Der Angreifer läuft in den stehenden Abwehrspieler hinein. Zu seinem Schutz darf dieser auch hier mit angewinkelten Armen Körperkontakt aufnehmen (Stoßdämpfer-Funktion). Eindeutiges Angreiferfoul!

Korrektes Abwehrverhalten – eine regelgerechte Möglichkeit des Abwehrspielers für einen Ballgewinn!

Die konsequente Ahndung von Angreiferfouls fördert die Qualität der Zweikämpfe

Wie schon im vorangehenden Kapitel betont, müssen Regelwidrigkeiten von Angreifern gegenüber Abwehrspielern im Rahmen von Zweikämpfen genauso konsequent geahndet werden wie umgekehrt. Regelgerechte Abwehrhandlungen und die konsequente Ahndung von Angreiferfouls verbessern die Qualität der Zweikämpfe und fördern attraktive Spielweisen! Ein Abwehrspieler, der mehrfach versucht hat, mit Hilfe einer regelgerechten Grundposition durch Ahndung eines Angreiferfouls in Ballbesitz zu gelangen, wird dieses Verhalten aufgeben, wenn seine regelkonforme Spielweise von den Schiedsrichtern nicht honoriert wird.  

Für das Verständnis und die korrekte Ahndung von Angreiferfouls – nehmen wir exemplarisch das Anrennen eines in korrekter Grundposition agierenden Abwehrspielers (vgl. Regel 8:2d) – sind zwei Situationen denkbar:

  • Der betroffene Abwehrspieler verhält sich rein passiv, sein Gegenspieler schätzt die eigene Vorwärtsbewegung falsch ein und läuft auf ihn auf.
  • Der Abwehrspieler versucht – insofern agiert er aktiv – ein Angreifervergehen zu ‘provozieren’, indem er z. B. durch läuferischen Einsatz versucht, als Erster einen potenziellen Durchbruchsraum zu versperren. Gelingt ihm das und attackiert der Angreifer ihn trotzdem (Durchbruchsversuch durch die rechtzeitig geschlossene Lücke am Kreis), spricht alles für ein Angreiferfoul!

Angreiferfouls mit und ohne Ball

Wie Info 1 auflistet, kommen Angreifervergehen im Zweikampf sowohl mit als auch ohne Ball vor, letztere vor allem entlang der Torraumlinie. Verursacher sind hier meist Kreisspieler, die die Abwehrspieler entweder regelwidrig sperren oder mit regelwidrigem Körperkontakt arbeiten. Häufig halten Kreisspieler auch Abwehrspieler, die z. B. einem ballbesitzenden Angreifer offensiv entgegenlaufen wollen, einfach nur fest und hindern sie so an von taktischen Überlegungen gesteuertem Abwehrspiel. Die Bildreihen 1 bis 3 zeigen solche typischen Angreiferfouls ohne Ball. 

Im Folgenden wollen wir aber unter dem Aspekt eines möglichen Angreifervergehens den Zweikampf mit Ball näher betrachten. Info 2 enthält die wichtigsten Kriterien für das Vorliegen eines Angreiferfouls im Zweikampf. 

Bildreihe 4 verdeutlicht, warum rücksichtslose Angreifervergehen, die Gegenspieler gefährden können, progressiv bestraft werden sollten. Die Bildreihen 5 und 6 schließlich zeigen zwei typische Situationen, in denen die Angreifer eine Regelwidrigkeit mit Ball begehen. Solche Vergehen auch in schnellen Gegenstoß-Situationen zu erkennen, ist für Schiedsrichter besonders schwierig, aber aus taktischer Sicht äußerst wichtig (Bildreihe 5).

Info 1: Typische Angreifervergehen

Beim Sprung und Abspiel stößt der Angreifer den Abwehrspieler mit dem freien Arm weg.

Angreiferfouls mit Ball

  • Frontal auf den stehenden Abwehrspieler auflaufen.
  • Sich mit der Schulter in den Abwehrspieler hinein­drehen.
  • Beim Sprungwurf das Schwungbein-Knie hochziehen und damit den Abwehrspieler treffen/gefährden.
  • Einen Arm des Abwehrspielers einklemmen.
  • Wegstoßen mit dem freien Arm.

Angreiferfouls ohne Ball

  • Klammern, Festhalten (z. B. wenn der Abwehrspieler eine Lücke schließen will)
  • Sich vom Gegenspieler ­abstoßen.
  • Beim Lauf in die Sperre den Abwehrspieler anrennen bzw. stoßen.
  • Sperren mit ausgebreiteten Armen, mit dem Gesäß, mit den Beinen/Füßen.
  • Bein stehen lassen; Ellbogeneinsatz.

Bildreihe 1: Den Gegenspieler wegstoßen

Bildreihe 2: Den Abwehrspieler festhalten

Bildreihe 3: Beim Kreuzen festhalten

Info 2: Kriterien für ein Angreifervergehen im Zweikampf (mit Ball)

1. Die Position des Abwehrspielers

  • Richtige Position: Der Abwehrspieler versperrt in frontaler Position zum Angreifer und eher passiv den Raum, in dem es zum Körperkontakt kommt.
  • Falsche Positionen: 
    a) Der Abwehrspieler greift aus eher seitlicher Grundposition an oder  
    b) aus einer Bewegung nach vorn in Richtung des Angreifers.

In den Fällen a und b darf nicht auf Angreiferfoul entschieden werden.

Faustregel: Wer seine Grundposition zuerst regelgerecht eingenommen hat, ist im Recht!

2. Das Verhalten des Abwehrspielers im ­Moment des Körperkontakts

  • Im Moment des Körperkontakts muss sich der Abwehrspieler in einer frontalen Grundposition befinden.
  • Der Abwehrspieler darf mit angewinkelten Armen auch Körperkontakt zum Angreifer aufnehmen, vgl. Regel 8:1b! Dies geschieht oftmals nicht zuletzt auch zu seinem eigenen Schutz (Stoßdämpfer-Funktion).
  • Im letzten Moment darf er sich nicht mehr nach vorn bewegen (also keine aktive Abwehr gegen den Angreifer).
  • Keine regelwidrige Aktion (z. B. Festhalten, Stoßen, Umklammern)

3. Das Timing

  • Der Abwehrspieler muss den Ort des Zusammentreffens als Erster erreicht haben (auch in der Luft).
  • Er muss aber vor dem Körperkontakt keineswegs stehen. Er darf seine frontale Position z. B. auch aus einer Seitwärts-, sogar aus einer Vorwärtsbewegung oder im Sprung eingenommen haben.
  • Im letzten Moment vor dem Aufeinandertreffen darf jedoch keine Vorwärts- oder Seitwärtsbewegung des Abwehrspielers erkennbar sein! 

Bildreihe 4: Angreiferfoul - in den stehenden Abwehrspieler hineinspringen

Bildreihe 5: Angreiferfoul in der Aufbauphase eines Gegenstoßes

Bildreihe 6: Lücke in der Abwehr rechtzeitig geschlossen


Achtung, Schauspieler!

Bei Beachtung der Kriterien in Info 2 muss klar sein, dass ein Abwehrspieler nicht völlig regungslos agieren muss, wenn es zum Körperkontakt mit einem auflaufenden Angreifer kommt. Im Gegenteil: Da der Angreifer mit Ball in der Regel eine höhere Laufgeschwindigkeit hat, ist es dem Abwehrspieler erlaubt, sich z. B. mit den Armen zu schützen (Körperkontakt aufnehmen) oder, etwa in Gegenstoßsituationen, nach hinten auszuweichen. Ansonsten gibt das Timing eine Entscheidungshilfe: Hat der Abwehrspieler den Raum, in dem es zum Körperkontakt kommt, als Erster eingenommen, spricht im Falle eines Zusammenpralls mit dem Angreifer mehr für ein Angreiferfoul!

Von erlaubten ‘Schutzreaktionen’ unterschieden werden muss allerdings Schauspielerei (vorgetäuschte Angreiferfouls), mit der die Schiedsrichter gezielt getäuscht werden sollen. Leider zeigt die Praxis, dass Abwehrspieler eine konsequente Linie der Unparteiischen im Ahnden von Angreifervergehen durchaus nutzen, um, wo immer es geht, Angreiferfouls vorzutäuschen. Gestenreiches Fallen bei Zweikämpfen, oft noch mit lautem Aufschrei, ist vor allem dann unsportlich, wenn wie in Bildreihe 7 nicht einmal ein Körperkontakt erfolgte! Entsprechendes Verhalten ist unsportlich und von den Schiedsrichtern konsequent zu ahnden. Bei dem unsportlichen Verhalten ist nunmehr zu entscheiden, ob diese Aktion progressiv zu bestrafen (8:7d) oder direkt mit einer Hinausstellung zu ahnden ist ( 8:8h)!

Allein der Versuch, durch Provokationen oder Überreaktionen ein Vergehen vorzutäuschen oder die Wirkung eines Vergehens zu übertreiben, um eine Spielzeitunterbrechung oder eine unverdiente Strafe eines gegnerischen Spielers zu provozieren ist progressiv zu bestrafen. Der Hingegen ist beim Versuch, die Schiedsrichter durch Simulieren hinsichtlich der Aktionen eines Gegenspielers zu täuschen, wenn nur in sehr geringem Maße oder gar kein Kontakt mit dem betreffenden Körperteil hergestellt worden ist, um eine Spielzeitunterbrechung oder eine unverdiente Strafe eines gegnerischen Spielers zu provozieren eine direkte Hinausstellung auszusprechen.

Die Bildreihen 8 bis 11 zeigen Situationen, in denen Abwehrspieler ein Angreiferfoul vortäuschen. In allen Fällen müssen die Schiedsrichter solche Provokationen konsequent ahnden! Ohne eine klare Linie wird ein Spiel sonst leicht unkontrollierbar.

Bildreihe 7: Angreiferfoul vorgetäuscht!

Bildreihe 8: Der Außenverteidiger täuscht ein Angreiferfoul vor

Bildreihe 9: Anspringen von der Seite und Vortäuschen eines Angreiferfouls

Bildreihe 10: Vortäuschen eines Angreiferfouls eines Kreisspielers

Bildreihe 11: Provozieren eines Angreiferfouls im Spiel 1 gegen 1


Das Einklemmen – welcher Spieler begeht die erste Regelwidrigkeit?

Mit dem regeltechnisch erlaubten Körperkontakt durch den Abwehrspieler hat sich als Reaktion darauf bei Zweikämpfen eine inzwischen weit verbreitete (regelwidrige) Unsitte der Angreifer mit Ball entwickelt: Während des Körperkontakts klemmt der Angreifer einen Arm des Gegenspielers ein und zieht ihn in seine Laufrichtung mit (Bildreihen 12 und 13). Diese regelwidrige Aktion verfolgt zwei Ziele: 

  • Den Abwehrspieler aus seiner Grundposition ‘herauszuziehen’, sodass der Angriff dies taktisch nutzen kann (vor allem bei Kreuzbewegungen im Rückraum!).
  • Den Schiedsrichtern ein permanentes Festhalten durch den Abwehrspieler vorzutäuschen, um so theatralisch dessen progressive Bestrafung zu erwirken. Häufig lässt sich der Angreifer dabei noch fallen, um seine Täuschungsaktion noch glaubhafter erscheinen zu lassen.

Bildreihe 12: Der Angreifer klemmt den Abwehrspieler beim Kreuzen ein

Bildreihe 13: Einklemmen beim Durchbruch – eine falsche Schiedsrichter-Entscheidung provozieren


Solche Aktionen erfordern vor allem ein sehr gutes Stellungsspiel und eine zweckmäßige Aufgabenteilung der Schiedsrichter. Bemerken diese ein derartiges Einklemmen, können sie es beim ersten Mal neben der Entscheidung hinsichtlich der Spielfortsetzung bei einem Hinweis belassen. Ab dem nächs­ten eindeutigen Einklemmen durch einen Angreifer muss dieses konsequent progressiv bestraft werden (siehe Beurteilungskriterien aus Regel 8:3).

Häufig erfolgen Regelwidrigkeiten beider Parteien nahezu gleichzeitig: Festhalten/Klammern durch den Abwehr­spieler, Einklemmen durch den Angreifer. Wenn die Schieds­richter das Verhalten des Angreifers, das die Regelwidrigkeit des Abwehrspielers auslöst, klar erkannt haben, müssen sie hinsichtlich der Spielfortsetzung auf Freiwurf für die abwehrende Mannschaft erkennen.