Quelle: DHB
Wenn der Torwart zum Feldspieler wird ...
Was im Video geschieht
Rückraum-Links WEISS 25 wirft nach einem Durchbruch gegen die Wurfhand auf das Tor von Mannschaft BLAU. Torwart BLAU hält den Ball und der wird von dort zur Seitenlinie in Richtung Spielfeld abgelenkt. Der Torwart möchte seine Abwehrchance wahren und stürzt dem Ball hinterher. BLAU 64 und WEISS 21 warten zeitgleich an der Torraumlinie, um den Ball aufzunehmen. WEISS 21 kann den Ball regelgerecht aufnehmen und versucht anschließend einen Dreher auf das leere Tor während der Torwart – der den Torraum verlassen hat – in den Angreifer WEISS 21 rutscht. Der Ball geht nicht ins Tor, sondern landet am rechten Pfosten. Der Torschiedsrichter entscheidet auf 7-Meter-Wurf.
REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON KAY HOLM, LEITER BEREICH LEHRE IM SCHIEDSRICHTERWESEN DES DHB
Der Torwart wehrt erfolgreich einen Torwurf ab, und der Ball prallt von ihm oder dem Tor in Richtung Spielfeld ab. Das sind Situationen, die in den Spielen recht häufig vorkommen.
Der Torwart muss daher zunächst versuchen, den in Richtung Spielfeld rollenden oder springenden Ball noch im Torraum unter Kontrolle zu bringen, um ihn seiner Mannschaft zu sichern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ein Gegenspieler den Ball außerhalb des Torraums aufnimmt und sich dann unmittelbar in einer (freien) Torwurfsituation befindet.
Rollt der Ball in Richtung Spielfeld, gilt folgendes zu beachten. In diesem Moment ist der Ball nur eingeschränkt spielbar: Mit- und Gegenspieler dürfen ihn erst berühren, wenn er vollständig über die Torraumlinie gerollt ist.
Befindet sich aber der Ball über dem Torraum in der Luft, dürfen ihn Torwart, Mit- und Gegenspieler spielen. Mit- und Gegenspieler dürfen jedoch den Torraum dabei nicht berühren. Sie müssen versuchen, ihn von einer Position außerhalb des Torraums zu spielen bzw. zu fangen, oder aber in den Torraum springen. Ebenso haben Mit- und Gegenspieler die Bestimmungen der Regeln 7:1 und 7:8? zu beachten.
Selbstverständlich ist es dem Torwart gemäß Regel 5:3 Abs. 1 gestattet, den Torraum ohne Ball zu verlassen und im Spielfeld mitzuspielen. Er unterliegt in diesem Fall den Spielregeln für die im Feld spielenden Spieler.
Der Torraum gilt als verlassen, sobald der Torwart mit irgendeinem Körperteil den Boden außerhalb der Torraumlinie berührt.
Im vorliegenden Videobeispiel läuft der Torwart zunächst dem Ball hinterher, kann ihn aber nicht mehr im Torraum unter Kontrolle bringen. WEISS 21 kommt außerhalb des Torraumes regelgerecht in Ballbesitz und versucht einen Torwurf, der aber durch den mittlerweile im Spielfeld befindlichen Torwart regelwidrig behindert wird. Selbst aus dem spitzen Winkel hat WEISS 21 eine klare Torgelegenheit, die regelwidrig durch den Torwart vereitelt wird. Daher ist die Entscheidung auf 7-Meter-Wurf in dieser Situation korrekt.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.