Lars Geipel und Marc Fasthoff geben Tipps für Schiedsrichter. (Fotos: IMAGO/Eibner; IMAGO/Marianne Müller)

Zehn Tipps, die in keinem Regelbuch stehen

Der erste Ratschlag, der frisch gebackenen Schiedsrichter*innen meist gegeben wird, ist simpel: So viel wie möglich pfeifen, denn Erfahrung ist auch an der Pfeife unverzichtbar. Mit jedem Einsatz wächst der Erfahrungsschatz, wird man sicherer, lernt man dazu.

Die beiden langjährigen Unparteiischen Lars Geipel und Marc Fasthoff haben sich für das Schiedsrichterportal Gedanken gemacht, was sie am Anfang ihrer Karriere gerne gewusst hätten – und zehn praktische Tipps für Einsteiger*innen zusammengestellt, die sich in keinem Regelbuch finden lassen.

  1. Es klingt banal, aber: Seid rechtzeitig in der Halle. Wenn ihr unter Stress ankommt, seid ihr schlechter. Und wenn ihr angekommen seid, begrüßt immer alle Offiziellen auf der Bank vor dem Spiel freundlich – egal, ob Cheftrainer oder Physiotherapeut. Und ganz wichtig: Behandelt beide Seiten gleich. Klatsch ihr mit allen Offiziellen des Gastgebers ab, macht das auch beim Gast – und unterhaltet euch mit beiden Teams ähnlich lange. 
  2. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Achtet vor dem Anpfiff, nach jedem Team-Time-out und nach jeder Bestrafung auf die korrekte Anzahl der Spieler auf dem Feld. Vertraut nicht darauf, dass die Trainer und Spieler selbst den Überblick haben. Außerdem werft am besten auch nach jedem Tor und jedem Team-Time-out einen Blick zur Anzeigetafel, ob Zeitnehmer und Sekretär reagiert haben. Sicher ist sicher – so lassen sich kritische Situationen und Diskussionen vermeiden, bevor sie auftreten. 
  3. Befestigt am „Schlüsselring“ eurer Pfeife eine zweite Pfeife. So habt ihr einen besseren Griff, weil  die Pfeife durch die zweite Pfeife besser in der Hand liegt. Apropos Pfeife: Habt die Pfeife nicht ständig im Mund, sondern haltet sie – am langen Arm – in der Hand. Da der Weg zum Mund länger ist, wird so mancher Vorteil besser laufen gelassen, weil man erst ein wenig verzögert reagieren kann. 
  4. Ob Hosentasche oder Brusttasche: Ein schneller Zugriff zu den Karten ist wichtig. Damit ihr nicht durcheinander kommt, tragt immer an der gleichen Stelle dieselbe Karte. Um den Zugriff noch einfacher zu machen, könnt ihr den Klettverschluss aus der Brusttasche raustrennen.
  5. Schreibt euch die Strafen nicht nur auf die Spielnotizkarte, sondern auch auf den Handrücken – oder ein Stück Tape, das ihr auf das Armband eurer Uhr klebt. So könnt ihr unauffällig und schnell während des Spiels schauen, wer schon progressiv bestraft wurde und müsst nicht die Notizkarte in einer hektischen Szene erst umständlich aus der Hosen- oder Brusttasche kramen. 
  6. Setzt euch in der Halbzeitpause nicht hin. Geht beim Trinken und eurer Besprechung in der Kabine hin und her. Beim Sitzen gibt es einen Spannungsabfall, sodass ihr eventuell länger braucht, um direkt nach der Pause wieder auf Touren zu kommen. Apropos Konzentration: Nehmt die Wasserflaschen unbedingt mit zum Kampfrichtertisch, sodass ihr nicht nur in der Halbzeit, sondern auch in den Auszeiten etwas trinken könnt. Die Konzentrationsfähigkeit leidet, wenn man zu wenig trinkt. 
  7. Spielt mit der Pfiffmelodie. Gerade am Anfang der Schiedsrichterkarriere pfeifen viele Schiedsrichter alles gleich, dabei kann man alleine durch die Art des Pfeifens schon unglaublich viel signalisieren. Nach einem leichten Foul reicht ein kurzer, schneller Pfiff für den Freiwurf; ist es ein schweres Foul, das einen Siebenmeter nach sich zieht, pfeift länger und lauter. Setzt die verschiedenen Melodien bewusst ein. Wenn ihr herausfinden wollt, wie eure Pfiffe wirken, nehmt ein Spiel von euch auf Video auf – und dreht beim Abspielen den Bildschirm weg. Ihr solltet an den Pfiffen erkennen können, was gerade geschieht …
  8. Wenn ihr mit den Trainern und Spielern kommunizieren wollt, achtet darauf, dass es kein „Frontalangriff“ wird. Gerade, wenn ihr mit den Bänken oder den Rückraumspielern sprecht, eignet sich das „offene V“: Stellt euch seitlich, sodass ihr noch einen Blick auf das Spielfeld habt. Das wirkt von der Körpersprache deeskalierend. Daraus folgt natürlich: Eine Strafe wird frontal gegeben. 
  9. Sprecht bei harten Fouls nicht sofort eine Progression aus, sondern wartet die Folgen des Fouls ab und trefft dann – in Rücksprache mit eurem Partner – eine Entscheidung. Warum? Die spontane Reaktion bei einem Foulspiel ist oft falsch – wartet man ab, gewinnt man wichtige Sekunden, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wenn ihr nicht gesehen habt, wer gefoult hat, achtet darauf, welcher Spieler sich entschuldigt … 
  10. Wenn ihr einen Siebenmeter gegeben habt, stellt euch zum Anpfeifen auf die Wurfarmseite des Schützen. So könnt ihr – gerade in lauten Hallen – für eine optische Unterstützung des Pfiffs sorgen. Dreht sich der Werfer zum Wurf auf, kann er euch nämlich nicht nur hören, sondern auch sehen.