Das Stellungsspiel der Schiedsrichter bei tendenziell offensiven Abwehrformationen

Wegen der Tiefenstaffelung offensiver Abwehrformationen entstehen wesentlich größere Beobachtungsräume. Der Torschiedsrichter muss jetzt alle Aktionen ohne Ball in der Nahwurfzone im Fokus haben.

Das Stellungsspiel der jeweiligen Spielsituation anpassen

Info 1: Grundlegende Beobachtungsräume bei einer 4:0+2-Abwehr

Diagonale Positionen beider Schiedsrichter bei einer offensiven 4:0+2-Abwehr (= 2 sehr offensive Verteidiger VL [gegen RL] und VR [gegen RM]). Der Feldschiedsrichter kann sich dabei noch etwas nach vorn verschieben, da der RM als letzter Spieler im Tiefenraum ohne direkten Gegenspieler agiert. Die farblich markierten Flächen kennzeichnen die grundsätzlichen Beobachtungsbereiche des Tor- (= gelb) bzw. des Feldschiedsrichters (= blau).

Dominierten früher wenige Abwehrformationen (6:0-, 3:2:1-Abwehr), ist das Abwehrverhalten inzwischen außerordentlich flexibel geworden. Viele Mannschaften ändern ihre Abwehrformation sogar im Verlauf eines Spiels je nach Spielverlauf und -stand mehrfach. 

Vor allem der Feldschiedsrichter ist gefordert, seine Position situationsgerecht anzupassen. Sein Beobachtungsraum (siehe blaue Fläche im Bild oben) ist jetzt wesentlich größer. Einzelne Spieler, die ohne direkten Gegenspieler im ­Tiefenraum agieren, muss er peripher im Blick haben. Konzentriert sich das Angriffsspiel Richtung Tor, muss er seine Position fortlaufend anpassen (Info 1). 

Wie Info 1 zeigt, besetzen die Spieler in der Angriffseröffnung quasi die gesamte Fläche einer Spielfeldhälfte. In diesem Fall dürfen beide Schiedsrichter nicht statisch auf ihrer Position verharren, sie müssen jetzt das Spielgeschehen aus einer Position in Nähe der Seitenlinie beobachten.


Übergänge – ein Beobachtungsschwerpunkt für den Torschiedsrichter

Info 2: Übergänge ohne Ball im Fokus des Torschiedsrichters

Bei einer derart großen Tiefenstaffelung der Spieler muss der Torschiedsrichter Aktionen ohne Ball in der Nahwurfzone – hier beginnt ein Übergang des Rückraum-Rechts – im Fokus haben. Dabei sollte er so zum Spielfeld stehen, dass er die Aktionen in der Mitte situationsgerecht beurteilen kann, aber er darf dabei auch nicht den RA vernachlässigen. Seine Position sollte er situationsentsprechend weiter Richtung Seitenlinie verschieben.

Übergänge, besonders ohne Ball gespielt, sind gegen offensive Abwehrformationen häufig angewendete Angriffsmittel. Die gegnerische Abwehr muss taktisch auf die veränderte Angriffsformation des Gegners reagieren, häufig wird daher die Abwehrformation geändert. 

Auch hier müssen die Schiedsrichter ihr Stellungsspiel situationsgerecht anpassen. Besonders der Torschiedsrichter muss jetzt die jeweils ballferne Seite im Blickfeld haben, da von dort aus häufig Übergänge von den Halb- oder Außenpositionen gespielt werden. Info 2 zeigt die klare Aufgabenteilung in solchen Spielsituationen: der Feldschiedsrichter verfolgt das Spielgeschehen im Tiefenraum in der Fernwurfzone, der Torschiedsrichter hat den durch den Übergang des rechten Rückraumspielers entstehenden Zweikampf in der Nahwurfzone im Fokus. 

In der Spielsituation oben beobachtet der Torschiedsrichter zwar den Übergang in die Nahwurfzone, hat aber eine diagonale Position zum Spielgeschehen eingenommen. So kann er aber seinen (gelben) Beobachtungsbereich nicht flächendeckend im Blickfeld haben (z. B. den rechten Außenverteidiger und den Linksaußen). Besser wäre hier eine frontale Grundposition an der Torauslinie mit Fokus (= rote Fläche) auf die Spielerpaare im Zentrum der Abwehr.


Kombinierte Abwehrsysteme: Beobachtungsräume nach Breiten- und Tiefenstaffelung der Spieler

Sogenannte kombinierte Abwehrsysteme (ein oder zwei Angreifer werden offensiv manngedeckt, die restlichen Spieler agieren in einer Raumdeckung) erfreuen sich, besonders in Überzahlsituationen zugunsten der Abwehr oder aber gegen Spielende, um z. B. noch einen Rückstand aufholen zu können, großer Beliebtheit. Ziel ist generell, mehr Druck auf den Angriff auszuüben, ihn zu Fehlern zu verleiten und den Ball aktiv zu gewinnen.

Generell dürfen die Schiedsrichter in ihren Positionen nicht statisch agieren. Wie Info 3 und 4 zeigen, muss beispielsweise der Torschiedsrichter seine Position an der Torauslinie verlassen und im Spielfeld nachrücken, wenn die Abwehr in einer sehr ausladenden Tiefenstaffelung agiert. 

So versuchen die in Info 4 offensiv agierenden Abwehrspieler, ihre Gegenspieler möglichst weit in die Spielfeldtiefe „zurückzudrängen“. Auch darauf muss der Feldschiedsrichter reagieren, indem er darauf achtet, dass er nicht plötzlich Pass- oder Laufwege blockiert. Eine Position an der Seitenlinie ist in solchen Situationen günstig (siehe Info 3 bis 5). 

So flexibel wie die Mannschaften ihre Abwehrformationen auch während ein- und desselben Spiels ändern, so flexibel müssen die Schiedsrichter ihre Beobachtungsräume und ihr Stellungsspiel ändern. Etwa, wenn die Breiten- und/oder Tiefenstaffelung der Spieler variiert oder wenn bestimmte Spielfeldzonen vorübergehend verwaist sind. In Info 5 ist beispielsweise die linke Angriffsseite in der Nahwurfzone nicht besetzt. Dadurch ergeben sich diagonal gegenüberliegende Beobachtungsbereiche. 

Besondere Schwierigkeiten für die Unparteiischen bergen Situationen mit einer Einzel-Manndeckung (z. B. gegen RL oder RR). Wird z. B. ein torgefährlicher Rückraumspieler in der Spielfeldtiefe durch einen Gegenspieler gedeckt, würde der Feldschiedsrichter auf derselben Seite sehr schnell den Aktionsradius dieser beiden Spieler behindern. Also: Sofort die Seite wechseln und in Abstimmung mit dem Torschiedsrichter ggf. die Position in den Längshälften tauschen! 

Die Infos 6 und 7 sowie die Bildreihe 1 verdeutlichen die Notwendigkeit einer konsequenten Aufgabenteilung zwischen Tor- und Feldschiedsrichter bei sehr offensiv agierenden Abwehrformationen.

Info 3: 4:0+2-Abwehr mit größerer Tiefenstaffelung

Ausladende Tiefenstaffelung einer 4:0+2-Überzahlabwehr. Damit der Torschiedsrichter jetzt nicht den Kontakt zum Spielgeschehen verliert, muss er seine Position nach vorn in das Spielfeld und in Richtung Seitenlinie verändern, um die offensiv agierenden Spieler in der Nahwurfzone (= gelbe Fläche) beobachten zu können. 

Info 4: Positionen des Tor- und Feldschiedsrichters situationsgerecht verändern

Hier drängt die sehr offensiv agierende Überzahlabwehr den Angriff in die Spielfeldtiefe zurück. Auch hier müsste der Torschiedsrichter situationsgerecht nachrücken. Der Feldschiedsrichter (= blau markierter Beobachtungsraum) muss einzelne Spieler auf Höhe der Mittellinie dann im Fokus haben, wenn ein Kontakt zu einem Gegenspieler beginnt.

Info 5: Veränderte Beobachtungsbereiche je nach Breiten- und Tiefenstaffelung der Spieler

Abhängig von Breiten- und Tiefenstaffelung der Spieler können sich die Beobachtungsräume sehr schnell ändern. Hier ergaben sich einander diagonal gegenüberliegende Beobachtungsbereiche. Beide Schiedsrichter orientieren sich entsprechend in Richtung der Seitenlinien. Der Feldschiedsrichter muss aber hier aufpassen, dass er nicht durch die Aktion in seiner Position eingeschlossen wird. Besser wäre hier, auf die andere Seite zu wechseln.  In derartigen Spielsituationen ist auch auf passive Spielweisen zu achten (z. B. Rückpass zu einem Angreifer in der eigenen Hälfte)!

Info 6: Beobachtungsbereiche und Fokus von Feld- und Torschiedsrichter bei sehr großer Breiten- und Tiefenstaffelung

Hier sehen wir eine extrem offensive 1:5-Überzahlabwehr: der nach vorn und Richtung Seitenlinie vorgerückte Torschiedsrichter muss jetzt besonders die ballferne Seite (= rote Fläche) im Fokus haben. Von dort aus startet der RA gerade einen Übergang. Der Feldschiedsrichter überwacht den Tiefenraum (= blaue Fläche) und insbesondere den Ballweg. Er muss seine Position so wählen, dass er nicht im Rücken des Ballhalters agiert, der ihm die Sicht versperren könnte.

Info 7: Gezielte Aufgabenteilung bei Zweikämpfen mit und ohne Ball

Zwei zeitgleich ablaufende relevante Aktionen verlangen eine gute Aufgabenteilung: Der Torschiedsrichter müsste zunächst seine Position etwas zurück in Richtung Torauslinie korrigieren und sich klar auf den Zweikampf ohne Ball am Torraum konzentrieren. Der Feldschiedsrichter beobachtet den Zweikampf mit Ball, müsste sich allerdings ebenfalls Richtung Seitenlinie orientieren. Wichtig: Als Feldschiedsrichter nicht dem Ball nachlaufen!

Bildreihe 1: Der Torschiedsrichter entscheidet

Ballferne Zweikämpfe ohne Ball muss der Torschiedsrichter im Auge haben!

4:0+2-Überzahlabwehr: Zwei Angreifer werden hier in enger Manndeckung abgeschirmt.

Der Feldschiedsrichter konzentriert sich auf das Spielgeschehen um den Ball im Tiefenraum. Auf den Bildern 1 und 2 ist zu sehen, dass drei offensive Verteidiger die Räume für den Ballhalter und den RM zustellen.  

Der Torschiedsrichter muss sich jetzt konsequent auf die Zweikämpfe ohne Ball kon­zent­rieren. Zunächst sollte er den Versuch des Kreisspielers verfolgen, sich an der Tor­raumlinie für ein Anspiel freizulaufen (Bilder 1 und 2). 

Auf Bild 3 will sich Rückraum-Links mit einem schnellen Antritt in den offenen Raum freilaufen. Dabei hält er jedoch seinen Gegenspieler regelwidrig fest. Der Torschiedsrichter hat diesen Zweikampf im Auge und entscheidet auf Angreifervergehen (Moment des Pfiffs in Bild 4 erkennbar).

Eine sehr gute Leistung, die die Nützlichkeit einer konsequenten Aufgabenteilung bei sehr offensiv agierenden Abwehrformationen verdeutlicht.