Kay Holm und Peter Behrens (Fotos: IMAGO/Claus Bergmann; Noah Wedel)
Wie findet man als junges Gespann den eigenen Weg?
Zwei, die diese Frage aus eigener Erfahrung beantworten können, sind Kay Holm und Peter Behrens. Beiden gelang mit ihrem jeweiligen Gespannpartner der Aufstieg in den Elitekader des Deutschen Handballbundes; heute kümmern sie sich im Schiedsrichter-Lehrstab des Dachverbands um die Weiterbildung der nächsten Generation.
Eine pauschale Antwort auf die Frage, wie man als junges Gespann seinen eigenen Weg findet, hat allerdings auch das erfahrene Duo nicht. „Einen für alle gültigen Leitfaden gibt es nicht“, betont Behrens. „Man muss jedes Gespann individuell betrachten, denn was für das eine Team passt, funktioniert beim nächsten Team vielleicht schon nicht.“
Die Suche nach dem eigenen Stil
Authentizität ist als Schiedsrichter ein hohes Gut. Verbiegt man sich auf dem Feld, übertreibt man, fühlt man sich selbst nicht wohl, spüren die Spieler das oft. Entsprechend ist es entscheidend, einen eigenen Stil auf dem Spielfeld zu entwickeln – sowohl einzeln für sich als auch im Gespann.
Wenn der eine mehr und der andere weniger kommuniziert, muss das kein Hindernis sein, denn jeder kann seine Stärken einbringen – entscheidend ist jedoch, sich gemeinsam auf eine Linie der regeltechnischen Beurteilung zu einigen und gleiche Maßstäbe anzulegen. Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit sind in diesem Fall die Zauberwörter.
„In einem Spiel sollte man immer versuchen, auf ein Level zu kommen, damit die Situationen auf beiden Seiten gleich bewertet werden“, erklärt Behrens. „Das ist natürlich oft ein schmaler Grad, aber diese gemeinsame Linie ist eine Grundvoraussetzung.“
Um diese zu finden, ist es wichtig, sich mit dem eigenen Pfeifen auseinanderzusetzen – und die eigene Philosophie zu entwickeln. Das Korsett des Regelwerks ist natürlich zu beachten, doch jedes Gespann hat – gerade im zwischenmenschlichen Bereich – gewisse Gestaltungsmöglichkeiten.
„Es hilft, wenn man sich ganz grundsätzlich fragt: Was für ein Spiel wollen wir haben und wie wollen wir eine Partie leiten?“, führt Holm aus. Außerdem empfiehlt es sich, eigene Szenen oder auch die Spielszenen anderer Gespanne auszuwerten, um Bilder im Kopf abzuspeichern – und sich damit auseinanderzusetzen, welche Pfiffe und Lösungen einem gefallen und welche nicht.
Abschauen und ausprobieren "ja" – kopieren "nein"
Denn um seinen Weg zu gehen, muss jedes Gespann einen Stil finden, den es verkörpern und verkaufen kann – Stichwort: Glaubwürdigkeit. Dafür ist das Ausprobieren unerlässlich. „Man kann sich gerade am Anfang der eigenen Karriere bei anderen Schiedsrichtern viele Dinge abschauen. Allerdings muss man unbedingt auf dem Spielfeld testen, was zu einem passt“, rät Behrens. „Man muss verschiedene Erfahrungen machen, um zu wissen, was funktioniert.“ Daher gilt: Üben, üben, üben – jedes Spiel hilft weiter.
Allerdings, das betonen sowohl Behrens als auch Holm ausdrücklich, dürfe man nie versuchen, einfach ein anderes Gespann zu kopieren. „Die Kopie wird immer schlechter sein als das Original“, betont Holm. „Sich einzelne Dinge herauszupicken, ist sinnvoll – ein Gespann komplett nachahmen zu wollen nicht.“
Vertrauenspersonen finden
Ein weiterer wichtiger Punkt in der Entwicklung eines jeden Gespanns: Die Menschen zu finden, denen man vertrauen kann – und die einen weiterbringen. „Es gibt immer eine Menge Leute, die glauben, einem helfen zu können“, weiß Behrens. „Manchmal ist das allerdings kontraproduktiv – so gut die vermeintlichen Ratschläge auch gemeint sein mögen. Im Laufe der Zeit wird man lernen müssen, auf wen man hören und welche Kritik man annehmen sollte.“
Die richtigen Vertrauenspersonen zu finden, kann jedoch schwierig sein. „Grundsätzlich ist es wichtig, dass die Menschen das, worüber sie reden, selbst erlebt haben“, führt Holm den Gedanken weiter. „Wenn jemand, der selbst noch nie ein Oberliga- oder Drittligaspiel gepfiffen hat, einem sagen will, wie etwas in der Liga zu laufen habe, nützt das in der Regel nichts.“
Hat man seine Vertrauenspersonen gefunden, können diese beispielsweise Orientierung bieten – gerade, wenn man gegensätzliche Ratschläge bekommt. „Bekommt man nach einem Spiel vom Coach zu hören, dass man zu wenig Zeitstrafen gegeben habe, kommt es vor, dass man im nächsten Spiel alle Hinausstellungen raushaut, die irgendwie in Frage kommen – und dann kritisiert der nächste Coach genau das“, gibt Behrens ein Beispiel. In solchen Situation sei es daher sinnvoll, „nicht immer alles durch die Meinung Einzelner in Frage zu stellen, sondern gemeinsam mit den Vertrauenspersonen den bestmöglichen Weg für sich zu selbst entwickeln“, rät Behrens. „Gerade als junger Schiedsrichter ist es jedoch oft schwer, mit Ratschlägen und Kritik gewinnbringend umzugehen und sich nur mit dem zu beschäftigen, was einen weiterbringt – das muss man erst lernen.“
Aus Fehlern die richtigen Schlüsse ziehen
Die Bereitschaft, zu lernen, an sich zu arbeiten und besser werden zu wollen, ist essentiell, um seinen eigenen Weg zu finden. „Man wird kein Spiel fehlerfrei leiten, das muss man akzeptieren“, betont Behrens. „Es ist vielmehr wichtig, aus den Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Man muss in der Lage sein, die gleiche Situation das nächste Mal anders zu regeln.“
Warum das so wichtig ist, weiß er aus eigener Erfahrung. „Als ich damals in der Verbandsliga gepfiffen habe, habe ich geglaubt, dass ich nur das ahnden kann, was ich auch sehe“, beschreibt er. „Dann knallte ein Spieler nach einem Schlag mit dem Kopf auf den Boden, er hatte starkes Nasenbluten. Ich habe nicht gesehen, woher der Schlag kam und habe nichts gegeben. Später hat mir jemand gesagt: Schick einfach einen runter, anders geht es nicht. Wenn ich diesen Ratschlag anschließend in ähnlichen Situationen nicht beherzigt hätte, hätte ich es nicht in die Bundesliga geschafft.“
Gemeinsam stark
Den eigenen Stil entwickeln, Vertrauenspersonen suchen und bereit sein, aus Fehlern zu lernen: All das ist wichtig, um seinen eigenen Weg zu finden. Ebenso entscheidend ist das Zusammenspiel mit dem Gespannpartner – auch außerhalb des Spielfelds. „Es mag sich banal anhören, aber einheitlich gekleidet aufzutreten, erzielt im Rahmen der nonverbalen Kommunikation eine große Wirkung“, rät Holm. „So suggeriere ich nicht nur nach außen, ein Team zu sein, sondern auch, dass ich die Aufgabe ernst nehme. Die Vereine achten darauf, wer zur Tür reinkommt.“
Neben dem gemeinsamen Auftreten nach außen muss es auch intern stimmen. Eine Zuverlässigkeit gegenüber dem Gespannpartner sollte selbstverständlich sein, zudem empfiehlt es sich, die Aufgaben klar zu verteilen. „Wenn man erlebt, dass man sich auf seinen Partner verlassen kann, weil jeder seine Aufgaben erfüllt, stärkt es das Vertrauen“, sagt Holm. „Und Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung, damit es überhaupt funktioniert.“
Ob die Bestätigung der Ansetzungen, die Planung von An- und Abreise oder die Abrechnung: Eine klare Aufgabenteilung festzulegen und damit Automatismen zu schaffen, ist aus Sicht von Behrens auch durchaus förderlich für die Performance auf dem Feld. „Wenn die Abläufe festgelegt sind, braucht man sich keine Gedanken machen – und umso mehr Ressourcen hat man, um seine Leistung abzurufen. Sind solche Dinge nicht klar geregelt, kann es sein, dass es am Ende keiner macht.“
Der Weg nach oben ist harte Arbeit
Gelingt es einem jungen Gespann, langsam aber sicher seinen Weg zu finden, kommen oft schnell die ersten Erfolge. Die größte Bestätigung: Der Aufstieg in den nächsthöheren Kader. Holm rät dennoch eindringlich zur Demut: „Man darf nie davon ausgehen, dass es auf der Überholspur weitergeht“, betont er. „Es geht eben nicht automatisch weiter, man muss immer weiter an sich arbeiten, um den Erfolg zu bestätigen.“