Anwurfsituation: Der Feldschiedsrichter hat die Anwurfausführung im Fokus, während der Torschiedsrichter die zurücklaufenden Abwehrspieler im Blickfeld haben sollte (konzentriert sich hier zu sehr auf den Lauf Richtung Grundposition). Dabei orientiert er sich an der Tiefenstaffelung der Abwehrspieler.

Aufgabenteilung und Stellungsspiel von Feld- und Torschiedsrichter

Das Spiel ist schneller geworden, Abwehrformationen werden im Spielverlauf häufig variiert, variable Angriffssituationen, insbesondere durch den siebten Feldspieler, fordern die Schiedsrichter – da ist ein der jeweiligen Spielsituation flexibel angepasstes Stellungsspiel der Schiedsrichter eine ganz wesentliche Voraussetzung für richtige Entscheidungen.

Die Komplexität im Spiel macht eine Aufgabenteilung zwischen Tor- und Feldschiedsrichter erforderlich

Das Spieltempo ist kontinuierlich gestiegen. Die Zahl der Angriffe hat sich erhöht.

Im Spitzenhandball setzen Topmannschaften auf konsequentes Tempospiel mit vielen schnellen Anwurfausführungen. Durch den häufigen Verzicht auf längere Aufbauphasen im Übergang vom Tempospiel zum Positionsangriff „verschmelzen“ die Spielphasen im Angriff zunehmend. Diese Entwicklung zu einem „High Speed Game“ bleibt dabei nicht nur der Leistungsspitze vorbehalten. Inzwischen hat das moderne Tempospiel auch in mittleren, teilweise sogar unteren Spielklassen sowie auch im Jugendhandball Einzug gehalten.

Info 1: Aufgabenteilung in komplexen Spielsituationen

Komplexe Entscheidungssituation für die Schiedsrichter unter höchstem Druck: Kurz vor Ende der regulären Spielzeit im WM-Finale 2011 – Frankreich führt 31:30 – setzt Dänemark im letzten Angriff nach Auswechseln des Torwarts den 7. Feldspieler ein (Spieler mit grünem Trikot auf der linken Kreisposition). Jetzt muss die Aufgabenteilung zwischen den Schiedsrichtern stimmen: Der Torschiedsrichter beobachtet beide Zweikämpfe ohne Ball an der Torraumlinie, da ein Kreisanspiel möglich ist. 

Der Feldschiedsrichter dagegen muss sich auf den Zweikampf des linken Rückraumspielers mit Ball gegen seinen Gegenspieler konzentrieren. Letzterer agiert von hinten und versucht im Folgenden, den Durchbruch durch Festhalten am Oberkörper zu verhindern. 

Der Feldschiedsrichter (er antizipiert die regelwidrige Situation bereits!) entscheidet in dieser wichtigen Phase richtig: Nach einem erfolglosen Versuch eines Anspielens des 7. Feld­spielers am Kreis unterbricht er das Spiel und bestraft Abwehrspieler Nr. 6 mit einer Hinausstellung (siehe dazu auch Spielstand und -zeit oben rechts nach der Bestrafung). Spielfortsetzung: Freiwurf (da keine klare Torgelegenheit, weil Rückraum-Links keine Wurfmöglichkeit hatte). Im Anschluss an den Freiwurf konnte Dänemark noch ausgleichen und so eine Verlängerung erreichen!

Dies stellt umfassende Anforderungen an die Spielleitung. Wie Info 1 oben verdeutlicht, müssen Schiedsrichter heute

  • in schnell wechselnden Spielsituationen
  • mit hoher Ereignisdichte (!),
  • mit häufig mehreren, gleichzeitig im Auge zu behaltenden Spieleraktionen und Zweikämpfen mit und insbesondere ohne Ball,
  • in unterschiedlichen Räumen,
  • unter hohen physischen Belastungen und besonders psychischem Druck

Entscheidungen treffen, die oft spielentscheidend sein können.

Nach wie vor sind dazu Grundfähigkeiten wie sehr gute Regelkenntnisse, gute Wahrnehmung, Antizipation und Teamarbeit der Schiedsrichter, verbunden mit einem kompetenten persönlichen Auftreten, elementare Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Spielleitung. 

Die Schlüsselfähigkeit ist, die Aufmerksamkeit zur richtigen Zeit auf die wichtigen Informationen zu richten und diese Informationen mit dem eigenen Wissen abzugleichen.

Darüber hinaus müssen Schiedsrichter mehr denn je auch über sehr gute spieltaktische Kenntnisse und ein dementsprechend gutes Spielverständnis verfügen, um Spielsituationen richtig wahrnehmen bzw. mögliche Entwicklungen entsprechend vorwegnehmen (= antizipieren) zu können.

Dazu ist eine gute Fitness die Grundvoraussetzung für ein gutes Lauf- und Stellungsspiel der Schiedsrichter. Gerade gegen Ende des Spiels sind die Schiedsrichter besonders gefordert. In diesen Phasen unterstützt ein guter körperlicher Zustand auch eine klare Entscheidungsfindung.

Eine gute „Spielfeldabdeckung“ durch den Feldschiedsrichter ist zwingend erforderlich, wobei sich auch der Torschiedsrichter in seiner Positionierung auf die jeweiligen Spielaktionen einstellen muss.

Die Schiedsrichter müssen sich auf den „jeweiligen Spielcharakter“ einstellen und ihre Position oder Stellung so verändern, dass sie möglichst immer einen seitlichen bzw. diagonalen Einblick in den Kontakt zwischen Angriffs- und Abwehrspieler erhalten (pendeln + näher an die Aktion herangehen).

Das moderne Handballspiel stellt also an das Stellungsspiel und die entsprechende Aufgabenteilung der Schiedsrichter hohe Anforderungen, die wir in diesem Kapitel detailliert erläutern.


Grund- bzw. Ausgangspositionen von Tor- und Feldschiedsrichter

Gemäß Regel 17:1 wird das Spiel von zwei gleichberechtigten Schiedsrichtern geleitet. In der Praxis ist allerdings eine Beobachtungs- und Aufgabenteilung unerlässlich.

Vorab muss betont werden, dass ein „ideales Stellungsspiel“ über die gesamte Spielzeit nicht immer möglich ist, zumal dieses auch immer abhängig von der jeweiligen Spielsituation ist. 

Allerdings müssen die Schiedsrichter immer bestrebt sein, durch ein „aktives“ anstelle eines „statischen“ Bewegungsverhaltens eine optimale Position und eine gute Sicht auf das Spielgeschehen zu erreichen.

Info 2: Hauptsächliche Beobachtungsbereiche des Tor- und des Feldschiedsrichters

Der Torschiedsrichter konzentriert sich vor allem auf Aktionen entlang der Torraumlinie. Dazu zählen Zweikämpfe vor allem ohne Ball, die Einnahme von Sperrstellungen des Kreisspielers oder auch das Einlaufen von Außen- bzw. Rückraumspielern in die Nahwurfzone.

Der Feldschiedsrichter beobachtet das Spielgeschehen vor allem auf den Rückraum- und Außenpositionen. Er muss hier Zweikämpfe mit Ball im Fokus haben, dabei sein Stellungsspiel so anpassen, dass er den Raum zwischen Abwehr- und Angriffsspieler möglichst diagonal einsehen kann.

Der Feldschiedsrichter

Der Feldschiedsrichter agiert grundsätzlich im Rücken der Angreifer und diagonal zum Torschiedsrichter. Je nach Spielsituation muss er sein Stellungsspiel in der Tiefe und Breite entsprechend anpassen.  

Spieler der angreifenden Mannschaft darf er dagegen (z. B. bei Wechseln) durchaus im Rücken haben, da Zeitnehmer/Sekretär die Wechselvorgänge überwachen. Das gleiche gilt z. B. auch für einen Spieler der abwehrenden Mannschaft, der sich noch in der gegnerischen Hälfte befindet oder ausgewechselt wird. 

Der Feldschiedsrichter muss das Spiel in der Breite dynamisch verfolgen und von der Grund- bzw. Ausgangsposition permanent so anpassen, dass er z. B. bei Zweikämpfen den Raum zwischen Abwehr- und Angriffsspieler aus diagonaler Perspektive einsehen kann.  

Dabei darf er aber die Aktivitäten speziell der Rückraumspieler nicht behindern.

Der Torschiedsrichter

Der Torschiedsrichter hat seine Grund- bzw. Ausgangsposition ca. 3 Meter vom Torpfosten entfernt hinter der Torauslinie in derjenigen Längshälfte des Spielfelds, in der der Feldschiedsrichter nicht agiert.

Auch er muss seine Position situativ ändern, wenn die Abwehr z. B. offensiv, also sehr weit vor dem Tor, agiert. In solchen Situationen kann er sogar eine Position im Spielfeld einnehmen. Andererseits sind auch Positionsveränderungen nach hinten bzw. zur Seite notwendig  um eine bessere Beobachtungsposition zu erlangen (z. B. Außensituationen auf seiner Seite),. Wie die gelbe Fläche in Info 2 zeigt, konzentriert sich der Torschiedsrichter vor allem auf Aktionen entlang der Torraumlinie, natürlich auch auf solche ohne Ball.


Bei der Beobachtung des Spielgeschehens ist gute Teamarbeit gefragt!

Grundsätzlich ist für alle Vergehen im Rückraum und in Ballnähe sowie für die korrekte Ausführung formeller Würfe (Anwurf, Freiwurf, 7-m-Wurf) der Feldschiedsrichter zuständig (siehe Info 3). Zudem sollte er alle Time-out-Entscheidungen anzeigen, da er generell engen Kontakt zum Zeitnehmertisch hat und hält.  

Durch das modere Stellungsspiel haben sich die Beobachtungsschwerpunkte des Torschiedsrichters angesichts der immer größeren Bedeutung des Spiels ohne Ball deutlich verändert (siehe Info 4), sein Beobachtungsspektrum im Team hat sich deutlich erweitert.  

Tor- und Feldschiedsrichter teilen ihre Beobachtungsbereiche gemäß Info 2 auf. Aufgrund ihrer diagonalen Grundpositionen hat, wie Info 5 zeigt, der Torschiedsrichter bei 1-gegen-1-Situationen auf seiner Seite eine wesentlich bessere Beobachtungsperspektive. Neben der Beobachtung des Spielerverhaltens entlang der Torraumlinie muss er gemäß interner Aufgabenteilung auf seiner Seite bei der Beurteilung solcher Zweikämpfe (inkl. solcher Entscheidungen wie Schrittfehler, Angreifervergehen, progressive Bestrafungen oder 7-m-Entscheidungen) die Hauptverantwortung übernehmen. 

Info 3: Aufgaben des Feldschiedsrichters (bei Positionsangriff)

Grund- bzw. Ausgangsposition

  • Grundsätzlich hinter dem Angriff
  • Diagonal zum Torschiedsrichter
  • Stellungsspiel/Bewegungen in Tiefe/Breite sind abhängig von den jeweiligen Situationen
  • Bei vorgezogener Abwehr eine läuferische Tendenz zur Seitenlinie.

Grundsätzliche Aufgaben

  1. Vergehen in Ballnähe ahnden
  2. Korrekte Ausführung der Würfe (Anwurf, Freiwurf, 7-m-Wurf)
  3. Anpfiff zur Spielfortsetzung, wenn erforderlich

Info 4: Aufgaben des Torschiedsrichters

Grund- bzw. Ausgangsposition

  • Generell hinter und parallel zur Torauslinie
  • Ca. 3 Meter vom Tor entfernt 
  • Position muss situationsbedingt verändert  werden (seitwärts und nach hinten), um einen optimalen Blickwinkel auf die Außenaktionen zu haben. Agiert die Abwehr sehr weit vor dem Tor (z. B. bei Manndeckung), kann die Grundposition sogar im Spielfeld eingenommen werden.

Grundsätzliche Aufgaben

  1. Betreten des Torraums durch Abwehr-/Angriffsspieler
  2. Entscheidung auf 7-m-Wurf
  3. Torentscheidungen 1-gegen-1-Situationen auf seiner Seite zwischen Freiwurf- und Torraumlinie
    Achtung: Nach interner Absprache können ähnliche Entscheidungen (z. B. auch Schrittfehler) ganz dem Torschiedsrichter überlassen werden!
  4. Einwurf auf seiner Seite
  5. Bei guter Absprache: vorbereitende Sperren

Info 5: Aufgabenteilung zwischen Tor- und Feldschiedsrichter

1-gegen-1-Situation auf der Seite des Torschiedsrichters: Hier konzentriert sich der Torschiedsrichter aufgrund seiner wesentlich besseren Beobachtungsposition auf den Zweikampf mit Ball auf der Rechtsaußenposition.  
Der Feldschiedsrichter antizipiert die mögliche Folgesituation – Pass von RA zu RR mit gleichzeitiger Sperre des Kreisspielers – und verändert seine Position entsprechend (= 1.) nach innen (= 2.).

Wie Info 5 ebenfalls zeigt, soll der Feldschiedsrichter die weitere Situationsentwicklung im Idealfall antizipieren: Mit dem Rückpass vom Rechtsaußen zum rechten Rückraumspieler kann im Folgenden eine 2-gegen-2-Situation mit Sperre des Kreisspielers entstehen. Um bereits die Einnahme der Sperre durch diesen gezielt beobachten zu können, muss der Feldschiedsrichter seine Position nach innen verschieben. So kann er diese Folgesituation bereits von Anfang an aus diagonaler Perspektive beobachten. 

Sperrstellungen von Kreisspielern (siehe auch "Sperren müssen passiv sein!") haben große Bedeutung für die Angriffstaktik. Folgerichtig sind hier auf beiden Seiten viele Regelwidrigkeiten zu beobachten. Hauptverantwortlich für Sperren in der Nahwurfzone ist natürlich der Torschiedsrichter. Er sollte deshalb entsprechende Aktionen ohne Ball von Anfang an gezielt im Auge haben, da viele Regelwidrigkeiten darauf ausgerichtet sind, das gesamte Timing des Sperrens bereits im Ansatz zu stören. Zusätzlicher Beobachtungsschwerpunkt ist das Hinterlaufen der Abwehrspieler durch den Kreisläufer, um sich hierbei einen regelwidrigen Feldvorteil zu verschaffen. 

Solche Aufgabenteilungen verlangen allerdings gute Kommunikation und Absprachen zwischen Tor- und Feldschiedsrichter. Auf keinen Fall darf der Torschiedsrichter bei Entscheidungen des Feldschiedsrichters spontan reagieren und z. B. ohne Blickverbindung zum Partner Handzeichen geben.


Teamarbeit bei Würfen von den Außenpositionen

Aufgrund sich heute durchweg ballorientiert verschiebender Abwehrformationen kommt es auf den Außenpositionen recht häufig zu folgender Situation: Ein Außenspieler wird freigespielt und setzt mit Sprung in den Torraum zum Torwurf an, der Gegenspieler agiert von der Seite (siehe Info 6).  

Verschiedene Regelwidrigkeiten von Angriffs- wie Abwehrspielern können in dieser Situation nur mit guter Teamarbeit antizipiert und geahndet werden:  

Der Feldschiedsrichter beobachtet vor allem den Anlauf des Angreifers, sofern seine eigene Position und Perspektive dies zulassen. Agiert dessen Gegenspieler in einer frontalen Grundposition (Bild links), muss er bei der Beobachtung des Zweikampfs seine Position ggf. flexibel verändern, damit ihm nicht ein Rückraumspieler die Sicht versperrt.   

Steht der Feldschiedsrichter in der anderen Längshälfte, muss er seine Position je nach Abwehrspielweise in Tiefe und Breite verändern, um die Aktion fortlaufend beobachten zu können. Ggf. übernimmt diese Aufgabe besser der diagonal agierende Torschiedsrichter.   

Letzterer muss vor allem alle denkbaren Regelwidrigkeiten am und im Torraum beobachten.   

Häufige Fehlerquellen sind hier sogenannte ‘abgestandene’ Würfe: Der Werfer berührte bereits den Torraum, bevor der Ball seine Hand verlassen hat. Um dies richtig erkennen zu können, ist eine ganz spezifische Beobachtungs- und Bewegungsfolge des Torschiedsrichters notwendig (siehe Bildreihen 1 bis 3 ).

Info 6: Torschiedsrichter: Die eigene Grundposition situationsgerecht korrigieren

Deutlich ist zu erkennen, dass der Torwart die Beobachtungsperspektive des Torschiedsrichters versperrt. Den Anlauf und einen möglichen Körperkontakt kann er so nicht beurteilen.

Auch das Vorbeugen des Oberkörpers verbessert seine Perspektive nicht (Betreten des Torraums beim Absprung?). Stattdessen müsste er einen kurzen Schritt in den Torraum ausführen, um die gesamte Situation besser beobachten zu können.

Um auf der entfernten Seite die Aktion des Rechtsaußen sowie seines Gegenspielers beobachten zu können, geht der Torschiedsrichter ins Spielfeld.

Bildreihe 1: Aktionsreihenfolge des Torschiedsrichters bei der Beobachtung eines Wurfes von der rechten Außenposition (auf seiner Seite)

Bildreihe 2: Beobachtungsablauf beim Torschiedsrichter bei Würfen von der Außenposition

Bildreihe 3: Stellungsspiel bei einem Torwurf von der Gegenseite

Vor allem der Torschiedsrichter muss die Situation außerdem auf das Provozieren eines 7-m-Wurfs hin beurteilen. Dabei hilft ihm die Beurteilung des Wurfwinkels und der ‘Echtheit’ des Wurfansatzes.

Im Folgenden wollen wir die Beobachtungsperspektiven der Schiedsrichter bei Würfen von den Außenpositionen näher betrachten und daraus Konsequenzen für ein situationsgerechtes Stellungsspiel ableiten.


Verhalten des Torschiedsrichters bei Würfen von der Außenposition auf der Gegenseite

Würfe von den Außenpositionen sind häufig das Ergebnis eines taktisch gezielt agierenden Positionsangriffs. Die Hauptbeobachtungsaufgabe fällt hier dem Torschiedsrichter zu (siehe Info 7). 

Agiert der in solchen Situationen auf der Gegenseite (Info 6), hat er im Prinzip zunächst eine für die Beobachtung günstige Grundposition. Wie Info 6 zeigt, versperrt jedoch oft vor allem der Torwart die Sicht für den Torschiedsrichter. Torwarte nehmen bei Erkennen einer Wurfsituation in der Regel zunächst eine offensivere Grundposition ein (Bild links in Info 6). Verzögert der Außenspieler den Wurf im Sprung über dem Torraum, um z. B. einen größeren Wurfwinkel zu erreichen (Bild rechts), muss der Torwart den Angreifer mit einer seitlichen Bewegung verfolgen.  

Info 8 verdeutlicht, dass der Torschiedsrichter seine Grundposition daher rechtzeitig mit einem kurzen Schritt in den Torraum verändern muss! 

Nur dann kann er frühzeitig und gezielt den Anlauf und Absprung des Außenspielers sowie das Abwehrverhalten eines Gegenspielers (Lauf durch den Torraum, kurzer Stoß oder Festhalten des Außenspielers, Provozieren eines Angreiferfouls etc.?) beobachten.

Wie sollte in solchen Situationen die Kommunikation mit dem Feldschiedsrichter aussehen? 

Info 9 (erstes Bild) zeigt, dass der Feldschiedsrichter, falls er seine Position Richtung Seitenlinie verschoben hat, vor allem den Anlauf des Außenspielers und die Seitwärtsbewegung des Gegenspielers recht gut beobachten kann. 

Wie Info 9 (zweites Bild) zeigt, kann der Feldschiedsrichter aus einer diagonalen Position – der Torschiedsrichter agiert jetzt auf der Seite der Wurfaktion – in der Regel nicht unterstützend eingreifen. Deutlich ist zu erkennen, dass zur Ballseite nachrückende Spieler die Sicht versperren.  

Hier müssen beide Schiedsrichter bei regelwidrigen Verhaltensweisen also gut kommunizieren und ihnen standardmäßig zugewiesene Beobachtungsaufgaben auch mal tauschen.

Info 7: Aufgabenteilung bei Würfen von den Außenpositionen

Diagonale Beobachtungsperspektive des Torschiedsrichters. Mit einem Schritt in den Torraum verbessert er sein Blickfeld!

Hauptsächliche Beobachtungsaufgaben des Feldschiedsrichters:

Angreifer
  • Fehler mit Ball beim Anlauf (z. B. Schrittfehler)
  • Angreiferfoul auf seiner Seite
Abwehrspieler
  • Aktion von der Seite (falls die eigene Grundposition diese Beobachtung zulässt)
  • Grundposition des Angreifers v. a. beim Sprung in den Torraum
  • Regelwidrigkeiten im Verhalten gegenüber dem Gegenspieler (z. B. Stoßen, Griff in den Wurfarm)

Hinweis: Diese Aufgaben sind abhängig von der Beobachtungsperspektive und Position des Feldschiedsrichters. Ggf. müssen solche Entscheidungen ganz dem Torschiedsrichter überlassen werden (siehe Info 9).

Hauptsächliche Beobachtungsaufgaben des Torschiedsrichters:

Abwehrspieler
  • Betreten des Torraums aus taktischen Gründen?
  • Grundposition beim Beginn der Aktion
  • Regelwidriger Körperkontakt, z. B. Stoß von der Seite?
  • Falls der Außenverteidiger mitspringt: Verhalten im Sprung
Angreifer
  • Absprung: Torraum betreten?
  • Wurfbewegung: Berührung des Torraums, bevor der Ball die Hand verlassen hat?
  • Torentscheidung
  • Lauf durch den Torraum

Info 8: Vergleich der Beobachtungsperspektive des Torschiedsrichters (Wurfaktion auf der entfernten Außenposition)

Blickwinkel aus der Grundposition (hinter der Torauslinie)

So sieht der Torschiedsrichter die in Info 6 beschriebene Wurfaktion. Deutlich ist erkennbar, dass er Anlauf und Absprung des Rechtsaußen sowie das Verhalten von dessen Gegenspieler kaum beobachten kann. Sogenannte „versteckte“ Fouls wie z. B. ein kurzer Stoß bzw. ein Festhalten an einem Bein können so in der Regel nicht wahrgenommen werden.

Blickwinkel aus einer korrigierten Position (im Torraum)

Diese 3-D-Grafik zeigt die Beobachtungsperspektive des Torschiedsrichters aus einer nunmehr korrigierten Position im Torraum. Bereits ein kurzer Schritt nach vorn reicht hier aus, um den Blickwinkel signifikant zu verbessern.
Eine optimale Beobachtungsposition ist in solchen Situationen wichtiger als Vorkehrungen dagegen, dass der Torschiedsrichter im Torraum z. B. einen vom Tor/Torwart abprallenden Ball berührt.

Info 9: Vergleich der Beobachtungsperspektive des Feldschiedsrichters (Wurfaktion auf der Außenposition)

Wurfaktion auf der Seite des Feldschiedsrichters

Agiert der Feldschiedsrichter auf der Seite der Wurfaktion, kann er die Situation in der Regel recht gut beobachten. Voraussetzung ist jedoch, dass er sich in Richtung Seitenlinie orientiert. Die grüne Fläche verdeutlicht seine Beobachtungsperspektive: Er kann vor allem den Anlauf des Werfers und das Verhalten des Gegenspielers – er läuft dem Angreifer in der Regel seitwärts entgegen – beobachten und so die Beobachtung des Torschiedsrichters unterstützen.

Wurfaktion auf der Gegenseite des Feldschiedsrichters

Hier agiert der Feldschiedsrichter bei einer ähnlichen Wurfaktion diagonal zum Torschiedsrichter. Man sieht, dass er die Situation kaum adäquat beobachten kann. Ballorientiert nachrückende Spieler versperren ihm in der Regel die Sicht. Hier muss eindeutig der Torschiedsrichter die Beobachtung übernehmen (vgl. Info 7).


Verhalten des Torschiedsrichters bei Würfen von der Außenposition auf seiner Seite

Befindet sich der Torschiedsrichter auf der Seite der Wurfaktion eines Außenspielers, ist er im Prinzip auf sich allein gestellt. Info 9 verdeutlicht, dass dem Feldschiedsrichter aus seiner diagonalen Position auf der Gegenseite die Sicht versperrt ist. 

Info 10: Vergleich der Beobachtungsperspektiven des Torschiedsrichters (Wurfaktion auf seiner Seite)

Grundposition (hinter der Torauslinie)

Die Grafik zeigt eine Momentaufnahme unmittelbar beim Absprung des Außenspielers. Relevante Beobachtungskriterien (z. B. Fuß berührt die Torraumlinie, regelwidriger Körperkontakt des Abwehrspielers) können hier aus einer Position an der Torauslinie nur sehr schwer beobachtet werden, da Blicksprünge notwendig sind.

Korrigierte Position (1 bis 2 Schritte zurück)

Verändert der Torschiedsrichter bei Erkennen der Wurfsituation stattdessen seine Grundposition, indem er sich je nach Situation rückwärts- und oder seitwärts bewegt, vergrößert und verbessert er seinen Beobachtungswinkel. So kann er die sehr schnell ablaufenden Aktionen wesentlich besser im Detail beobachten.

Wie nun kann der Torschiedsrichter diese sehr schnell ablaufenden Aktionen aus kürzester Distanz detailliert beobachten?

Wie das Bild in Info 4 zeigt, verharren die meisten Torschiedsrichter wie „angewurzelt“ in ihrer Grundposition hinter der Torauslinie. Info 10 zeigt in der linken Grafik die Beobachtungsperspektive von dort aus. Um z. B. das Berühren des Torraums und den regelwidrigen Stoß des Abwehrspielers von der Seite gezielt beobachten zu können, ist ein Blicksprung von unten nach oben erforderlich. Für ein sicheres Erfassen dieser sehr schnell ablaufenden Aktionen müsste der Torschiedsrichter seine Position verändern. Die rechte Grafik in Info 10 zeigt zum Vergleich seine Beobachtungsperspektive von einer Position etwa 1 bis 2 Schritte hinter der Torauslinie. Es wird deutlich, dass er von hier die gesamte Aktion wesentlich besser beobachten kann. 

Hinweis: Das Zurücksinken mit 1 bis 2 Schritten sollte diagonal in Richtung Tor erfolgen, um so Distanz und Perspektive zum Geschehen optimal zu vergrößern!  

Wichtig: Der Torschiedsrichter sollte dabei nicht schräg (der Außenposition zugewandt) stehen, sondern weiterhin eine frontale Position zum Spielfeld hin einnehmen. Das Spielgeschehen verfolgt er durch entsprechende Kopfbewegungen. Dies besonders deshalb, um in der Folge das Sprungverhalten des Außenspielers über dem Torraum (z. B. Berühren des Torraums, bevor der Ball die Wurfhand verlässt?) sowie den Torerfolg (Ball hinter der Torlinie?) sicher beurteilen zu können. 

Die Bildreihen 1 bis 3 (s. oben) zeigen zusammenfassend das richtige Bewegungsverhalten des Torschiedsrichters bei Wurfaktionen von den Außenpositionen.

Torentscheidung – auch hier ist gute Teamarbeit der Schiedsrichter gefragt!

Info 11: Die richtige Aktionsfolge bei einem Torerfolg

Handzeichen 12: Torerfolg
  1. Ball im Tor: Blickkontakt Feldschiedsrichter – Torschiedsrichter

  2. Der Feldschiedsrichter hebt zum Zeichen der Zustimmung den gestreckten Arm

  3. Der Torschiedsrichter hebt ebenfalls den Arm und pfeift zweimal

  4. Der Torschiedsrichter wird zum Feldschiedsrichter und pfeift den Anwurf an

Auf den ersten Blick dürfte eine Torentscheidung kein Problem sein, sind doch Aufgaben und Zuständigkeiten klar festgelegt. Jedoch birgt auch diese Situation bei weniger erfahrenen Schiedsrichtern viele Fehlermöglichkeiten: Der Torschiedsrichter erkennt z. B. nach Wurf eines Rückraumspielers auf Tor. Fast im selben Moment erkennt der Feldschiedsrichter auf Freiwurf, da der Rückraumspieler zuvor einen Schrittfehler begangen hatte.  
Gegensätzliche Entscheidungen vor allem bei der Toranerkennung führen sehr schnell zum Unmut aller Beteiligten einschließlich der Zuschauer. Dagegen hilft nur gute Teamarbeit:

  1. Zunächst müssen die regeltechnischen Voraussetzungen für einen Torerfolg erfüllt sein:
    – Der Ball hat die Torlinie vollständig überquert. 
    – Vom Werfer oder dessen Mitspielern wurde keine Regelwidrigkeit begangen. 
    – Das Spiel war nicht unterbrochen.  
  2. Der Torschiedsrichter nimmt – auch bei größerer Entfernung (z. B. Gegenstoßsituation) – Blickkontakt zum Feldschiedsrichter auf und achtet auf dessen zustimmende Geste: Der muss signalisieren, dass es im Rückraum oder Mittelfeld (in seinem Beobachtungs- und Aufgabenbereich) keine Regelwidrigkeit gab.
  3. Der Feldschiedsrichter hebt dazu den gestreckten Arm.
  4. Der Torschiedsrichter hebt ebenfalls den Arm und pfeift zweimal.
  5. Der Torschiedsrichter wird zum Feldschiedsrichter und pfeift den Anwurf an.

Eindeutige und vor allem schnelle Zeichengebung ist hier notwendig, da ja die zuletzt abwehrende Mannschaft die Möglichkeit haben muss, einen ‘schnellen’ Anwurf zu spielen. Daran darf sie von den Schiedsrichtern nicht gehindert werden! 

Klare Torentscheidungen sind auch deshalb notwendig, weil Tore in der Regel nur bis zum Wiederanpfiff annulliert werden dürfen.

Sondersituation: Spielunterbrechung durch den Zeitnehmer oder Delegierter

Der Zeitnehmer bzw. Delegierte pfeift und weist darauf hin, dass er die Spielzeit bereits vor dem Torwurf wegen eines korrekt angemeldeten Team-Time-outs unterbrochen hatte. In diesem Sonderfall wird das Tor, auch wenn der Anwurf bereits erfolgt ist, annulliert und das Spiel nach Ablauf des Team-Time-outs mit Freiwurf für die zuvor in Ballbesitz gewesene Mannschaft fortgesetzt.  

Bei der Festlegung des Ortes der Spielfortsetzung sollen Zeitnehmer/Sekretär und ggf. der Delegierte die Schiedsrichter unterstützen. 

Alle Wurfentscheidungen nach dem Pfiff des Zeitnehmers/Delegierten sind ungültig; persönliche Strafen jedoch bleiben gültig. 

Achtung: Bei Spielzeitunterbrechung durch den Zeitnehmer/Delegierter sofort auch die eigene Uhr anhalten!

Funktionswechsel zwischen Tor- und Feldschiedsrichter

Info 12: Funktionswechsel zwischen Tor- und Feldschiedsrichter

Flächendeckendes Wechseln: Jeder Schiedsrichter sollte möglichst einmal pro Halbzeit jede der vier hier skizzierten Grundpositionen in beiden Spielfeldhälften besetzt haben!

Tor- und Feldschiedsrichter wechseln ihre grundsätzlichen Funktionen quasi automatisch: Wer auf der Seite der abwehrenden Mannschaft Torschiedsrichter ist, wird Feldschiedsrichter, sobald sie in Ballbesitz gelangt. Gleichzeitig wird der bisherige Feldschiedsrichter in der anderen Spielfeldhälfte Torschiedsrichter.   

Obwohl es vom Regelwerk nicht mehr vorgeschrieben wird, sollten die Schiedsrichter aber von Zeit zu Zeit auch die Spielfeldhälften wechseln.  Dieser Wechsel sollte aber nur bei Time-out oder 7-m-Würfen stattfinden. Beachte: Situativ muss ggf. das Stellungsspiel geändert werden, wie z. B. bei vorgezogener Abwehr, bei Manndeckung, bei sehr schnellen Gegenstößen nach Ballverlusten etc.

Für einen Funktions- bzw. Seitenwechsel besonders geeignet sind folgende Spielsituationen:

  • 7-m-Wurf
  • Time-out oder Team-Time-out
  • Bei einer progressiven Bestrafung eines Abwehrspielers durch den Feldschiedsrichter nach Torerfolg (nachträgliche Bestrafung)

Beachte: Ein Funktionswechsel sollte nie unmittelbar nach einem Torerfolg erfolgen, da ja die Möglichkeit einer schnellen Anwurfausführung besteht. Neben dem empfohlenen regelmäßigen Tausch der Seiten können natürlich auch besondere Situationen einen Funktionswechsel notwendig machen: 

Beispiele:

  • Mehrere Entscheidungen desselben Schiedsrichters hintereinander gegen dieselbe Mannschaft
  • Probleme eines der Schiedsrichter mit Offiziellen im Auswechselraum: Der Partner übernimmt daraufhin diese Seite.
  • Wechsel zwischen Angriffs- und Abwehrspieler
  • Manndeckung

Der Ablauf eines Funktionswechsels bei einem 7-m-Wurf wird im Kap. "Das moderne Tempospiel" (Bildreihe 4) beschrieben.