Wie darf der Ball dem Gegenspieler weggespielt werden?

Der Kampf um freie Bälle ist Bestandteil vieler Ballsportarten. Auch im Handball dürfen sich die Spieler um den freien Ball bemühen, dabei sind aber bestimmte Regeln einzuhalten. Darüber hinaus darf im Handball der Ball dem Ballbesitzer – unter bestimmten Voraussetzungen – auch aus der Hand herausgespielt werden.

Freier Ball vs. Ballkontrolle

Wenden wir uns zunächst dem freien Ball zu. Ein freier Ball – z. B. ein Ball außerhalb oder über dem Torraum nach Zurückprallen vom Abwehrblock oder vom Tor – darf von Spielern beider Mannschaften erkämpft werden. Hier ist die Frage, wer in Ballbesitz ist, zumindest für kurze Zeit nicht eindeutig und muss ggf. gemäß Regel 13:4 entschieden werden.  

Um diese freien Bälle darf in beliebiger Art und Weise (springend, fallend, liegend usw.) gekämpft werden, sofern die Aktion ohne Berührung des Torraums auf dem Spielfeld stattfindet und Gegenspieler nicht regelwidrig (siehe 8:2) behindert oder sogar gefährdet werden.  

Das Gegenstück zum freien Ball ist der unter Kontrolle befindliche Ball. Ballbesitz und Ballkontrolle sind regeltechnisch in vielerlei Hinsicht bedeutsame Begriffe. Der momentane Ballbesitz einer Mannschaft ist beispielsweise bei Spielunterbrechungen für nachfolgende Wurfentscheidungen ausschlaggebend, vgl. 13:4. Auch darf das Team-Time-Out nach der IHF-Erläuterung 3 nur bei Ballbesitz angemeldet werden. Darüber hinaus ist im Rahmen der Bewertung von Spielsituationen nach den Regeln 8:1 und 8:2 der Begriff der Ballkontrolle durch einen Spieler wichtig.

Beachte: Ein mit mindestens einer Hand gefasster Ball ist unter Kontrolle.

Ist der Ball gefasst, bestehen regeltechnisch deutliche Einschränkungen hinsichtlich der Art und Weise, in der jetzt der Gegenspieler versuchen darf, an den Ball zu kommen. Er darf den Ball mit einer offenen Hand aus jeder Richtung wegspielen, siehe 8:1a. Hingegen darf er den Ball nicht etwa aus der Hand reißen und diesen auch nicht wegschlagen, siehe 8:2a.


Freie Bälle wegspielen

Freie Bälle dürfen in jeglicher Form – z. B. per Hecht in Richtung Ball (Info 1) – erkämpft werden. Drängt allerdings ein Spieler den Gegenspieler weg oder stößt er ihn, ist das regelwidrig (8:2b, c). Auch darf der Gegenspieler nicht gefährdet werden, beispielsweise durch einen übertriebenen Körpereinsatz mit Sprung in den Gegenspieler hinein. 

Wenn ein Angreifer den Ball tippt oder prellt, ist Letzterer immer für einen kurzen Moment frei in der Luft. Diesen Moment darf ein Gegenspieler nutzen, um den Ball zu spielen (Bildreihe 1). Natürlich dürfen beim Heraus- bzw. Wegspielen keine Regelwidrigkeiten erfolgen – z. B. Schlag auf den Arm (Bildreihe 2), Wegdrängen, Rempeln oder Festhalten des Gegenspielers.

Info 1: Regelwidrigkeiten/Gefährdung des Gegenspielers beim Kampf um freie Bälle

Beide Spieler versuchen, den freien Ball zu erkämpfen. Hält der rote Spieler den Arm des Gegenspielers fest (oder schlägt er kurz darauf), muss auf Freiwurf gegen ihn entschieden werden.
  1. Festhalten oder Stoßen 
  2. Wegdrängen mit dem Körper (Bodycheck)  
  3. Falsches Sperren (z. B. mit ausgebreiteten Armen)  
  4. Schlag auf den Arm  
  5. Aktionen, die den Gegenspieler gefährden. Beispiele: 
    • Bein festhalten (oft im Fallen von der Seite/von hinten) 
    • In den Gegner springen bei dessen Versuch, den Ball aufzunehmen 
    • Gegenstoßsituation: Torwart springt auf/in den annahmebereiten Gegenspieler

Bildreihe 1: Den Ball beim Tippen/Prellen herausspielen

Bildreihe 2: Regelwidrigkeit beim Herausspielen des Ball


Den Ball durch Blocken oder Abfangen von Pässen erkämpfen

Eine weitere Möglichkeit, Bälle regelgerecht zu erspielen, besteht darin, Pässe oder Anspiele in die Tiefe (z. B. zu einem Kreisspieler) abzufangen. Aber: Wie die Bilder unten zeigen, kommen bei solchen – an sich ballorientierten – Aktionen (8:3) durchaus auch regelwidrige Handlungen wie z. B. Festhalten des Kreisspielers (im ersten Bild) vor.


Bälle blocken, Pässe abfangen

Der Abwehrspieler agiert hinter dem Kreisspieler und spielt den Ball vor der Annahme durch diesen mit dem rechten Arm weg. Aber Achtung: Mit dem linken Arm hält er den Gegenspieler regelwidrig fest!
Pässe dürfen aus jeder Position heraus – also wie hier auch von hinten – weggespielt werden.

Das zweite Bild zeigt eine trotz schlechter Grundposition im Zweikampf regelgerechte Aktion: Der Abwehrspieler rechts agiert von hinten; spielt er ohne gleichzeitige Regelwidrigkeit (z. B. Stoß) den vom Kreisspieler erwarteten Ball, besteht kein Anlass für eine Spielunterbrechung.


Darf ein gefasster Ball gespielt werden?

Hier gibt Regel 8:2a eine klare Antwort: Wird der Ball fest gefasst (mit einer oder beiden Händen), darf er dem Ballhalter nicht aus den Händen gerissen werden (siehe Bildreihe 3).

Ebenfalls regelwidrig ist es, den Ball aus den Händen herauszuschlagen. Dies kommt bspw. dann häufiger vor, wenn Angreifer den Ball bei einer Vorwärtsbewegung etwa in Bauchhöhe in beiden Händen halten. Hier versuchen Abwehrspieler oftmals. den Ball herauszuschlagen (siehe Bildreihe 4), dies ist regelwidrig.

Bildreihe 3: Den gefassten Ball aus den Händen reißen

Bildreihe 4: Den gefassten Ball aus der Hand schlagen

Beide hier gezeigten Regelwidrigkeiten (Bildreihe 3 und 4) sind im Grundfall nicht progressiv zu ahnden, da sich die Handlungen des Abwehrspielers gegen den Ball richten, vgl. hier den Umkehrschluss zur Regel 8:3. Es ist jedoch nach Regel 13:1a auf Freiwurf zu entscheiden.  Wird jedoch der Gegenspieler insbesondere bei den „Schlagaktionen“ wie in Bildreihe 4 dargestellt, gefährdet, kommt eine progressive Strafe in Betracht.


Die Ausnahme: Den Ball im Wurfansatz herausspielen

Nach Regel 8:1a ist es erlaubt, dem Gegenspieler den Ball mit der offenen Hand herauszuspielen (siehe dazu Info 2 und Bildreihe 5, Bild 2). Diese Bestimmung hat ihren realistischsten Anwendungsfall beim Ansatz eines Wurfes, in diesem Moment des darf der Ball durchaus herausgespielt werden.

Info 2: Entscheidungskriterien für korrektes Herausspielen

Ein Abwehrspieler will den Ball einem Gegenspieler während der Wurfausführung herausspielen. Welche Beobachtungs- und Entscheidungskriterien helfen dem Schiedsrichter bei der Beurteilung, ob dies regelkonform erfolgt?

  1. Die Aktion muss deutlich dem Ball gelten. Der Abwehrspieler darf mit der offenen Hand den Ball nur berühren – ihn quasi abstreifen –, aber keine Schlagbewegung ausführen!
  2. Ein gutes Kriterium dafür, dass wirklich nur der Ball gespielt wurde, ist dessen anschließende Flugbahn. Fliegt er senkrecht nach oben oder in Richtung Spielfeld zurück, liegt das korrekte Herausspielen näher.
  3. Entscheidung der Schiedsrichter:  
    • Bei korrektem Herausspielen = Weiterspielen lassen  
    • Bei nicht korrektem Herausspielen: Freiwurf oder bei klarer Torgelegenheit 7-m-Wurf

Bildreihe 5: Den gefassten Ball aus der Hand schlagen

Wichtig ist hierbei jedoch, dass der Abwehrspieler bei dieser Aktion ausschließlich den Ball berührt, ihn quasi „abstreifen“ darf. Häufig sieht man in solchen Situationen aber eine schlagähnliche Bewegung, die mit dem geforderten ‘Herausspielen’ nicht viel zu tun hat, also regelwidrig ist (weitere Entscheidungskriterien unten). 

Auch gelingt es den Abwehrspielern nicht immer, den Ball sauber herauszuspielen, sie berühren doch häufiger die Hand oder den Arm. In diesen Fällen ist je nach Spielsituation auf Freiwurf bzw. beim Vorliegen einer klaren Torgelegenheit – was beim Wurfansatz der häufigere Fall sein dürfte – auf 7-m-Wurf zu erkennen. Schwierig ist hier noch die Frage zu entscheiden, ob nach den Regeln 8:3ff. auf eine progressive Strafe zu entscheiden ist. Gerade bei Fällen, in denen ein Angreifer im Wurf angegangen wird, reicht die Palette der möglichen Strafen von einer Verwarnung bis zur Disqualifikation. Hier müssen die Schiedsrichter genau beobachten und feststellen: Versucht der Abwehrspieler den Ball sauber zu spielen und trifft dabei den Angreifer versehentlich, sollte keine progressive Bestrafung erfolgen. Richtet sich die Aktion des Abwehrspielers allerdings überwiegend gegen den Körper des Angreifers, ist – je nach Intensität und Auswirkung – entsprechend progressiv zu bestrafen