Quelle: ZDF

Wer hat seine Ausgangsposition zuerst erreicht?

Im heutigen Pfiff der Woche geht es um Regelwidrigkeiten im Zweikampf.

Eine entscheidende Szene zum Ende des Spiels Deutschland gegen Spanien in der Vorrunde während der Olympischen Spiele in Tokio: 
Nach Ausführung des Anwurfs wird der Ball durch Rückraum Mitte zum Linksaußen SCHWARZ 31 gespielt, der sich frei an der Seitenlinie in Höhe der Freiwurflinie befindet. WEISS 4 erkennt die Situation und versucht, den Wurf von SCHWARZ 31 zu verhindern. Es kommt zum Körperkontakt. Der Torschiedsrichter erkennt auf Stürmerfoul und somit Freiwurf für Spanien.

Hier die regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im Schiedsrichterwesen des DHB:

Keine einfache Entscheidung für die Schiedsrichter zum Ende des Spiels, das 90 Sekunden vor dem Schlusssignal unentschieden 27:27 steht.
Zunächst sind bei der Beurteilung die Ausgangssituationen des Angreifers (LA) sowie des Abwehrspielers (AR) zu betrachten. Steht dem Angreifer Raum für einen Durchbruch Richtung Tor zur Verfügung? Im Video ist erkennbar, dass SCHWARZ 31 in der Ausgangsstellung ausreichend Raum zu WEISS 4 hat.

Kann der Abwehrspieler also noch rechtzeitig den Torwurf des Außenspielers regelgerecht verhindern und eine frontale Grundposition zum Angreifer einnehmen? In der Ausgangssituation hat WEISS 4 zunächst einen deutlichen räumlichen Nachtteil, da er relativ weit von Linksaußen SCHWARZ 31 entfernt ist. Durch den ungenauen, zu hohen Pass zu SCHWARZ 31 kann dieser den Ball aber nicht in der Bewegung nach vorne annehmen: Er muss springen, um ihn überhaupt noch zu erreichen. Dadurch verliert er Zeit und Geschwindigkeit – und den räumlichen Vorteil zum AR.

Ausschlaggebend für die weitere Beurteilung und spätere Entscheidung ist nunmehr auch der Laufweg des AR zur späteren Abwehrposition. Denn gemäß Regel 6:2c ist beim Betreten des Torraums durch einen Feldspieler auf 7-Meter-Wurf zu entscheiden, wenn ein Abwehrspieler hierdurch eine klare Torgelegenheit vereitelt (14:1a).

Hat also in dieser entscheidenden Szene WEISS 4 auf dem Weg zur Abwehrposition den Torraum im Sinne der Regel 6:2c betreten und sich dadurch einen Vorteil verschafft oder nicht? Im Video ist erkennbar, dass WEISS 4 auf seinem Weg mit dem rechten Fuß die Torraumlinie berührt.
Im zweiten Satz des offiziellen Regeltextes der Regel 6:2c heißt es, dass mit „Betreten“ im Sinne dieser Regel nicht das bloße Berühren der Torraumlinie zu verstehen ist, sondern ein deutliches Eintreten.

Im Video ist ebenso deutlich erkennbar, dass WEISS 4 rechtzeitig eine frontale Grundposition zu SCHWARZ 31 einnehmen kann.

Die wesentlichen und entscheidenden Fragen lauten: Hat WEISS 4 den Torraum deutlich betreten und sich dadurch einen unrechtmäßigen Vorteil verschafft? Hat er somit eine klare Torgelegenheit regelwidrig vereitelt? Oder hat er seine Position regelgerecht erreicht?

Summa summarum fehlt in dieser speziellen Situation das deutliche Eintreten und damit der Vorteilsgedanke. Der Abwehrspieler steht vor dem Kontakt frontal vor dem Angreifer und versperrt regelgerecht dessen Laufweg. Da er diese Position regelgerecht und zuerst erreicht hat, ist die Entscheidung der Schiedsrichter auf Stürmerfoul korrekt.

Fazit

Entscheidend ist in in solchen Situationen zunächst das Timing: Wie ist die Ausgangssituation für Angreifer und Abwehrspieler?

  • Steht dem Angreifer Raum für einen Durchbruch Richtung Tor zur Verfügung?
  • Kann der Abwehrspieler eine Lücke rechtzeitig schließen?
  • Erreicht er noch rechtzeitig und regelgerecht eine frontale Grundposition zum Angreifer?

Beachte

Der Abwehrspieler muss regelkonform den Laufweg des Angreifers versperren. Das bedeutet, er muss zuerst die Position eingenommen haben und darf nicht durch den Torraum abkürzen, sofern dies mit einem Vorteil für ihn verbunden ist. Nur dann ist bei einem frontalen Kontakt auf Angreifervergehen zu entscheiden. Berührt er jedoch lediglich leicht die Torraumlinie (ohne Vorteil) und befindet sich ansonsten in einer regelgerechten Grundposition, kann es durchaus zu einem Angreiferfoul kommen.