Sperren müssen passiv sein!
Sperren sind im modernen Handball ein äußerst wichtiges Angriffsmittel – allerdings mit hohen Fehlerquoten bei Angreifern und Abwehrspielern.
Inhalt
- Sperren in der Nahwurfzone – kaum kontrollierbar?
- Der Standardablauf des Sperrens/Absetzens
- Beurteilungskriterien für regelgerechtes Sperren
- Grundproblem: Tiefe Ausgangsstellung des Kreisspielers mit breiter Fußstellung
- Regelwidrigkeiten des Kreisspielers
- Hineindrehen in den Abwehrspieler
- Regelwidrigkeiten der Abwehrspieler
Sperren in der Nahwurfzone – kaum kontrollierbar?
In den letzten Jahren ist die Beurteilung von Spielhandlungen speziell in der Nahwurfzone für die Schiedsrichter oft zu einer überaus schwierigen Aufgabe geworden. Bei den ständigen Zweikämpfen zwischen Abwehr- und Kreisspielern ist häufig schwer zu erkennen, wer als Erster eine Regelwidrigkeit begeht. Versteckte Fouls wahrzunehmen und eindeutig zu beurteilen, ist für Tor- wie Feldschiedsrichter oft extrem schwierig.
Besonders die Auslegung der Regel 8:2b bei Sperren (Fokus auf dem sperrenden Kreisspieler) bzw. das entsprechende Abwehrverhalten dagegen (z. B. Übergeben/Übernehmen, Kreisspieler aus der Sperre „schieben“, Sperren offensiv und ballorientiert umlaufen) ist auch auf internationaler Ebene ein Problem geworden. Zu Recht betonen Spieler – nach Kriterien für korrektes Sperren befragt – augenzwinkernd, dass Sperren dann regelkonform seien, „wenn sie nicht gepfiffen werden“.
Diese Negativentwicklung in der „Problemzone“ entlang der Torraumlinie war für die IHF Grund, die Regelbestimmungen zum Thema Sperren grundlegend zu überarbeiten.
Im Folgenden erläutern wir zunächst die zentralen Kriterien für richtiges Sperren. Anschließend werden häufige Regelwidrigkeiten, begangen von Kreisspielern und Abwehrspielern, unter die Lupe genommen. Dabei behandeln wir auch typische Fehlentwicklungen wie z. B. das gefährliche Sperren mit dem Fuß, die die Schiedsrichter derzeit noch selten erkennen und ahnden.
Der Standardablauf des Sperrens/Absetzens
Beim Sperren steht aus Sicht der angreifenden Mannschaft vor allem das optimale Timing zwischen dem sperrenden Kreisspieler und seinem ballbesitzenden Mitspieler im Vordergrund. Aus Sicht der abwehrenden Mannschaft müssen die involvierten Abwehrspieler auf das Sperren/Absetzen unter anderem mit Übergeben/Übernehmen reagieren. – Wie das aussieht, zeigen die Bildreihen 1 und 2.
Beurteilungskriterien für regelgerechtes Sperren
Im Kommentar zum regelgerechten Sperren heißt es im Text zu Regel 8:1 u. a.: „Die Einnahme der Sperrstellung, das Verhalten in der Sperre und das Lösen aus der Sperre müssen gegenüber dem Gegenspieler grundsätzlich passiv erfolgen“.
Der Schlüsselbegriff hier ist „passiv“. Sperren müssen übrigens in allen drei Phasen passiv sein:
- Einnehmen
- Verhalten in der Sperre und
- Absetzen
In den Regeln 8:1c und 8:2b werden weitere wichtige Kriterien für richtiges Sperren bzw. regelgerechtes Abwehrverhalten aufgezeigt:
- Sperren mit dem Rumpf, nicht mit Armen, Händen oder Beinen/Füßen (man unterscheidet Frontalsperren [Gesicht zum Gesperrten] und Rückensperren [siehe Bildreihe 3]).
- Aktives Wegschieben des KM, aus seiner eingenommenen Position, durch Einsatz der Arme
- Passives Verhalten in der Sperre, kein Körpereinsatz wie Abstoßen, Wegstoßen oder Wegdrängen (Bildreihe 3)
- Passives Verhalten auch in der Ausgangsposition und in der Bewegung, kein gefährdender Einsatz der Ellbogen!
Besonders das letzte Kriterium trägt der Entwicklung der letzten Jahre Rechnung. Viele großgewachsene Kreisspieler versuchen bereits in der Ausgangsstellung, sich mit hoch erhobenen, angewinkelten Armen Platz und Respekt zu verschaffen (siehe Info 1). Aber: Ellbogen in Kopfhöhe können sehr gefährlich sein! Diese regelwidrige „Abschreckung“ streben einige Kreisspieler an, wenn sie eine solche Ausgangsposition einnehmen – eine für eine Ballannahme völlig unnatürliche!
Mit dem ausdrücklichen Hinweis zum gefährlichen Einsatz des Ellbogens (8:2b) sind die Schiedsrichter jetzt gehalten, ein solches Verhalten bereits im Ansatz zu unterbinden.
Beachte:
- Erkennt ein Schiedsrichter einen gefährlich hohen Ellbogeneinsatz, sollte er den Kreisspieler zunächst auffordern, dieses regelwidrige Verhalten zu unterlassen.
- Bei wiederholtem gefährdenden Einsatz der Ellbogen ist dann eine progressive Bestrafung auszusprechen. Sollte sich die Gefahr vorher realisieren, ist entsprechend der Progressionsreihe und unter Beachtung der entsprechenden Kriterien zu bestrafen.
Grundproblem: Tiefe Ausgangsstellung des Kreisspielers mit breiter Fußstellung
Die IHF-Regelarbeitsgruppe hat in der Diskussion mit Nationaltrainern auch das Problem der tiefen Ausgangsstellung des Kreisspielers mit sehr breiter Fußstellung umfassend diskutiert (Bild 1 unten-links). Viele Trainer sehen darin eine den Abwehrspieler benachteiligende Position mit dem Ziel, sich möglichst viel Platz für die Ballannahme zu verschaffen. Das ballorientierte Umlaufen des Kreisspielers, heute üblich, ist so schwieriger.
Den Schiedsrichtern können abschließende Kriterien zur Beurteilung, wie breit beispielsweise eine Schrittstellung letztlich sein darf, nicht an die Hand gegeben werden. Zur Annahme eines sehr flachen Bodenpasses muss sich der Kreisspieler nun einmal bücken (siehe zweites Bild unten). Die Grenze ist sicherlich dort überschritten, wo die Breite der Schrittstellung mindestens überwiegend aktives Sperren bezweckt. Eindeutig regelwidrig ist die auf dem dritten Bild unten gezeigte Aktion: Hier drückt der Kreisspieler seinen Gegenspieler mit dem Gesäß weg.
Grundproblem: Tiefer Körperschwerpunkt des Kreisspielers
Hier müssen die Schiedsrichter die weitere Entwicklung abwarten und dann situationsgerecht entscheiden!
Hier müssen die Schiedsrichter die weitere Entwicklung abwarten und dann situationsgerecht entscheiden!
Entscheidung: Freiwurf gegen die angreifende Mannschaft
Regelwidrigkeiten des Kreisspielers
Die Bildreihen 4 bis 6 dokumentieren eine eindeutig negative Tendenz: Gesperrt wird nicht mehr mit dem Körper, sondern mit Beinen und Füßen. Das aktive Sperren mit einem Bein/Fuß, um den Abwehrspieler daran zu hindern, die Sperre ballorientiert zu umlaufen, kommt dabei oft dem Beinstellen sehr nahe. Häufig sperrt der Kreisspieler auch mit dem Bein, wenn er für eine taktisch richtige Sperrstellung zu spät kommt (falsches Timing). Trotz intensiver Schulung ist es für die Schiedsrichter recht schwierig, solche regelwidrigen Sperrversuche mit den Beinen zu erkennen.
In den nachfolgenden Beispielen (Bildreihen 4 bis 6) wurden diese Aktionen nicht geahndet. Ein Grund mehr, Schiedsrichtern wieder ein klares „Bild“ regelgerechter Sperren zu vermitteln!
Hineindrehen in den Abwehrspieler
Bildreihe 7 zeigt zunächst aus der Torschiedsrichter-Perspektive (siehe auch Info 2) das regelwidrige Sperren mit Bein/Fuß. Auf Bild 1 ist deutlich zu sehen, dass die Grundposition des Kreisspielers nicht vor dem Abwehrspieler ist. Eine regelgerechte Sperre mit dem Oberkörper ist so nicht möglich.
Bildreihe 8 zeigt ein weiteres typisches Fehlverhalten in solchen Situationen: Hier dreht sich der Kreisspieler bei Einnahme der Sperre in den Gegenspieler hinein, um ihn wegzudrücken.
Info 3 fasst typische Regelwidrigkeiten vor und während der Einnahme einer Sperrstellung bzw. beim Absetzen aus dieser zusammen: Sie zeigt die große Variationsbreite der Regelwidrigkeiten beim Sperren. Besonders nachteilig sind die Fouls des Kreisspielers auf den Bildern 8 und 9. Auf Bild 8 zieht er den Innen-Links aus dessen Grundposition; damit kann er übrigens auch eine progressive Bestrafung des Abwehrspielers provozieren! Auf Bild 9 zerstört der Kreisspieler eindeutig das Übergeben/Übernehmen zwischen Halb- und Innenverteidiger. Ein „kleines“ Foul mit großer Wirkung! Ahnden die Schiedsrichter hier nicht konsequent, benachteiligen sie die abwehrende Mannschaft klar!
Regelwidrigkeiten der Abwehrspieler
Natürlich wird auch bei der Abwehr von Sperren (defensive Abwehrformationen reagieren meist mit Übergeben/Übernehmen) mit dieser oder jener Regelwidrigkeit „gearbeitet“. Oft reicht ein kurzes Festhalten, um das Timing der Kooperation beim Einnehmen der Sperre oder beim Absetzen in den freien Raum entscheidend zu stören. Gerade solche unscheinbaren, aber taktisch relevanten Fouls lassen sich oft schwer erkennen. Info 4 gibt einen Überblick über die häufigsten Regelwidrigkeiten der Abwehr im Zusammenhang mit Sperrstellungen.
Bildreihe 9 zeigt ein typisches taktisches Verhalten bei der Abwehr von Sperren. Der Abwehrspieler, der den Kreisspieler übernehmen muss, versucht, die Sperre ballorientiert nach vorn zu umlaufen. Ziel: Möglichst immer zwischen Ball und Gegenspieler agieren! Dabei kommt es häufig zu diversen Regelwidrigkeiten zwischen den Kontrahenten, die nur bei optimalem Stellungsspiel auszumachen sind. Am häufigsten ist dabei ein gegenseitiges langes Festhalten (siehe Bild 2 in Bildreihe 9).
Wichtig: Als Schiedsrichter von Anfang an durchgreifen!
Dulden die Schiedsrichter solche regelwidrigen Zweikämpfe in der Nahwurfzone, werden diese erfahrungsgemäß immer härter. Als Spielleiter müssen Sie solche Regelwidrigkeiten deshalb von Anfang an – zunächst durch ermahnendes Ansprechen der Spieler – konsequent unterbinden. Die Ermahnung muss allerdings eine Signalwirkung entfalten können. In der Folge ist das Fehlverhalten konsequent im Rahmen der Progressionsreihe zu ahnden.
Ergänzend verdeutlichen die Bilder unten, dass ein Abwehrspieler einen Ball auch aus einer Position im Rücken des Kreisspielers durchaus regelgerecht herausspielen kann. Aber auch hier müssen die Schiedsrichter sehr genau hinschauen, um auch „kleinere“ Regelwidrigkeiten zu erkennen.
Den Ball aus einer Position hinter dem Kreisspieler herausspielen
Auch wenn der Abwehrspieler in der Nahwurfzone nicht zwischen Ball und Gegenspieler agiert, kann er das durchaus regelgerecht tun!
Hier z. B. spielt der Abwehrspieler einen Bodenpass zum Kreisspieler trotz ungünstiger Grundposition regelgerecht heraus!