Der erlaubte Körperkontakt
Angreifer mit Ball haben in der Vorwärtsbewegung in der Regel eine höhere Dynamik als ihre Gegenspieler. Daher dürfen die Abwehrspieler in Zweikämpfen Arme und Hände als ‘Stoßdämpfer‘ einsetzen.
Inhalt
Ziel des Körperkontakts: den Bewegungsvorsprung des Gegenspielers auszugleichen
Typisch für das moderne Angriffsspiel sind schnelle Passfolgen, verbunden mit ständigen Positionswechseln und dynamischen Vorwärtsbewegungen der Angriffsspieler, insbesondere der Ballbesitzer. In der Regel hat hier ein mit Ball in Richtung eines Gegenspielers laufender Angreifer (nach Ballannahme in torgefährlicher Vorwärtsbewegung) ein wesentlich höheres Aktionstempo. Dürfte der Abwehrspieler hier nicht gemäß Regel 8:1b Körperkontakt aufnehmen, um diesen Bewegungsvorsprung aufzufangen, wäre er bei schnellen Richtungswechseln und Täuschungen des Angreifers in vielen Situationen chancenlos. Wichtig ist es hier, dem Abwehrspieler auch das regelgerechte Verhalten zuzugestehen!
Allerdings unterliegt dieser erlaubte Kontakt regeltechnischen Einschränkungen, die sich aus der Regel 8:2 ergeben. Diese Einschränkungen bedeuten, dass das regelgerechte Abwehrverhalten sehr technikorientiert ausgeführt werden muss und entsprechend anspruchsvoll ist, sonst ergeben sich rasch nahtlose Übergänge zu Regelwidrigkeiten (8:2).
Zweikämpfe richtig beurteilen
Zweikämpfe sind Ausgangspunkt vieler Torwurfsituationen. Das taktische Motiv eines Angreifers mit Ball im Zweikampf kann recht unterschiedlich sein:
- Direkter Durchbruch Richtung Tor: Der Angreifer versucht, seinen Gegenspieler z. B. mit einer Täuschung auszuspielen.
- Einen weiteren Abwehrspieler zum Aushelfen verleiten: Erreicht der Angreifer im Zweikampf einen Bewegungsvorsprung (ist z. B. seine Wurfarmseite frei), wird in ballorientierten Abwehrformationen ein weiterer Abwehrspieler versuchen, die Lücke zu schließen. Das eröffnet den Angreifern die Chance, im Folgenden auf der Gegenseite ein Überzahlspiel auszuspielen. Bei guten taktischen Kenntnissen erkennen die Schiedsrichter diese sich abzeichnende Überzahlsituation und lassen das Spiel weiterlaufen.
- Bei Unterzahl des Angriffs dadurch Zeit schinden, dass ein Angreifer im Zweikampf ein Foul provoziert und damit eine Spielunterbrechung (Freiwurf) erreicht.
Aus diesen Beispielen wird deutlich, dass Schiedsrichter bei der Beurteilung von Zweikämpfen den taktischen Hintergrund kennen und auch mitberücksichtigen sollten. Darüber hinaus sollten sie die unten aufgelisteten Beobachtungskriterien für ihre Beurteilung nutzen. Diese gelten übrigens für das Abwehr- wie für das Angriffsverhalten.
Beobachtungskriterien für die Beurteilung von Zweikämpfen
1. Timing
2. Grundposition
3. Verhalten in der Grundposition
4. Verhalten in Folgehandlungen
1. Timing
Sehr wichtig für die Beurteilung des Zweikampfs ist die Entstehungssituation: Agiert der Abwehrspieler bereits deutlich im Raum des Angreifers mit Ball oder versucht er, z. B. aus seitlicher Laufbewegung, einen potenziellen Durchbruchsraum für den Angreifer erst noch zu schließen?
Beachte: Wer seine Position im Raum zuerst regelgerecht eingenommen hat, ist grundsätzlich erst einmal im Recht!
2. Grundposition
Gemäß Regel 8:1b darf ein Abwehrspieler Körperkontakt mit dem Angreifer nur von vorn, also aus einer frontalen Grundposition heraus, aufnehmen. Folgerichtig sind Abwehraktionen von der Seite oder sogar von hinten ein Alarmsignal für die Schiedsrichter, die jetzt genau beobachten müssen, wie die Abwehr diesen räumlichen Nachteil kompensieren will.
3. Verhalten in der Grundposition
Dieses Kriterium bezieht sich ebenfalls auf beide Spieler: Rennt ein Angreifer mit Ball in einen in frontaler Grundposition agierenden Abwehrspieler hinein (8:2d), liegt ein Angreiferfoul vor. Der Abwehrspieler wiederum darf in korrekter Grundposition zwar mit angewinkelten Armen Körperkontakt aufnehmen, aber keine Regelwidrigkeiten (z. B. Festhalten, Stoßen, s. 8:2b und c) begehen.
Beachte: Eine frontale Grundposition des Abwehrspielers ist noch lange keine Gewähr dafür, dass sein Abwehrverhalten auch insgesamt regelgerecht ist!
4. Verhalten in Folgehandlungen
Ein Angreifer wird im Zweikampf z. B. versuchen, nach einer Täuschung am Gegenspieler vorbeizulaufen. Hier gilt es genau zu beobachten, ob der Abwehrspieler seinen Gegenspieler noch in frontaler Grundposition agierend kontrollieren und begleiten kann (8:1b).
Im Folgenden wollen wir die Anwendung dieser Beobachtungs- und Entscheidungskriterien am Beispiel von Zweikämpfen im Rückraum verdeutlichen.
Wer hat seine Ausgangsposition zuerst erreicht?
Ursache der meisten Regelwidrigkeiten in Zweikämpfen ist, dass der Abwehrspieler keine optimale Position zum Gegenspieler hat. Entscheidend ist hier also zunächst das Timing:
Der Abwehrspieler muss am Ort des Aufeinandertreffens eindeutig vor dem Angreifer in frontaler Grundposition agieren, also dessen Laufweg frontal versperren. Kommt er zu spät, liegt ein Foul in der Luft! Typische Spielsituationen dazu in Info 1 und 2. Hier kann es bspw. nach schnellen Abspielen schwierig für die Schiedsrichter werden, den genauen Moment zu „erwischen“, an dem die Spieler ihre Position erreicht haben.
Die Schiedsrichter müssen, nicht nur deshalb, die Situation genau ‘lesen’ und beobachten, sondern dann auch beurteilen, wie die Abwehr einen eventuellen Positionsnachteil kompensiert. Häufig kommen dabei sogenannte ‘Notbremsen’ wie regelwidriges Festhalten oder Stoßen vor.
Die Technik des erlaubten Körperkontakts
Erwartet der Abwehrspieler den mit Ball aus dem Rückraum anlaufenden Angreifer, muss er ihm in Zweikampfsituationen in Tornähe offensiv entgegentreten und bei Durchbruchsaktionen mit angewinkelten Armen den für den Handball typischen Körperkontakt suchen. Nur so kann er zunächst den Bewegungsvorsprung seines Gegenspielers ausgleichen, sodass er im weiteren Verlauf des Zweikampfs überhaupt eine Chance zur regelgerechten Balleroberung hat (siehe Info 3).
Regel 8:1b gibt vor, wie der Abwehrspieler seine Arme und Hände bei Aufnahme des Körperkontakts benutzen darf. Die Armtechnik ist nach dem Regeltext eine passive.
Mit angewinkelten Armen soll Gegendruck am Körper/Wurfarm des Ballbesitzers erzeugt werden. Arme und Hände haben also die Funktion eines Distanzhalters und ‘Stoßdämpfers’, d. h., mit der beschriebenen Armtechnik soll in erster Linie die höhere Aktionsgeschwindigkeit des in der Vorwärtsbewegung befindlichen Angreifers ausgeglichen werden.
Arme und Hände erzeugen einen – passiv gedachten – Gegendruck, nicht zu verwechseln mit aktivem Stoßen! Körperkontakt mit angewinkelten Armen ist hier für die Schiedsrichter ein wichtiges Kriterium. Außerdem sollte ein Sicherheitsabstand (ca. eine Armlänge) zwischen Abwehrspieler und Angreifer bestehen. Ist dies nicht der Fall, müssen die Schiedsrichter vor allem zwei Dinge beurteilen: Ist der Angreifer auf den Abwehrspieler aufgelaufen (= Angreifervergehen) oder hält bzw. umklammert der Abwehrspieler ihn?
Eine Übersicht zum regelkonformen Körperkontakt gibt Info 3. Info 4 und 5 zeigen ergänzend verschiedene gängige Technikvariationen bei der Aufnahme des Körperkontakts. Bildreihe 1 verdeutlicht typische Regelwidrigkeiten wie das häufig zu beobachtende Festhalten/Einklemmen des Arms des Abwehrspielers. Bildreihe 2 zeigt einen regelkonformen Kontakt gegen einen Angreifer im Sprung.
Wichtig!
Schon bei Aufnahme des Körperkontakts aus der frontalen Grundstellung heraus ist in der Regel eine Reihe von Regelwidrigkeiten denkbar.
Beispiele:
- Stoßen mit gestreckten Armen
- Festhalten an Wurfarm, Körper, Trikot
- Umklammern des Angreifers, sodass dieser den Ball nicht weiterspielen kann.
- Schlagähnliche Bewegungen mit den Armen in Richtung Körper oder sogar Gesicht des Angreifers (Das kann bei erheblicher Intensität sogar mit Disqualifikation geahndet werden; siehe dazu auch 8:5b und 8:6a).
Mehr mit den Beinen als mit den Armen verteidigen!
Diese bekannte Traineranweisung bezieht sich auf das Soll-Verhalten des Abwehrspielers bei typischen Folgehandlungen des Angreifers nach Täuschungen oder schnellen Richtungsänderungen im Zweikampf. Jetzt drohen Durchbruchsversuche zur Wurfarm- oder zur Wurfarmgegenseite.
Regel 8:1b beschreibt das entsprechend korrekte Abwehrverhalten:
Der Abwehrspieler kann bei Durchbruchsaktionen des Angreifers diesen nur dann regelkonform kontrollieren, wenn er sich flexibel verschiebt und dabei die frontale Grundposition beibehält. Häufig aber bleiben Abwehrspieler entweder stehen oder verschieben sich zu spät. Die Schiedsrichter müssen jetzt genau beobachten, wie der Abwehrspieler diesen Nachteil zu kompensieren versucht. Ist ihre Beinarbeit mangelhaft, versuchen Abwehrspieler häufig, den räumlichen Vorsprung des Angreifers durch regelwidrige Armarbeit auszugleichen.
Beispiele:
- fortlaufendes Festhalten oder Umklammern
- Stoßen von der Seite oder von hinten, um einen Schrittfehler des Angreifers zu provozieren und damit eine gezielte Folgehandlung zu unterbinden.
Für die Beurteilung als Schiedsrichter ist also wichtig, ob der Abwehrspieler sich bemüht, seine Grundposition mit guter Beinarbeit permanent zu korrigieren. Vorwärtsbewegungen des Angreifers dürfen nicht durch Klammern oder Festhalten gestoppt bzw. durch permanenten Körperkontakt eingeschränkt werden (siehe unten Info 6).
Gerade bei Regelwidrigkeiten während Folgehandlungen des Angreifers ist besonderes Fingerspitzengefühl gefragt: Hat der Angreifer bereits einen räumlichen Vorteil errungen, könnte ein zu früher Pfiff eine Vorteilssituation für den Angriff zerstören. Hier darf der Abwehrspieler ggf. erst nach Vorteilsgewährung, also nachträglich bestraft werden.
Bildreihe 3 zeigt das der Regel 8:1b entsprechende Abwehrverhalten gegen einen Angreifer mit Ball.