Sonderfall Torwart: Keeper und Spieler zugleich
Für den Torwart gelten im Torraum besondere Bestimmungen. Auf dem Spielfeld aber muss er dieselben Regeln befolgen wie die Feldspieler.
Inhalt
- Der Sonderstatus des Torwarts
- Der offizielle Regeltext
- Wie darf der Torwart den Ball im Torraum spielen?
- Der Ball rollt in Richtung Spielfeld – Einschränkungen für den Torwart
- Wann hat der Torwart den Torraum verlassen?
- Fehler beim Spielen des Balls
- Wie sind Fehler des Torwarts zu ahnden?
- Abwehraktionen des Torwarts, die Gegenspieler gefährden
- Der Torwart als Feldspieler
Der Sonderstatus des Torwarts
Der Torraum gehört dem Torwart – unter diesem Leitsatz kann man den Sonderstatus des Torwarts zusammenfassen. Im Torraum ist er generell vor körperlichen Attacken seiner Gegenspieler geschützt. Angreifer dürfen den Ball zwar unter Beachtung der Regeln 7:1 und 7:8 über dem Torraum in der Luft spielen, dabei aber den Torwart nicht gefährden (6:5, 8:2d). Mit der Regeländerung 2022 ist der Torwart nunmehr auch bei Kopftreffer aus dem freien Spiel geschützt (8:8d).
Auch gelten die für Feldspieler bestehenden regeltechnischen Beschränkungen beim Spielen des Balls für den Torwart im Torraum nicht. Er darf sich dort frei bewegen, allerdings darf auch er keine Gegenspieler gefährden. Verlässt er jedoch den Torraum, ist seine Sonderrolle passé. Dann unterliegt er denselben Bestimmungen wie alle übrigen Mit- und Gegenspieler.
Der offizielle Regeltext
Wie darf der Torwart den Ball im Torraum spielen?
Die für die Feldspieler geltenden Regeln 7:2 bis 7:4 und 7:7 sowie 7:8, Satz 1, für das Spielen des Balls gelten nicht für den Torwart im Torraum.
Erlaubtes Verhalten des Torwarts im Torraum
Er darf sich, wenn er Ball und Körperkontrolle hat, frei bewegen, muss allerdings beachten: Er darf die Ausführung des Abwurfs nicht verzögern. Insbesondere bei Unterzahl oder knapper Führung gegen Spielende kommen spielverzögernde Verhaltensweisen des Torwarts durchaus vor. Hier haben die Schiedsrichter die Möglichkeit, den Abwurf anzupfeifen. Ab da gilt auch für ihn die ‘3-Sekunden-Regel’ (Ausführung des Wurfs nach spätestens 3 Sekunden gemäß 15:7). Überschreitet er dieses Limit, muss auf Freiwurf für den Gegner entschieden werden.
Probleme und Lösungen bei Spielverzögerung
Problem 1: Der Torwart hat den Ball unter Kontrolle und verzögert die Ausführung des Abwurfs durch Prellen.
Lösung: Der Tor-Schiedsrichter pfeift den Abwurf an!
Jetzt bleiben dem Torwart nur noch 3 Sekunden zur Wurfausführung. Er darf aber weiter prellen. Hat er den Abwurf nach 3 Sekunden nicht ausgeführt, gibt es Freiwurf für die gegnerische Mannschaft an der Freiwurflinie.
Problem 2: Der Torwart bemüht sich provozierend langsam um den Ball (beim Heranholen von hinter dem Tor usw.).
Lösung: Der Schiedsrichter ermahnen ihn, den Abwurf zügig auszuführen. Im Wiederholungsfall zeigt er, sobald der Ball wieder ins Spiel gebracht wird. das Vorwarnzeichen für passives Spiel an.
Grundsätzlich darf der Torwart den Ball mit allen Körperteilen berühren bzw. spielen oder abwehren (5:1), also anders als die Feldspieler auch mit Fuß bzw. Unterschenkel. Diese Regelbestimmung erfährt jedoch (siehe dazu die Bildreihen 5 und 6) eine wichtige Einschränkung: wenn der Ball sich in Richtung Spielfeld bewegt!
Der Ball rollt in Richtung Spielfeld – Einschränkungen für den Torwart
Diese Situation kommt im Spiel recht häufig vor: Der Torwart wehrt erfolgreich ab, und der Ball prallt von ihm oder dem Tor in Richtung Spielfeld ab. In diesem Moment ist der Ball, falls er z. B. rollt, nur eingeschränkt spielbar: Mit- und Gegenspieler dürfen ihn erst berühren, wenn er über die Torraumlinie gerollt ist. Daraus ergibt sich eine taktisch wichtige Herausforderung für den Torwart:
Er muss versuchen, den in Richtung Spielfeld rollenden Ball unter Kontrolle zu bringen, um ihn seiner Mannschaft zu sichern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ein Gegenspieler den Ball außerhalb des Torraums aufnimmt und sich dann unmittelbar in einer (freien) Torwurfsituation befindet.
Bildreihe 1 (unten) zeigt eine dafür typische Torwartaktion: Aus dem Hechtsprung spielt er den in Richtung Torraumlinie rollenden Ball vor dem aufnahmebereiten Gegenspieler über die Torauslinie. Auf diese Weise hat er den Ball regelgerecht (12:1) erkämpft und darf das Spiel mit Abwurf fortsetzen. Diese Aktion kommt sehr häufig vor, wenn eine schlichte Ballaufnahme, bevor dieser die Torraumlinie überquert nicht mehr möglich ist.
Gemäß Regel 12:1 (IV) ist auch dann auf Abwurf zu entscheiden, wenn der Ball nach einer Abwehraktion des Torwarts die Torauslinie zwischen Torraum- und Seitenlinie überquert.
In dieser Situation sind regeltechnisch folgende Einschränkungen zu beachten:
- Es ist dem Torwart nicht erlaubt, den sich in Richtung Spielfeld bewegenden Ball mit Fuß oder Unterschenkel zu spielen bzw. zu berühren (siehe Bildreihen 4 und 5 unten).
Anmerkung: Diese Einschränkung muss in Verbindung mit Regel 5:5 gesehen werden. Gerade solche Aktionen mit dem Fuß können einen annahmebereiten Mit- oder Gegenspieler durchaus gefährden.
- Bringt der Torwart den Ball zwar noch im Torraum unter Kontrolle, rutscht er aber mit diesem über die Torraumlinie (Bildreihe 2 unten), ist Regel 5:6 maßgebend: Die Schiedsrichter korrigieren (Torwart mit Ball zurück in den Torraum) und pfeifen den Abwurf dann an.
Achtung: Sollte der Torwart allerdings den unter Kontrolle gebrachten Ball, mit dem er den Torraum verlassen hatte, nunmehr verlieren, muss der Vorteilsgedanke beachtet werden (13:2). Dann ist der Ball frei spielbar.
- Bringt er den bereits wieder außerhalb des Torraums liegenden/rollenden Ball erst jetzt unter Kontrolle (siehe Bildreihe 3 unten), während er sich noch im Torraum befindet, muss auf Freiwurf für den Gegner entschieden werden (5:7).
Nicht mehr in der Regel 5:10 erwähnt wird der im Torraum liegende Ball. Er darf vom Torwart mit dem Fuß gespielt werden, denn er ist gemäß Regel 12:1 (II) aus dem Spiel (Spielfortsetzung mit Abwurf), sodass regeltechnisch kein Gefährdungsmoment entstehen kann.
Wann hat der Torwart den Torraum verlassen?
Ohne Ball darf der Torwart den Torraum jederzeit verlassen und im Spielfeld mitspielen. Dann gelten für ihn dieselben Regeln wie für die Feldspieler. Mit dem unter Kontrolle gebrachten Ball (= Ball in einer bzw. in beiden Händen gefasst) darf er den Torraum jedoch nicht verlassen.
Verlassen/Nichtverlassen des Torraums unter Ballkontrolle
Steht der Torwart mit dem unter Kontrolle gebrachten Ball mit der Fußspitze auf der Torraumlinie, aber noch nicht im Spielfeld, gilt der Torraum nicht als verlassen und das Spiel geht weiter.
Hinweis:
Torraum nicht verlassen!
Befindet der Torwart sich mit einem Körperteil jenseits der Torraumlinie (hier mit dem Fuß), gilt der Torraum als mit Ball verlassen: Korrektur der falschen Ausgangsstellung und Anpfiff des Abwurfs.
Hinweis:
Torraum verlassen!
Im Vergleich zu den Bildern oben zeigt die Bildreihe 5 und 6 sowie die Videos, wie der Torwart den Torraum, mit Ball verlässt, und es ihm nicht gelungen ist, Körper- und/oder Ballkontrolle zu erlangen. Hier muss gemäß 5:4 weitergespielt werden.
Fehler beim Spielen des Balls
1. Verlassen des Torraums mit dem unter Kontrolle gebrachten Ball
Gleichwohl es in Regel 5:6 heißt, dass es dem Torwartet nicht erlaubt ist, den Torraum mit dem unter Kontrolle gebrachten Ball zu verlassen, ist hier beim Verlassen des Torraums auch gemeint, dass der Torwart hier Körper- und Ballkontrolle hat(5:6). Will er z. B. mit einem schnellen Pass einen Gegenstoß einleiten (dann hat er Körper- und Ballkontrolle), kann es vorkommen, dass er dabei wie in Bildreihe 7 (unten) die Torraumlinie überschreitet (Entscheidung: siehe oben). Sollte der Abwurf jedoch mit Anpfiff erfolgt sein, ist auf Freiwurf gegen den Torwart zu entscheiden.
2. Zurückgehen in den Torraum mit Ball
Der Torraum gilt bereits als verlassen, wenn der Torwart mit einem Körperteil, z. B. mit einer Fußspitze, das Spielfeld außerhalb des Torraums berührt. Nimmt er jetzt den Ball außerhalb des Torraums auf und geht er mit ihm zurück in den Torraum, muss auf Freiwurf für den Gegner entschieden werden.
Nimmt der Torwart, außerhalb des Torraums im Spielfeld agierend, den Ball auf und geht er mit diesem in den Torraum zurück, muss dies ebenfalls mit Freiwurf für die gegnerische Mannschaft geahndet werden (5:9). Zurückgegangen ist er bereits dann, wenn er bei Ballkontakt die Torraumlinie – vom Spielfeld aus! – mit mindestens einem Fuß berührt. Die Bildreihen 7 und 8 zeigen weitere typische Beispiele für Fehlverhalten des Torwarts. Es ist diesem u. a. nicht gestattet, aus dem Torraum heraus den im Spielfeld liegenden oder rollenden Ball zu spielen (Bildreihe 8). Regelwidrig ist auch, wenn der Torwart den im Spielfeld liegenden oder rollenden Ball in den Torraum hineinholt (Bildreihe 9).
Wie sind Fehler des Torwarts zu ahnden?
Fehler beim Abwurf – z. B. den Torraum unter Ballkontrolle verlassen – werden grundsätzlich zunächst korrigiert (siehe auch nebenstehende Info). Fehler nach einem Anpfiff (15:7, Abs. 3) müssen mit Freiwurf für die gegnerische Mannschaft geahndet werden. Alle anderen in den Regeln 5:7 bis 5:10 beschriebenen Fehler
- den außerhalb des Torraums liegenden Ball berühren,
- ihn in den Torraum hereinholen,
- mit Ball vom Spielfeld in den Torraum zurückgehen oder
- den sich Richtung Spielfeld bewegenden Ball mit Fuß/Unterschenkel berühren
werden nach 13:1a direkt mit Freiwurf für die gegnerische Mannschaft geahndet. Eine persönliche Strafe wird nicht ausgesprochen, es sei denn, der Torwart gefährdet bei solchen Aktionen einen Gegenspieler.
Abwehraktionen des Torwarts, die Gegenspieler gefährden
Auch für Torwarte gilt natürlich, dass sie Gegenspieler nicht gefährden dürfen. Dies bezieht sich zunächst auf alle Abwehraktionen im Torraum. So darf ein Torwart beispielsweise einen in den Torraum springenden Angriffsspieler nicht anspringen, stoßen, anrennen oder auf andere Weise regelwidrig stören, behindern oder gefährden (8:2c, d). Solche Regelwidrigkeiten müssen auch unter dem Aspekt der Gesundheitsgefährdung (8:5) beurteilt werden.
Häufig springen Torwarte dem von der Torraumlinie frei zum Wurf ansetzenden Angreifer entgegen. Dabei dürfen sie weder Beine noch Arme in gefährdender Art gegen den Werfer einsetzen (siehe Bild).
Dasselbe gilt für Situationen, in denen der Torwart einen in Richtung Spielfeld rollenden Ball unter Kontrolle bringen will. Ist dabei aufgrund hohen Körpereinsatzes eine Gefährdung eines Gegenspielers erkennbar (siehe das Beispiel in Bildreihe 10), kann der Torwart progressiv bestraft werden.
Hinweis:
Hinsichtlich der Regelungen zum Schutz des (verletzten/handlungsunfähigen) Torwarts siehe auch Hinweis ganz unten auf der Seite „Sonderfälle Torentscheidung, verletzter Torwart".
Der Torwart als Feldspieler
Im Spielfeld außerhalb des Torraums unterliegt der Torwart denselben Regeln wie die Feldspieler (siehe Bilder oben).
Dies bedeutet zweierlei:
- Versucht er als Feldspieler, sich im Zweikampf mit einem Gegenspieler mit Ball regelgerecht zu verhalten (siehe unten, rechtes Bild), darf er nicht benachteiligt werden.
- Versucht er aber, beim Herauslaufen durch regelwidrige Aktionen gegen einen Gegenspieler eine klare Torgelegenheit zu vereiteln, müssen diese wie die eines Feldspielers geahndet werden. Auch der Einsatz von ‘Torwarttechniken’ auf dem Spielfeld – z. B. einen Ball mit dem Fuß abwehren – muss als unsportliches Verhalten progressiv (8:7e) oder mit Hinausstellung (8:8f) bestraft werden.
Spielhandlungen des Torwarts als Feldspieler
Beachte:
- Freiwurf für die gegnerische Mannschaft.
- Je nach Situation: progressive Bestrafung.
- Verhindern einer klaren Torgelegenheit (Wurf ins leere Tor war möglich): 7-m-Wurf
Ein besonderes Problem stellt sich, wenn der Torwart im vollen Sprint den Torraum verlässt, um einen langen Gegenstoßpass abzufangen. Eine kritische Situation – etwa ein Zusammenprall des Torwarts mit dem Gegenspieler, der den langen Pass annehmen will – ergibt sich häufig dadurch, dass sich der Angreifer auf die Ballannahme konzentriert und deshalb den heranstürzenden Torwart nicht im Blick hat.
Das Regelwerk bürdet dem Torwart die alleinige Verantwortung dafür auf, dass beim Abfangen eines langen Gegenstoßpasses keine Gesundheitsgefährdung für den Gegenspieler entsteht.
Er wird nach Regel 8:5 Kommentar (a und b) disqualifiziert, wenn er einen Zusammenprall mit dem Gegenspieler verursacht, unabhängig davon, ob er den Ball unter Kontrolle bringen kann.
Die Disqualifikation des Torwarts nach Regel 8:5 Kommentar (Verlassen des Torraums) führt allerdings auch in den letzten 30 Sekunden nur dann zu einem 7-m-Wurf für die gegnerische Mannschaft, wenn das regelwidrige Verhalten des Torwarts die Voraussetzungen der Regel 8:5 letzter Absatz erfüllt oder wenn es sich um ein Vergehen nach Regel 8:6 handelt (siehe Guidelines „Vorteilsgewährung in den letzten 30 Sekunden“, letzter Absatz).
Beachte: Ein Angreiferfoul wie oben rechts ist in dieser Gegenstoß-Situation nicht möglich. Nähere Erläuterungen enthält die Seite "Provozieren eines Angreiferfouls".
Einzelheiten zur Disqualifikation des Torwarts nach Regel 8:5 finden sich im Kapitel: Zusammenprall beim Gegenstoß