Wenn Rückraumspieler wie Kreisspieler agieren!

Jochen Beppler über Erkenntnisse von der Weltmeisterschaft der Männer 2021 und die Wichtigkeit, saubere Abwehrspiele zu würdigen sowie regelwidriges Verhalten der Angreifer zu erkennen und zu ahnden.

Um es gleich vorweg zu sagen: Als Spielanalyst bin ich bei dieser Weltmeisterschaft mit meinen Kollegen Dietrich Späte (GER – Vorsitzender der IHF Trainer- und Methodik-Kommission), Jorge Dueñas (ESP – Trainer der brasilianischen Frauen-Nationalmannschaft), Paul Landuré (FRA – Mitglied der IHF Trainer- und Methodik-Kommission) nicht dazu da, um bei den Schiedsrichtern im Nachhinein Kritik an einzelnen Entscheidungen zu üben. Wenn ich den Schiedsrichtern die Erkenntnisse des IHF-Analystenteams mitteile, dann soll dies dazu dienen, das spieltaktische Verständnis dieser Sportkollegen auf neue Entwicklungen aufmerksam zu machen und ihnen dabei zu helfen, (noch) besser zu werden.  

Über den Autor

Foto: privat

Jochen Beppler

Alter: 40
Beruf: Oberstudienrat für Englisch und Sport
Seit Dezember 2017: Chef-Bundestrainer für den gesamten Nachwuchsbereich des DHB
Weitere Tätigkeiten: Lektor für die IHF; in dieser Funktion Einsatz mit weiteren versierten Trainern als Spielanalyst bei Weltmeisterschaften

Die Zusammenarbeit zwischen Trainern und Spielern auf der einen und den Schiedsrichtern auf der anderen Seite ist aus meiner Sicht nicht nur deshalb wichtig, weil selbstredend alle am selben Spiel beteiligt sind und es somit entscheidend prägen, sondern auch, weil es für Spielleiter im Handball nicht ausreicht – anders als z. B. bei Kampfrichtern in der Leichtathletik –, Regeln (in der Theorie) zu kennen, sondern sie müssen sie in der Praxis interpretieren und anwenden können. Ein Schiedsrichter mit Spielverständnis trifft nämlich einerseits bessere Entscheidungen, hat andererseits bei Spielern aber auch eine höhere Akzeptanz, denn sie spüren sehr genau, ob sie es bloß mit einem Regelpolizisten oder aber mit einem Spielleiter zu tun haben.

 

Im vorliegenden Beispiel geht es um das Thema Angreiferfoul. Die beiden häufigsten Räume für ein Offensivfoul sind in Info 1 markiert und in ihrer Entstehung kurz charakterisiert. Ausgelassen wurde in dieser Info der Torraum, wo es selbstverständlich durch den/die Kreisspieler auch zu Offensivfouls kommen kann (falsche Sperre etc.). 

Zone 3 steht wiederum fast gar nicht im Fokus der Schiedsrichter. Diese ist jedoch – ganz gleich, ob bei der abgelaufenen Weltmeisterschaft oder in den Bezirksklassen der verschiedenen Landesverbände – hochaktuell und in hohem Maße vom Spielverständnis der Schiedsrichter abhängig. Zone 3 kommt dann Bedeutung zu, wenn ein Rückraumspieler die Funktion eines Kreisspielers einnimmt, um Abwehrspieler in ihren Laufwegen und Offensivaktionen zu sperren, zu blockieren oder auch (in Trainersprache), um für einen Rückraumspieler einen Wurfschirm zu stellen.

Info 1: Räume, in denen Angreiferfouls zu verorten sind

Grundsätzlich können Offensivfouls überall auf dem Spielfeld stattfinden. Dennoch gibt es auf dem Spielfeld Bereiche, in denen häufiger mit Angreifervergehen zu rechnen ist. Als denkbarer „Hotspot“ wurde in dieser Grafik der Torraum ausgelassen. Selbstverständlich kommt es durch den/die Kreisspieler durch falsche Sperren oder Halten bzw. Trikotziehen auch hier häufiger zu Offensivfouls. Am häufigsten sind Offensivfouls aber auf den Außenpositionen (Zone 1) beim Durchbruch des Angreifers zwischen Außenverteidiger und Abwehrspieler auf der Halbposition. In Zone 2, dem Halbfeld, kommt es häufiger zu Offensivfouls, wenn in der 2. beziehungsweise der 3. Welle der Ball angenommen wird und der Angreifer dadurch „blind“ auf den im Laufweg postierten Abwehrspieler aufläuft. Auch wenn diese Stürmerfouls (üblicherweise) vom Abwehrspieler provoziert werden, so handelt es sich regeltechnisch weiterhin um ein Angreifervergehen. Fast gar nicht im Fokus der Schiedsrichter – und damit auch bisher fast nie erkannt und nur in seltenen Fällen geahndet – sind die in Zone 3 auftretenden Offensivfouls: Ein hochaktuelles Regelthema, das zudem in hohem Maße vom Spielverständnis der Schiedsrichter abhängt.

Mir ist es wichtig zu sagen: Die von Trainern und Mannschaften eingesetzten Taktiken sind nicht durchweg Offensivfouls (und falls doch, geschieht deren Mehrzahl eher unbewusst als beabsichtigt). Wie aber in vielen anderen Bereichen des Lebens auch,  verselbstständigen sich Aktionen und werden zunehmend zielbewusst eingesetzt, um sich so einen Vorteil zu verschaffen. An dieser Stelle kommen die Schiedsrichter ins Spiel, die diese Tendenzen durch ihre Regelauslegung unterbinden müssen, um Foulspiel als solches zu ahnden und somit gutes, sprich regelkonformes Agieren zu belohnen und dessen Vermittlung (durch die Trainer) zu forcieren.

Daher erneut: Es lohnt sich, neben der Zeit für die Vertiefung der Regelkenntnis auch Zeit in das Spielverständnis zu investieren, weil an verschiedenen Stellen auch die Schiedsrichter Mitverantwortung für solch eine Entwicklung tragen.

95 % der Spiele bei der Weltmeisterschaft 2021 wurden von den Mannschaften in einem 6:0-Abwehrsystem bestritten. Dies reduziert die Räume für die (wichtigen) Kreisspieler, ermöglicht aber dem Angriff, gefährliche Rückraumschützen in Stellung zu bringen, die aus großem Anlauf heraus möglichst ungehindert werfen können. Dadurch wird die Abwehr gezwungen, sobald Gefahr in Verzug ist, offensiver zu agieren und zumindest keinen ungehinderten Wurf zuzulassen. Die Zeiten einer 6:0-Abwehr, die lediglich an der 6-m-Linie steht und zu blocken versucht, sind (lange) vorbei. Die offensiver agierenden Innen- und Halbverteidiger müssen somit in ihrem Laufweg gehindert, d. h. gesperrt werden oder es muss für den Rückraumspieler ein Wurfschirm ermöglicht werden.

Dieses Verhalten ist größtenteils vollkommen regelkonform, sofern es technisch korrekt ausgeführt wird. Allerdings hat sich innerhalb dieser Auslösehandlungen zuletzt auch ein gewisser „Wildwuchs“ breit gemacht und nicht alle Rückraumspieler agieren technisch sauber, wenn sie Funktionen eines Kreisspielers übernehmen. Dies wurde sowohl den Spitzenschiedsrichtern in Kairo vermittelt und findet sich (lediglich ein wenig verzögert) in allen Spielklassen wieder. Die beispielhaften Szenen dienen sowohl dem spieltaktischen Verständnis der Schiedsrichter als auch der korrekten Interpretation und Anwendung des Regelwerks.

So richtig und notwendig eine stärkere Progression im Verhalten des Abwehrspielers gegenüber den Angreifern war und ist, so elementar notwendig ist es für Schiedsrichter aktuell und zukünftig aber auch, sauberes Abwehrspiel zu würdigen bzw. unsauber agierende Angreifer mit einem technischen Fehler und Ballverlust zu belegen.