Quelle: DHB

Wechselfehler und der Zeitpunkt der Unterbrechung

Bereits am 22.08.2022 sowie am 02.05.2022 haben wir hier im SR-Portal über Wechselfehler, den Zeitpunkt der Unterbrechung und die Spielfortsetzung anhand der unterschiedlichen Szenen berichtet. Das heutige Videobeispiel erläutert erneut, warum der Zeitpunkt der Spielunterbrechung für die korrekte Spielfortsetzung nach einem „Wechselfehler“ entscheidend ist und nicht der Zeitpunkt des Wechselfehlers selbst.

Was im Video geschieht

Mannschaft GRÜN spielt aufgrund einer Hinausstellung in Unterzahl im Angriff 6:6 und das Tor von Mannschaft GRÜN ist leer. GRÜN 10 erzielt ein Tor. Während Torwart BLAU 1 den Ball aus dem Tor holt und anschließend den Pass zum Anwurfausführenden spielt, läuft RA GRÜN 17 sofort zur Auswechselbank, damit Torwart GRÜN 80 eingewechselt werden kann. In Folge nimmt BLAU 25 den Ball von seinem Torwart vor der Anwurfzone an und wirft nach dem Anpfiff zum Anwurf aus der Anwurfzone auf das leere Tor. Noch während Torwart GRÜN 80 in Richtung eigenes Tor läuft, aber noch weit außerhalb seines Torraumes ist, betritt GRÜN 20 den eigenen Torraum und versucht den Ball abzuwehren. Da der Wurf zu hoch ist, geht er über das Tor und landet anschließend im Toraus. Der Feldschiedsrichter entscheidet darauf auf Abwurf für Mannschaft GRÜN. Erst danach ist der Pfiff vom Zeitnehmer bzw. Delegierten zu hören. Nach Rücksprache der Schiedsrichter mit dem Delegierten, entscheiden die Schiedsrichter auf eine Hinausstellung gegen den Torwart GRÜN 80 und 7-m-Wurf für Mannschaft BLAU.

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Wer achtet auf Wechselvorgänge?

Zeitnehmer und Sekretär zusammen kontrollieren die ordnungsgemäße Besetzung der Auswechselbänke. Darüber hinaus überwachen sie die Auswechselvorgänge (jeder auf seiner Seite). Der Delegierte unterstützt dabei den Zeitnehmer auf seiner Seite.

Richtiger Spielerwechsel

Beim Wechselvorgang ist darauf zu achten, dass zunächst der auswechselnde Spieler das Spielfeld regelgerecht, d. h. über die eigene Auswechsellinie, verlässt und dann der einwechselnde Spieler es ebenfalls nur über die eigene Auswechsellinie betritt (4:4).

Wer ist der fehlbare Spieler?

Grundsätzlich der Spieler, der (als erster Spieler) das Spielfeld nicht über die eigene Auswechsellinie betritt oder verlässt oder der einwechselnde Spieler, wenn er das Spielfeld zu früh (also, bevor der auswechselnde Spieler dieses verlassen hat) betritt.

In beiden Fällen ist grundsätzlich der fehlbare Spieler mit einer Hinausstellung zu bestrafen, seine Mannschaft ist auf der Spielfläche für die folgenden 2 Minuten, um einen Spieler zu reduzieren.

Durch wen erfolgt die Unterbrechung?

Bei Wechselfehlern hat der Zeitnehmer sofort – ohne Berücksichtigung einer eventuell bestehenden Vorteilssituation – zu pfeifen und die Spielzeit anzuhalten. Der Zeitnehmer muss den fehlbaren Spieler benennen.

Wenn gemäß Erläuterung 7 (Eingreifen durch den Zeitnehmer oder einen Delegierten) der Zeitnehmer oder ein Delegierter eingreift, wenn das Spiel bereits unterbrochen ist (Anm. d. Red., der Ball ist nicht im Spiel), wird es mit dem der Situation entsprechenden Wurf wieder aufgenommen.

Greift der Zeitnehmer oder ein Delegierter ein und unterbricht dadurch das laufende Spiel (Anm. d. Red., der Ball ist im Spiel), gelten die folgenden Bestimmungen:

Der Zeitnehmer (oder Delegierte) muss das Spiel ohne Rücksicht auf die Vorteilsregel 13:2 und 14:2 umgehend unterbrechen. Wenn wegen einer solchen Unterbrechung aufgrund einer Regelwidrigkeit der abwehrenden Mannschaft eine klare Torgelegenheit vereitelt wird, muss gemäß Regel 14:1a auf 7-m-Wurf entschieden werden. In allen anderen Fällen wird das Spiel mit Freiwurf wieder aufgenommen.

Zur Ausgangssituation

Der Wechselvorgang ist vor der Ausführung des Anwurfes abgeschlossen. Das bedeutet, der Wechselfehler ist damit auch vor der Ausführung des Anwurfs passiert.

Spielunterbrechung

Im Video ist (ein Pfiff) zu hören (und anhand der Reaktion der Schiedsrichter zu sehen), dass das Spiel erst nachdem der Ball hinter dem Tor im Toraus landet, durch Zeitnehmer/oder Delegierten unterbrochen wurde. Zwischen dem tatsächlichen Wechselfehler und der Unterbrechung liegen knapp 5 Sekunden und eine sich veränderte Spielsituation.

Auch wenn bei einem Wechselfehler eine sofortige Spielunterbrechung durch den Zeitnehmer/Delegierten gefordert ist, wird es immer eine - zumindest kleine - Verzögerung zwischen der gerade begangenen Regelwidrigkeit und der Spielunterbrechung, dem Pfiff geben. Entscheidend für die Spielfortsetzung ist aber nicht der Zeitpunkt des Wechselfehlers, sondern der Zeitpunkt der Unterbrechung.

Spielfortsetzung

Wenn wir davon ausgehen, dass die Unterbrechung im Video tatsächlich so passiert ist, als der Ball bereits im Toraus war und der Torschiedsrichter auf Abwurf entscheiden hat, wäre die richtige Spielfortsetzung nach der Hinausstellung GRÜN 80, Abwurf für Mannschaft GRÜN.

Was wäre, wenn?

Ausgehend vom regelwidrigen Betreten der Spielfläche durch GRÜN 80 und dem Zeitpunkt der Unterbrechung durch den Zeitnehmer/Delegierten hätten sich auch folgende Situation ergeben können – ohne aber die Ausführung des Anwurfes und dessen Ergebnis hypothetisch zu verändern:

Der Zeitnehmer/Delegierte pfeift, als BLAU 25 den Anwurf (ins leere Tor) ausführt und der Ball sich in der Luft befindet. Hier ist die Strafe = Hinausstellung GRÜN 80 und Spielfortsetzung = Freiwurf Mannschaft BLAU in Höhe der Auswechsellinie von Mannschaft GRÜN.

Hätte also der Zeitnehmer/Delegierte tatsächlich früher gepfiffen, nachdem der Anwurf bereits ausgeführt wurde und der Ball nach dem Pfiff ins Toraus geht, hätte es auch in dieser Konstellation keine 7-Meter-Entscheidung geben dürfen.

Dies zeigt auch das Videobeispiel hier vom 22.08.2022.

Selbst wenn der Zeitnehmer/Delegierte das Spiel wegen des Wechselfehlers unterbricht als sich der Spieler noch nicht in der Anwurfzone befindet, kann es keine 7-Meter-Entscheidung geben. Denn gemäß den Guidelines kann eine 7-Meter-Entscheidung bei leerem Tor (Regel 14:1 und Erläuterung 6c) nur dann erfolgen, wenn sich bei der Ausführung eines formalen Wurfes Werfer und Mitspieler in einer korrekten Position befinden. Denn die in Erläuterung 6c beschriebene Definition einer klaren Torchance bei einer klaren und ungehinderten Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor setzt voraus, dass der Spieler in Ballbesitz ist und klar versucht, direkt auf das leere Tor zu werfen. Diese Definition einer klaren Torchance gilt ungeachtet der Art des Vergehens und unabhängig davon, ob der Ball im Spiel war oder nicht.

Ausgehend von dem heutigen Beispiel und der Szene vom 22.08.22 weisen wir in diesem Zusammenhang nochmals auf die Regelfrage 8.53 und 8.54 im Regelfragenkatalog und damit auf die beiden unterschiedlichen Szenarien (Ball im Tor, hinter der Torlinie und Ball nicht im Tor, Ball hinter der Torauslinie) hin:

8.53 Team SCHWARZ spielt mit sieben Feldspielern. SCHWARZ 5 wirft auf das Tor, aber Torwart WEISS 1 wehrt den Ball ab. WEISS 1 wirft auf das leere Tor von Team SCHWARZ. Gleichzeitig begeht Torwart SCHWARZ 12 einen Wechselfehler, indem er das Spielfeld betritt, bevor SCHWARZ 7 dieses verlassen hat. Mit einem Pfiff unterbricht der Delegierte sofort das Spiel. Unmittelbar nach dem Pfiff überquert der Ball die Torauslinie von Team SCHWARZ. Wie ist zu entscheiden?

a) Hinausstellung von SCHWARZ 12
b) Hinausstellung von SCHWARZ 7
c) Freiwurf für Team WEISS
d) 7-Meter-Wurf für Team WEISS
e) Abwurf für Team SCHWARZ

Richtige Antworten: a) und c)

8.54 Team SCHWARZ spielt mit sieben Feldspielern. SCHWARZ 6 wirft auf das Tor, aber Torwart WEISS 1 wehrt den Ball ab. WEISS 1 wirft auf das leere Tor von Team SCHWARZ. Gleichzeitig begeht Torwart SCHWARZ 12 einen Wechselfehler, indem er das Spielfeld betritt, bevor SCHWARZ 7 dieses verlassen hat. Mit einem Pfiff unterbricht der Delegierte sofort das Spiel. Unmittelbar nach dem Pfiff überquert der Ball die Torlinie und landet im Tor von Team SCHWARZ. Wie ist zu entscheiden?

a) Hinausstellung von SCHWARZ 12
b) Hinausstellung von SCHWARZ 7
c) Freiwurf für Team WEISS
d) 7-Meter-Wurf für Team WEISS
e) Tor für Team WEISS

Richtige Antworten: a) und d)

Fazit

Bezüglich der Spielfortsetzung ist auch entscheidend, zu welchem Zeitpunkt das Spiel tatsächlich durch den Pfiff des Zeitnehmers oder Delegierten unterbrochen wurde.