Lutz Pittner (rechts) neben seinem Gespannpartner Christian Moles in der Saison 2015/16 (Quelle: IMAGO/Christian Schroedter)

Wie gehe ich als Schiedsrichter mit Rassismus um?

Rassistische Beleidigungen auf dem Spielfeld oder von der Tribüne sorgen im Amateuerfußball immer wieder für Schlagzeilen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zählte in der Saison 2022/2023 genau 2.679 Diskriminierungsfälle. Im Amateurhandball sind rassistische Anfeindungen in den Hallen mutmaßlich seltener – eine bundesweite Erhebung gibt es nicht – und entsprechend unvorbereitet dürften die am Spiel beteiligten Personen oft sein, wenn es doch zu einem Vorfall. Gerade der Schiedsrichter steht dann oft im Fokus und ist zum Durchgreifen gezwungen.

Doch welche Möglichkeiten haben die Unparteiischen gemäß Regelwerk, wenn ein Spieler oder Trainer rassistisch beleidigt wird? Wie sollte sich ein Referee in dieser Extremsituation verhalten? Und was ist, wenn der Schiedsrichter selbst auf dem Spielfeld rassistisch beleidigt wird? Im Interview gibt der ehemalige Elitekader-Referee Lutz Pittner, der seit seinem Karriereende Coach für junge Schiedsrichter und im Hauptberuf als Oberstaatsanwalt tätig ist, Ratschläge und warnt vor No-Gos.

 

Redaktion: Wie kann bzw. sollte ein Schiedsrichter im Amateurhandball – wo es keine Delegierten und nicht immer einen Ordnungsdienst in der Halle gibt – reagieren, wenn er mitbekommt, dass ein Spieler oder Trainer rassistisch beleidigt wird?

Lutz Pittner: Das hängt natürlich ganz stark davon ab, wer diese Beleidigung ausspricht. In dem Moment, wo es eine am Spiel beteiligte Person ist, kann ich die Möglichkeiten des Regelwerks voll ausschöpfen. Wenn ein Trainer oder Spieler einen anderen Spieler, ein Mitglied des gegnerischen Trainerteams oder auch mich selbst rassistisch beleidigt, kann ich eine Disqualifikation mit Bericht aussprechen - so, wie ich das bei anderen Beleidigungen auch machen würde. 

 

Was muss ich dabei beachten? 

Ich empfehle, sich unbedingt den genauen Wortlaut zu merken – oder ihn sich kurz auf meiner Notizkarte zu notieren – und diese dann mit einer genauen Situationsbeschreibung im elektronischen Spielbericht bei der Begründung der roten Karte mit Bericht zu hinterlegen. So habe ich alles getan, um der spielleitenden Stelle die Informationen zu geben, anhand derer sie anschließend ggf. über eine weitere Strafe bzw. Sperre entscheiden kann.

 

Das ist das rein formale Vorgehen. Wie gehe ich als Schiedsrichter emotional mit der Situation um?

Das Wichtigste ist es, die Ruhe zu bewahren – so schwer es auch sein mag. Ich bin als Schiedsrichter für den ordnungsgemäßen Ablauf des Spiels verantwortlich und das kann ich nicht, wenn ich mich emotional mitreißen lasse. Außerdem muss ich mir bewusst sein, dass ich qua Amt erst einmal neutral zu sein habe. Ich kann meine regeltechnischen Möglichkeiten auszunutzen, aber ich darf mich nie offen auf eine Seite schlagen. Das bitte nicht falsch verstehen: Rassistische oder andere Beleidigungen haben im Sport nichts zu suchen und da positioniere ich mich ausdrücklich dagegen. Ich wäre daher allerdings  vorsichtig, was die persönliche oder emotionale Fürsprache für einen rassistisch angegriffenen Spieler angeht. Nutze als Schiedsrichter die Möglichkeiten, die du qua Regelwerk hast, um ihm deine Unterstützung zu zeigen, indem du klar durchgreifst.

 

Und was ist, wenn die rassistischen Beleidigungen nicht von einer am Spiel beteiligten Person ausgesprochen werden, sondern von der Zuschauertribüne kommen?

Wenn du eine rassistische Beleidigung aus dem Zuschauerraum wahrnimmst, die in der Halle deutlich wahrzunehmen ist und du den Eindruck, dass deshalb wirklich faire Spielbedingungen nicht mehr gegeben sind, musst du dir über eine Unterbrechung oder im Extremfall sogar einen Spielabbruch Gedanken machen. Das ist jedoch stark vom Einzelfall abhängig.

 

Eine Unterbrechung oder sogar ein Spielabbruch sind ziemlich radikale Maßnahmen, welche die wenigsten Schiedsrichter in ihrer Karriere bereits erlebt haben dürften.

Das stimmt. Gerade ein Spielabbruch ist natürlich das extremste Mittel, das es gibt. Dennoch: Wenn eine rassistische Beleidigung dazu führt, dass eine Mannschaft nicht mehr spielfähig ist, weil sie emotional so betroffen ist, muss ich das Spiel abbrechen. Das Spiel muss unter gleichen Bedingungen stattfinden – und wenn das nicht gegeben ist, kann ich die Partie nicht fortsetzen.

 

Abgesehen von diesem letzten Schritt: Was würdest du einem Schiedsrichter erst einmal raten, wenn er eine rassistische Beleidigung von der Tribüne wahrnimmt? 

Die Zeit anzuhalten und das Spiel auf diese Weise kurz zu unterbrechen. Damit setzt du ein Signal und schaffst dir selbst einen Moment Zeit, um dir zu überlegen, wie du mit der Situation umgehst. Und dann wäre eine Möglichkeit, zum Mannschaftsverantwortlichen A der Heimmannschaft zu gehen und beispielhaft zu sagen: „Hör mal, ihr hab das auch gehört, solche rassistischen Beleidigungen haben im Handball nichts verloren. Ihr seid für diese Halle verantwortlich, bitte sorgt dafür, dass diese Rufe unterbunden werden.“ 

 

Darf ein Schiedsrichter einen Zuschauer der Halle verweisen?

Nein, das ist nicht möglich. Das Hausrecht hat der ausrichtende Verein. Unabhängig davon würde ich auch aus taktischen Gründen darauf verzichten, in den direkten Dialog mit den Zuschauern zu gehen. Personen, die solche inakzeptablen Beleidigungen fallenlassen, werden ihr Fehlverhalten nicht in vernünftigen Tonfall mit dir diskutieren oder es gar reumütig einsehen. Das Gespräch wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt und wenn die Person dich vor allen anderen in der Halle anwesenden Personen derart abblitzen lässt, stehst du hilflos da. Der Heimverein ist dafür zuständig, die Zuschauer in seiner Halle zur Ordnung zu rufen oder ggf. aus der Halle zu entfernen. 

 

Gibt es keine Ausnahme? 

Schiedsrichter, die lange im Amateurhandball aktiv sind und sich ein großes Standing erarbeitet haben, können sich vielleicht vor die Tribüne stellen, eine Ansprache halten und kriegen dann noch einen Szenenapplaus von den vernünftigen Zuschauern. Das ist aber eine absolute Ausnahme. Ich würde jedoch gerade neuen bzw. jüngeren Referees von dieser direkten Konfrontation abraten, da du dich damit unweigerlich in den Fokus rückst. 

 

Bislang haben wir darüber gesprochen, was ein Schiedsrichter machen kann, wenn er selbst die Beleidigung gehört hat. Was macht ein Unparteiischer, der selbst nichts wahrgenommen hat, wenn ein Spieler zu ihm kommt und beispielsweise sagt: Der und der Gegenspieler hat mich gerade rassistisch beleidigt? 

Wenn du keine eigene Wahrnehmung hattest, kannst du aufgrund der Mitteilung einer dritten Person keine Strafe aussprechen. In einem solchen Fall hast du also nur die Möglichkeit, einen Eintrag im Spielprotokoll zu machen: „In der 45. Spielminute kam Spieler A von Verein B zu mit und berichtete von rassistischen Beleidigungen gegen seine Person durch Spieler C von Verein D. Ich habe es selbst nicht wahrgenommen.“ Dann obliegt es der Spielleitenden Stelle, ein Verfahren einzuleiten, in dem dann Zeugen vorgeladen werden können und der Sachverhalt zu klären ist. Das gilt übrigens generell: Selbst, wenn Zeitnehmer oder Sekretär dir eine einfache, nicht einmal unbedingt rassistische Beleidigung gegen sich melden, kannst du es nicht bestrafen, wenn du es nicht selbst gehört hast. Auch hier bleibt nur der Eintrag im Spielprotokoll.

 

Das dürfte für den betreffenden Spieler, wenn er emotional getroffen ist, eine unbefriedigende Lösung sein… 

Das mag sein, aber mehr gibt das Regelwerk nicht her. Das würde ich dem Spieler gegenüber offen sagen: „Pass auf, ich kann regeltechnisch leider nichts machen, weil ich es nicht wahrgenommen habe. Aber ich kann den Vorfall nach dem Spiel eintragen.“ So merkt der Spieler, dass seine Worte nicht komplett ins Leere gehen und fühlt sich – hoffentlich – von dir ernst genommen. Das kann die Situation durchaus schon beruhigen. 

 

Kann ein Schiedsrichter eine Pause anordnen, damit ein betroffener Spieler Zeit hat, sich zu beruhigen? 

Erneut: Das ist ohne eigene Wahrnehmung schwierig. Wenn du der Meinung bist, dass der ordnungsgemäße Spielbetrieb gefährdet ist, kannst du das Spiel natürlich unterbrechen; das sagte ich eben ja schon. Aber wenn außer dem betroffenen Spieler keiner die Beleidigung gehört hat, ist es schwierig zu vermitteln. Wenn der Trainer einer Mannschaft zu dir kommt und sagt: Mein Spieler ist wegen einer Beleidigung nicht mehr spielfähig, er ist fertig mit der Welt, dann kann ich es machen, weil ich keine fairen Bedingungen mehr habe. Allerdings läufst du bei einer solchen Spielpause schnell Gefahr, dass du an einen Punkt gelangst, wo du nicht mehr weiterkommst. 

 

Wie meinst du das? 

So bitter und schmerzhaft rassistische Beleidigungen sind – und das will ich nicht in Abrede stellen – muss dein Hauptinteresse als Schiedsrichter der Tatsache gelten, das Spiel ordentlich über die Bühne zu bekommen. Und eine Spielunterbrechung ist eine hohe Eskalationsstufe. Was willst du machen, wenn du in der 10. Spielminute für fünf Minuten unterbrichst, dann weiterspielen lässt und es wieder eine Beleidigung gibt? Wenn der Täter merkt, dass seine Beleidigungen einen solchen Erfolg haben, fühlt er sich möglicherweise sogar motiviert, weiterzumachen. Und spätestens bei der dritten Unterbrechung müsstest du das Spiel konsequenterweise ganz abbrechen – was in dem Fall verständlich wäre, aber ein Spielabbruch sollte natürlich möglichst vermieden werden. Daher wäre ich mit diesem Mittel sehr vorsichtig, wenn ich mich zu solchen Maßnahmen entschließe, muss ich sie dann aber auch konsequent durchziehen.

 

Und was mache ich, wenn sich ein Team aufgrund der rassistischen Beleidigungen gegen eins seiner Mitglieder weigert, das Spiel fortzusetzen? 

In einem solchen Fall habe ich es vergleichsweise einfach, denn wenn eine Mannschaft sich weigert, weiterzuspielen, ist kein Spiel mehr möglich – und ich muss die Partie abbrechen. 

 

Was würdest du einem Schiedsrichter raten, wenn er so eine Situation tatsächlich erlebt? 

Auch, wenn ich mich wiederhole: Es ist das oberste Gebot, trotz der hochemotionalen Situation Ruhe zu bewahren. Wenn eine Mannschaft mit dem Wunsch des Spielabbruchs zu mir kommt, würde ich das Gespräch mit dem Mannschaftsverantwortlichen suchen. Ich würde mir den Sachverhalt ruhig schildern lassen und Lösungsszenarien entwickeln, um den Spielabbruch zu vermeiden. 

 

Zum Beispiel? 

Man kann verschiedene Dinge anbieten: Dass man den Gegner anspricht. Dass man eine Durchsage in der Halle machen lässt. Dass man den Zuschauer vom Ordnungsdienst entfernen lässt. Und man sollte den Mannschaftsverantwortlichen unbedingt auf die Konsequenz hinweisen, indem man beispielsweise sagt: „Wenn ihr das Spiel abbrechen wollt, dann endet das Spiel hier, aber ich muss die Begründung genau so in den Bericht eintragen. Und dann entscheidet die Spielleitende Spiele und ihr lauft Gefahr, dass das Spiel ggf. gegen euch gewertet wird.“ Auf keinen Fall sollte an dieser Stelle jedoch eine rechtliche oder spieltechnische Bewertung durch den Schiedsrichter erfolgen.

 

Wenn die Mannschaft an dem Wunsch nach dem Spielabbruch festhält: Was gehört dann in den Bericht? 

Ich würde die Situation so genau wie möglich ausführen – inklusive der vorgeschlagenen Lösungsmöglichkeiten und der Begründung von Mannschaft A, warum sie das Spiel nicht fortsetzen wollen. Und dann könnte es als Zusammenfassung heißen: „Daher war Mannschaft A nicht bereit, das Spiel fortzusetzen. Mannschaft B wäre bereit gewesen, aber Mannschaft A konnte dazu trotz der genannten Lösungsvorschläge nicht dazu bewegt werden. Aus diesem Grund brach ich das Spiel um 17:25 Uhr beim Stand von 23:20 ab.“ Oder so ähnlich. Wichtig ist, dass es möglichst detailliert ist, damit die Spielleitende Stelle sich ein Bild machen kann - und wenn es zu einer Verhandlung kommt, wird der Bericht eine wichtige Rolle spielen. 

 

Kommen wir zum letzten Fall: Welches Verhalten empfiehlst du einem Schiedsrichter für den Worst Case: Wenn er selbst rassistisch beleidigt worden ist und sich in dem Moment nicht in der Lage sieht, das Spiel weiter zu pfeifen? 

Niemand muss rassistische oder auch sexistische Beleidigungen über sich ergehen lassen! Wenn ihr emotional so getroffen seid, dass ihr das Spiel gerade nicht weiter leiten könnt, unterbrecht die Partie – das ist aber natürlich ein absoluter Extremfall – und teilt den beiden Mannschaftsverantwortlich mit: „Ich wurde beleidigt und bin im Moment nicht in der Lage, das Spiel weiterzuführen. Ich gehe jetzt in die Kabine und brauche Zeit für mich. Kommt bitte in fünf Minuten in die Schiedsrichterkabine und dann überlegen wir, wie es weitergeht.“ Und dann könnt ihr das Spiel immer noch abbrechen oder, falls das möglich ist, sagen: „Wir setzen das Spiel jetzt fort, aber wenn sich das wiederholt, brechen wir sofort ab.“ 

 

Wie sollte sich der Gespannpartner in diesem Fall verhalten: In der Halle bleiben, um das Spielfeld im Blick zu haben oder mit in die Kabine gehen? 

Ihr bildet eine Einheit, daher geht ihr natürlich gemeinsam in die Kabine. Die einzige Ausnahme: Auf dem Feld gibt es zu bestrafende Vorfälle, dann muss mindestens einer natürlich draußen bleiben. In der Außendarstellung wäre es ansonsten eine Katastrophe, wenn einer auf dem Feld bleiben würde und dann womöglich noch den Hohn und Spott ertragen müsste. 

 

Abschließend: Was würdest du Schiedsrichtern empfehlen, die sich nach der Lektüre dieses Interviews noch weiter wappnen wollen, wie sie mit Rasissmus in der Halle umgehen können? 

Fragt bei eurem Schiedsrichterwart oder Landesverband an, ob es eine Richtlinie gibt oder in den Durchführungsbestimmungen Vorgaben festgelegt sind. Und ich bleibe dabei: Das Wichtigste, so schwer es auch sein mag, ist immer erst einmal Ruhe zu bewahren!