinterlaufen durch Regelwidrigkeiten wie Festhalten zu unterbinden. Schiedsrichter benachteiligen die angreifende Mannschaft, wenn sie solche Vergehen – häufig im Sinne des Spielflusses – nicht konsequent unterbinden. Info 2 erläutert, wie die Unparteiischen solche Problemsituationen bei zweckmäßiger Aufgabenteilung sicher beobachten und beurteilen können.

Bildreihe 2: Grundspielweise der 6:0-Abwehr

Info 2: Beobachtungsschwerpunkte und Aufgabenteilung

Feldschiedsrichter

  • Beobachtung des Zweikampfs mit Ball im Rückraum
  • Periphere Beobachtung des Abwehrverhaltens benachbarter Abwehrspieler, die aushelfen wollen

Torschiedsrichter 

  • Grundsätzlich sämtliche Aktionen unmittelbar an der Torraumlinie
  • In erster Linie Beobachtung von Zweikämpfen ohne Ball zwischen Kreis- und Abwehrspieler 

    Beispiele für typische Regelwidrigkeiten in dieser Situation: 
    – Festhalten des Kreisspielers von der Seite/von hinten 
    – Lauf durch den Torraum 
    – Angreifervergehen: z. B. Abstoßen vom Abwehrspieler oder aktive Sperre (vgl. Regel 8.2)


Wichtig:
Nicht ballbezogene Regelwidrigkeiten (Halten, Stoßen etc.) sind konsequent unter Beachtung der Vorteilsauslegung, progressiv zu bestrafen!

Info 3: Beobachtungsschwerpunkte – Torraum

Viele Schiedsrichter, insbesondere Einsteiger, machen gerade bei defensiveren Abwehrformationen den Fehler, dass ihr Blick überwiegend (oder gar ausschließlich) dem Ballverlauf folgt. Gerade in sehr engen Räumen entlang der Torraumlinie ist eine detaillierte Beobachtung des Spielgeschehens ohne Ball notwendig. Das gelingt nur mit einer zweckmäßigen Aufgabenteilung zwischen den Unparteiischen.

In der Beispielsituation (siehe Abbildung) spielt Rückraum-Links zu Rückraum-Mitte. Mit leichtem Verzug folgt der Kreisspieler diesem Pass nach innen. Wird Rückraum-Mitte offensiv angegriffen, kann der Kreisspieler den entstehenden freien Raum für ein Anspiel nutzen.

So sieht es der Feldschiedsrichter

In der Abbildung ist deutlich zu erkennen, dass sich der Feldschiedsrichter in erster Linie auf die Spieleraktionen bzw. Zweikämpfe mit Ball im Rückraum konzentrieren muss. Mögliche Regelwidrigkeiten gegen den Kreisspieler kann und darf er in dieser Situation gar nicht im Blick behalten/beurteilen, da er auf die Spieler am Ballort fokussiert sein muss. Hier ist der Feldschiedsrichter also zwingend auf seinen Partner hinter der Torauslinie angewiesen.

So sieht es der Torschiedsrichter

Der Torschiedsrichter muss im (taktischen) Wissen um diese typische Problemsituation sehr früh das Spielverhalten des Kreisspielers bzw. des entsprechenden Abwehrspielers beobachten. Denn häufig reicht bereits ein (regelwidriges) kurzes Festhalten aus, um das Timing der gesamten Angriffsaktion entscheidend zu stören.

Diese Probleme entstehen in der 6:0-Abwehr vor allem dann, wenn insbesondere beide Innenverteidiger in der Mitte eher offensiv agieren. Wie die Abbildung zeigt, entsteht in dieser Situation für einen kurzen Moment ein relativ großer und offener Raum!

Kreisspiel

Meist agieren alle Verteidiger überwiegend entlang der Torraumlinie, die Angreifer können so noch näher am Torraum agieren. Dabei haben Kreisspieler kaum noch Chancen, die Abwehr regelgerecht zu hinterlaufen. Häufige Regelwidrigkeiten, die unabhängig vom Ballort besonders der Torschiedsrichter zu beobachten hat, sind u. a.: 

  • Ein Kreisspieler drückt einen Verteidiger in den Torraum, um für Würfe aus dem Rückraum Platz zu schaffen.
  • Verteidiger blocken Torwürfe, indem sie im Torraum stehend zum Block springen.
  • Verteidiger bewegen sich fortlaufend durch den Torraum, um am Kreisspieler/der Sperre vorbeizukommen.

Der Feldschiedsrichter muss sich besonders auf Zweikämpfe am Ballort konzentrieren (z. B. Hineinspringen in die Abwehrspieler).


Irreguläre Aktionen in der Nahwurfzone konsequent unterbinden

Bildreihe 3 zeigt Problembereiche und Schwerpunkte bei der Beobachtung einer 6:0-Abwehr  

  • Viele relevante Aktionen finden in sehr engen Räumen statt.
  • Häufig kommen Regelwidrigkeiten an der Torraumlinie sowie am Ballort gleichzeitig vor
  • Permanente, regelwidrige Zweikämpfe speziell zwischen Kreisspielern und Abwehrspielern.

Für das Angriffsspiel ist das taktische Verhalten des Kreisspielers von besonderer Bedeutung. Gerade gegen eine 6:0-Abwehr sind insbesondere von ihm gestellte Sperren ein probates Mittel, die permanente Übergabe oder Übernahme zwischen den Abwehrspielern zu stören oder sogar zu verhindern bzw. um Räume zu schaffen. Die daraus resultierenden Fehler in der taktischen Kooperation der Abwehr bringen dann oft den entscheidenden Stellungsvorteil für die Angreifer.
Im Wissen darum versuchen Abwehrspieler ihrerseits, den Aktionsradius von Kreisspielern weitgehend zu beschränken. Dies geschieht allerdings allzu oft durch regelwidriges Verhalten, wie bspw. Festhalten, fortlaufendes Klammern oder Stoßen.

Bildreihe 3: Regelwidrigkeiten an der Torraumlinie


Varianten der 6:0-Abwehr

Bildreihe 4: 6:0 mit offensiven Halbverteidigern

Neben der bereits erwähnten rein defensiven 6:0-Abwehr wird noch eine Variante mit offensiven Halbverteidigern gespielt (siehe Bildreihe 4). Wie die Bilder 1 und 3 in der Bildreihe zeigen, versuchen die Halbverteidiger das Passspiel im Rückraum sehr gezielt zu stören, indem sie sich kurzzeitig und schnell aus der 6:0 Abwehrformation herauslösen.  Dadurch öffnen sich nunmehr hinter den offensiver agierenden Abwehrspielern größere Räume (Bild 3), die speziell der Kreisspieler nutzen kann. Genau auf diesen Bereich muss sich dabei besonders der Torschiedsrichter in der Beobachtung des Spielgeschehens konzentrieren (siehe oben).