Ballbezogene 3:2:1-Abwehr

3:2:1-Abwehr

Defensive Abwehrformationen erfordern andere Beobachtungsschwerpunkte und Aufgabenteilungen zwischen den Schiedsrichtern als offensive. Hier erläutern wir die 3:2:1-Abwehr und deren spezifische Problembereiche.

Effektivere Tiefenstaffelung

Eine 3:2:1-Abwehr weist zunächst eine wesentlich effektivere Tiefenstaffelung auf:  
 

  • Der Vorne-Mitte agiert sehr oft etwa auf Höhe der Freiwurflinie, sichert aber auch ballbezogen in Richtung der beiden gegnerischen Halbpositionen (siehe Bild oben).   
  • Die beiden Halbverteidiger agieren in der Grundaufstellung offensiver (7 bis 8 Meter vor dem Tor) als z. B. in einer 6:0-Abwehr.  
  • Der Hinten-Mitte und beide Außenverteidiger agieren eher defensiv an der Torraumlinie.

Ziel ist es, aus dieser Staffelung der Abwehrspieler heraus die gegnerischen Rückraumspieler früher angreifen zu können. Statt als Blockdeckung (wie die 6:0-Abwehr) wird die 3:2:1-Abwehr häufig als ‘Bekämpfer-Deckung’ charakterisiert.

Ein zweites Merkmal ist genauso wichtig:
Eine 3:2:1-Abwehr ist grundsätzlich ballorientiert, d. h. alle (!) Verteidiger orientieren sich immer konsequent Richtung Ball. Das Bild oben verdeutlicht diese taktische Zielrichtung eindrucksvoll: Während Rückraum-Links mit Ball torgefährlich in Richtung Tor läuft, verdichten Vorne-Mitte, Hinten-Mitte und der Außen-Rechts dessen Aktionsraum. Im Prinzip entsteht so eine 3-gegen-1-(4-gegen-0-) Überzahl am Ballort. 

Für die Beobachtung und Aufgabenteilung der Schiedsrichter ist das Wissen um diese Grundausrichtung einer 3:2:1-Abwehr von entscheidender Bedeutung.  Es entsteht jetzt für den Angriff auf der ballfernen Seite immer eine deutliche Überzahl. Sein Ziel ist es daher, diese Überzahl mit schnellen Pässen möglichst auszuspielen. 

Wie weiter unten beschrieben, ist eine Aufgabenteilung der Unparteiischen daher auch hier unerlässlich (s. Info 1). Bildreihe 1 zeigt eine typische Problemsituation, wie sie beim Angriff gegen eine 3:2:1-Abwehr sehr oft vorkommt.

Info 1: Beobachtungsschwerpunkte – Grundbewegungen gegen 3:3-Angriff

Die Abbildung zeigt die Grundaufstellung der 3:2:1-Abwehr bei Ballbesitz des Rückraum-Links. Wichtigster Beobachtungsschwerpunkt für die Schiedsrichter ist zunächst, wie sich der Hinten-Mitte verhält. Sichert er, obwohl eigentlich für den Kreisspieler zuständig, immer zusätzlich auf der Ballseite, ist bei der Beobachtung des Spielgeschehens eine klare Aufgabenteilung zwischen den Schiedsrichtern unerlässlich:  

  • Der Feldschiedsrichter beobachtet schwerpunktmäßig das Geschehen am Ballort.  
  • Der Torschiedsrichter hat überwiegend das Geschehen auf der ballfernen Seite und vor allem den Kreisspieler im Blick. 
  • Zu beachten ist: Das regelkonforme Abwehrverhalten soll honoriert werden.

So sieht es der Feldschiedsrichter

Zunächst muss der Feldschiedsrichter den Zweikampf mit Ball sowie das Verhalten der Spieler um den Ballort beobachten. Aus seiner Position ist deutlich zu erkennen, dass er sich etwas nach rechts verschieben muss, um das Verhalten des Abwehrspielers (z. B. den Körperkontakt) genau beobachten zu können. Ebenso wird deutlich, dass er z. B. den Kreisspieler und das Verhalten der betreffenden Abwehrspieler auf der ballfernen Seite nicht genau beobachten kann. Dafür ist deshalb in erster Linie der Torschiedsrichter zuständig.

So sieht es der Torschiedsrichter

Hier ist gut zu erkennen, dass der Torschiedsrichter auf der ballfernen Seite ein optimales Blickfeld hat. Zusätzlich muss er in dieser Situation den Kreisspieler genau beobachten, der sich mit einem schnellen Antritt zur Mitte für ein diagonales Kreisanspiel anbieten kann. Häufige Regelwidrigkeiten wie Festhalten des Kreisspielers oder Angreifervergehen (wie Lauf durch den Torraum oder Festhalten/Stoßen des Halbverteidigers) sind hier an der Tagesordnung. Wird der Ball jetzt schnell auf die aus Sicht des Torschiedsrichters linke Seite gespielt, muss er dort das gesamte Spielgeschehen überwachen und gegebenenfalls Entscheidungen treffen.

Bildreihe 1: Höchste Aufmerksamkeit bei Übergängen


Fouls gegen den Diagonal-Kreisspieler sind kein Kavaliersdelikt!

Bildreihe 2: Ein weiteres Problem der 3:2:1: der Diagonal-Kreisspieler

Bildreihe 2 macht wieder deutlich, dass eine Aufgabenteilung zwischen den Schiedsrichtern in der Beobachtung des Spielgeschehens gerade bei einer 3:2:1-Abwehr unerlässlich ist. Die Situation oben ist oft Ausgangspunkt einer gezielten Angriffskonzeption: 

  • Zunächst bietet sich die Möglichkeit eines Anspiels zum Diagonal-Kreisspieler.  
  • Verfolgt der Halbverteidiger, im Bild der Halb-Rechts, den Kreisspieler nach innen, ergibt sich zugunsten des Angriffs eine klare Überzahl auf der linken Seite. Die dann sehr häufig folgende 2 gegen 1-Situation – in Bildreihe 2 wäre das Rückraum-Links und Links-Außen gegen den Außen-Rechts  – muss vor allem der Torschiedsrichter sehr genau betrachten. 

Vom taktischen Grundverständnis her ist auch wichtig, dass etwaige Fouls gegen den Diagonal-Kreisspieler keine ‘Kavaliersdelikte’ sind. Werden solche Regelwidrigkeiten nicht geahndet, wird die angreifende Mannschaft benachteiligt, die diese taktische Schwachstelle der 3:2:1-Abwehr nutzen will.


Alarm bei Übergängen: die 3:2:1-Abwehr gegen einen 2:4-Angriff

Läuft ein Rückraum- oder Außenspieler als zweiter Kreisspieler in die Nahwurfzone ein, ist für die 3:2:1-Abwehr wie für die Schiedsrichter höchste Alarmbereitschaft angesagt! Achten Sie in dieser Situation vor allem auf folgende Verhaltensweisen: 

  1. Viele Abwehrreihen versuchen jetzt, den Angriffsfluss sofort zu unterbrechen. Fouls sind also an der Tagesordnung: Vorteil + Spielgedanke beachten.   
  2. Typisch für eine 3:2:1-Abwehr ist es, dass sie ihre grundsätzliche Spielweise auch gegen zwei Kreisspieler beibehält. Damit ‘potenziert’ sich das in Bildreihe 1 beschriebene Problem einer 3:2:1-Abwehr noch: Alle Verteidiger – besonders natürlich der Hinten-Mitte – agieren auch weiterhin immer konsequent Richtung Ball. Der Hinten­-Mitte muss sich jetzt sehr schnell entlang der Torraumlinie bewegen, da im Prinzip immer ein Kreisspieler kurzfristig frei ist (siehe Bildreihe 3). Genau dieses taktische Problem ist Ursache für viele Regelwidrigkeiten. Umso mehr ist wiederum der Torschiedsrichter gefordert, der das Verhalten der Spieler an der Torraumlinie unter Kontrolle haben muss (siehe Info 2).

Bildreihe 3: 3:2:1-Abwehr gegen 2:4-Angriff

Info 2: Beobachtungsschwerpunkte – Grundbewegungen gegen 2:4-Angriff

In der Abbildung hat Rückraum-Links den Ball. Hinter dem offensiv agierenden Halbverteidiger muss der Hinten-Mitte auf der Ballseite den Kreisspieler abschirmen. Die ganze Abwehr orientiert sich auch weiterhin konsequent in Richtung Ball.  
Die Abbildung zeigt auch die taktische Problemsituation sehr gut: Der rechte Kreisspieler kann sich von der ballfernen Seite für ein diagonales Kreisanspiel freilaufen; auf der rechten Seite besteht generell eine 3 gegen 2-Überzahl zugunsten der Angreifer. Um beobachten zu können, wie die Abwehrspieler mit diesem Problem umgehen, muss sich der Torschiedsrichter jetzt konsequent auf die Aktionen an der Torraumlinie konzentrieren.  

So sieht es der Feldschiedsrichter

Wie die Abbildung zeigt, muss der Feldschiedsrichter sich zum Ballhalter im Rückraum versetzt postieren. So kann er dessen Zweikampf, vor allem den Körperkontakt durch den Abwehrspieler, genau beobachten.  

Zumindest peripher im Blick hat er den rechten Kreisspieler. Das Zweikampfverhalten ohne Ball muss auf ­jener Seite aber vorwiegend  der Torschiedsrichter beobachten.

So sieht es der Torschiedsrichter

Das Abwehrverhalten auf der ballfernen Seite gehört einschließlich des Verhaltens des Kreisspielers hauptsächlich in den Aufgabenbereich des Torschiedsrichters. Hier ist sehr gut zu erkennen, dass sich der Kreisspieler aus dem Rücken seines Gegenspielers zum diagonalen Kreisanspiel nach innen freilaufen kann. Auf diese typische Spielsituation muss der Torschiedsrichter gefasst sein. Festhalten, durch den Torraum laufen und falsche Sperrstellungen sind hier typischerweise auftretende Regelwidrigkeiten.