Wenn ein Spieler zu viel auf dem Spielfeld ist
Was in Video geschieht
Bei Spielzeit 35:07 erhält BLAU 84 eine Hinausstellung. Im anschließenden Angriff verwandelt BLAU 81 einen 7-Meter-Wurf (Spielzeit 35:30, hier beginnt das Video). Beim folgenden Angriff von Mannschaft ROT befinden sich 7 Spieler von Mannschaft BLAU auf dem Spielfeld, obwohl die Zeitstrafe von BLAU 84 noch nicht abgelaufen ist. Der Grund dafür (z. B. Torwart ergänzt, ohne dass ein Spieler das Feld verlassen hat, oder ein zusätzlicher Spieler betritt die Spielfläche) ist im Video nicht zu sehen. Trotz der Regelwidrigkeit wird das Spiel zunächst nicht unterbrochen. ROT 17 wirft auf das Tor, der Torwart hält und der Ball gelangt ins Toraus. Erst danach ertönt die Hupe. Nach langer Klärung zwischen den Schiedsrichtern und dem Kampfgericht wird BLAU 44 als „fehlbarer Spieler“ identifiziert und mit einer Zeitstrafe belegt. Ein weiterer Spieler von BLAU verlässt das Spielfeld. Das Spiel wird mit einem Freiwurf für ROT in der Nähe der Auswechsellinie von BLAU fortgesetzt.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Gemäß Regel 18:1 kontrollieren Zeitnehmer und Sekretär das Ein- und Auswechseln von Spielern gemeinsam – sinnvollerweise übernimmt jeder die Mannschaft auf seiner Seite. Bei Wechselfehlern oder Betreten der Spielfläche durch einen zusätzlichen Spieler hat der Zeitnehmer sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum der 7. Spieler erst nach mehr als 20 Sekunden aufgefallen ist.
Der fehlbare Spieler erhält eine Hinausstellung. Für den Rest der Strafzeit (hier bis 37:07) muss ein weiterer Spieler von BLAU das Feld verlassen, was jedoch keine persönliche Strafe gegen ihn bedeutet.
Lässt sich der fehlbare Spieler nicht feststellen, ist gemäß den „Guidelines und Interpretationen“ folgendermaßen vorzugehen:
- Der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) fordern den Mannschaftsverantwortlichen auf, den fehlbaren Spieler zu benennen.
- Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung. Diese wird ihm persönlich angelastet.
- Weigert sich der Mannschaftsoffizielle, den fehlbaren Spieler zu benennen, benennt der Technische Delegierte (die Schiedsrichter) einen Spieler. Dieser Spieler erhält eine Hinausstellung. Diese wird ihm persönlich angelastet.
Hinweise
- Als „fehlbarer Spieler“ kann nur ein Spieler benannt werden, der sich zum Zeitpunkt der Unterbrechung auf der Spielfläche befindet.
- Handelt es sich für den benannten Spieler um seine dritte Hinausstellung, ist er nach Regel 16:6d zu disqualifizieren.
Auf jeden Fall ist unter Wahrung der erforderlichen Sorgfalt eine zügige Klärung und Spielfortsetzung geboten. Die gesamte Unterbrechung dauert mit mehr als drei Minuten viel zu lange.
Wie ist nun die korrekte Spielfortsetzung?
Zunächst ist festzuhalten, dass der Ballbesitz zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung durch den Zeitnehmer und nicht zum Zeitpunkt des tatsächlichen Wechselfehlers entscheidend ist. Beim Ertönen der Hupe (die Spielunterbrechung sollte allerdings durch einen Pfiff des Zeitnehmers erfolgen) befand sich der Ball im Toraus bzw. in den Händen des Torwarts von Mannschaft BLAU, er war demnach „nicht im Spiel“. Deshalb wird das Spiel nach der Ahndung des Wechselfehlers mit einem Wurf für die Mannschaft wieder aufgenommen, die zuletzt in Ballbesitz war. Es hätte also mit Abwurf für BLAU fortgesetzt werden müssen.
Abwandlung: Wäre das Signal des Zeitnehmers zu einem Zeitpunkt ertönt als ROT noch in Ballbesitz war, wäre es mit Freiwurf für ROT weitergegangen. Allerdings nur dann von der Wechselzone aus, wenn das für ROT die günstigere Stelle gewesen wäre. Ansonsten von dort, wo sich der Ball zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung befand.
Fazit
- Es ist eine hohe Aufmerksamkeit von Zeitnehmer und Sekretär erforderlich, damit Wechselfehler oder zusätzliche Spieler unverzüglich auffallen und geahndet werden.
- Die Feststellung des fehlbaren Spielers muss zügig erfolgen. Lange Beratungen sind zu vermeiden, da sie die Kompetenz der Beteiligten in Frage stellen.
- Die Schiedsrichter müssen sich merken, wo sich der Ball zum Zeitpunkt der Spielunterbrechung befand, um eine korrekte Spielfortsetzung zu gewährleisten.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.