Quelle: DHB

Wenn der Pass des Torwarts zum Anwurf nicht wie geplant ankommt ...

Gelegentlich ist zu beobachten, dass nach Torerfolg der Pass des Torwarts zum Anwurf keinen Abnehmer findet – sei es aus Versehen oder mitunter auch taktisch motiviert. Wie die Schiedsrichter bei den unterschiedlichen Szenarien reagieren sollen ist Thema des heutigen Pfiff der Woche.

Was im Video geschieht

Mannschaft ROT spielt in Überzahl (6 gegen 5 Feldspieler) gegen Mannschaft BLAU. ROT 21 erzielt einen Treffer. Der Wurf des Torwarts BLAU 1 Richtung Mittellinie soll BLAU 9 erreichen, der etwa vier Meter vor der Mittellinie steht. Der Pass ist jedoch zu hoch angesetzt, sodass BLAU 9 ihn nur berühren, jedoch nicht unter Kontrolle bringen kann. Danach rollt der Ball weit in die gegnerische Spielfeldhälfte. BLAU 9 nimmt den Ball ca. elf Meter vor dem gegnerischen Tor auf und läuft mit diesem gemächlich in die Anwurfzone zurück. Daraufhin pfeift der Feldschiedsrichter den Anwurf an und zeigt mit dem Anpfiff das Handzeichen 17 (Vorwarnzeichen für passives Spiel). Nach 5 Pässen kommt BLAU 2 zum Torwurf.

REGELTECHNISCHE EINORDNUNG VON KAY HOLM, LEITER BEREICH LEHRE IM DHB-SCHIEDSRICHTERWESEN

Zunächst sei erwähnt, dass es sich bei der Bewertung „passives Spiel durch Verzögerung des Anwurfs“ nicht um eine neue Regel, sondern um eine Auslegung handelt. Dabei haben die Schiedsrichter zu differenzieren, ob der sogenannte Überwurf das Ergebnis eines eher unbeabsichtigten Fehlers ist oder ob damit eine gezielte Spielverzögerung verbunden sein soll. Den Schiedsrichtern kommt also die Aufgabe zu, passives Spiel als taktisches Mittel zu erkennen und entsprechend zu ahnden.

Gemäß der unten stehenden Übersicht ist bei erkennbaren Fangfehlern (selbst im Wiederholungsfall) kein Vorwarnzeichen passiv anzuzeigen. Ein Fangfehler liegt in dieser Szene allerdings nicht vor. Der Ball ist für BLAU 9 nicht kontrolliert zu fangen. Der Überwurf führt bei jeder Mannschaft einmalig zur Ermahnung (gleichgültig ob in der ersten oder zweiten Halbzeit) und erst im Wiederholungsfall zum Vorwarnzeichen. Hier ist jedoch die Besonderheit zu beachten, dass Mannschaft BLAU in Unterzahl spielt. Und da liegt die Möglichkeit nahe, dass die Aktion bewusst mit dem Ziel eines Zeitgewinns erfolgt sein könnte (die Reaktion von BLAU 9 lässt erkennen, dass er es nicht besonders eilig hat, den Anwurf auszuführen). Deshalb soll in solchen Fällen direkt Time-out gegeben werden, damit die fehlbare Mannschaft aus ihrem Missgeschick keinen Vorteil erlangen kann. Schon deutlich vor dem Anpfiff – sinnvollerweise nachdem auf Time-out entschieden wurde – ist das Vorwarnzeichen passiv anzuzeigen, damit für beide Mannschaften Klarheit besteht. Der Schiedsrichter hat zwar richtigerweise den Arm gehoben, allerdings ohne Time-out und das Handzeichen 17 hätte deutlich früher angezeigt werden müssen.

Bei einer erkennbaren Verzögerung der Anwurfausführung (z. B. Pass ist zu hoch oder zu kurz) ist auch ohne Unterzahl das Vorwarnzeichen anzuzeigen (situativ kann auf Time-out entschieden werden).

Bleibt noch zu erwähnen, dass der Schiedsrichter fälschlicherweise den fünften Pass zugelassen hat. Nach dem Zuspiel von BLAU 17 zu BLAU 2 hätte die Entscheidung auf passives Spiel erfolgen müssen.

Fazit

Auch und gerade bei Unterzahl ist besondere Aufmerksamkeit der Schiedsrichter gefordert, wenn der Torwart den Pass zum Anwurf spielt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Überwurf gezielt als taktisches Mittel zwecks Spielverzögerung eingesetzt werden kann.