Sonderfall Torwart – Keeper und Spieler zugleich
Was im Video geschieht
Mannschaft SCHWARZ wurde ein 7-Meter-Wurf zugesprochen. SCHWARZ 33 führt den 7-Meter-Wurf aus. Torwart WEISS 1 hält den Wurf. Der Ball springt zunächst Richtung Spielfeld und rollt dann aus dem Torraum ins Spielfeld. SCHWARZ 33 und WEISS 27 bemühen sich um den Ball, der mittlerweile vollständig im Spielfeld liegt. WEISS 1 läuft ebenfalls dem Richtung Spielfeld rollenden Ball nach. Er bekommt den Ball vor WEISS 27 und SCHWARZ 33 mit der rechten Hand unter Kontrolle, während der rechte Fuß im Spielfeld und der linke Fuß noch im Torraum steht. Anschließend zieht er den linken Fuß ins Spielfeld nach. Die Schiedsrichter lassen den Vorteil laufen.
Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen
Ähnliche Situationen kommen in den Spielen recht häufig vor: Der Torwart wehrt erfolgreich ab, und der Ball prallt von ihm oder dem Tor in Richtung Spielfeld ab.
Wenn der Ball in Richtung Spielfeld rollt, gilt folgendes zu beachten. In diesem Moment ist der Ball, falls er z. B. rollt, nur eingeschränkt spielbar: Mit- und Gegenspieler dürfen ihn erst berühren, wenn er über die Torraumlinie gerollt ist.
Der Torwart muss daher zunächst versuchen, den in Richtung Spielfeld rollenden Ball noch im Torraum unter Kontrolle zu bringen, um ihn seiner Mannschaft zu sichern. Andernfalls besteht die Gefahr, dass ein Gegenspieler den Ball außerhalb des Torraums aufnimmt und sich dann unmittelbar in einer (freien) Torwurfsituation befindet.
Daraus ergeben sich taktisch wichtige Herausforderungen und Möglichkeiten sowie Einschränkungen für den Torwart.
In solchen Situationen sind regeltechnisch folgende Einschränkungen zu beachten:
- Es ist dem Torwart nicht erlaubt, den sich in Richtung Spielfeld bewegenden Ball mit Fuß oder Unterschenkel zu spielen, zu berühren bzw. zu stoppen.
- Es ist dem Torwart auch nicht erlaubt, den außerhalb des Torraums am Boden liegenden oder rollenden Ball zu berühren oder in den Torraum hereinzuholen, solange er sich im Torraum befindet.
Bringt der Torwart den Ball zwar noch im Torraum unter Kontrolle, rutscht er aber mit diesem über die Torraumlinie, ist Regel 5:6 maßgebend: Die Schiedsrichter korrigieren (Torwart mit Ball zurück in den Torraum) und pfeifen den Abwurf dann an. Zu beachten ist dabei, dass der Torwart nicht in den im Feld an der Torraumlinie stehenden Gegenspieler hineinrutscht und ihn dabei gefährdet (hier dann Abwurf und progressive Bestrafung).
Es ist dem Torwart aber erlaubt, den Torraum ohne Ball zu verlassen und im Spielfeld mitzuspielen sowie mit dem nicht unter Kontrolle gebrachten Ball zu verlassen und ihn im Spielfeld weiterzuspielen. D.h., nach einer Wurfabwehr springt der Ball Richtung Spielfeld, der Torwart läuft aus dem Torraum heraus und nimmt den Ball erst außerhalb des Torraums auf.
In diesem Zusammenhang ist wichtig zu wissen, wann der Torwart den Torraum verlassen hat.
Der Torraum gilt bereits als verlassen, wenn der Torwart mit einem Körperteil, z. B. mit einer Fußspitze, das Spielfeld außerhalb des Torraums berührt. Nimmt er jetzt den Ball außerhalb des Torraums auf und spielt den Ball weiter, ist das regelgerecht.
Zurückgehen in den Torraum mit Ball
Nimmt er den Ball außerhalb des Torraums auf und geht aber mit ihm zurück in den Torraum, muss auf Freiwurf für den Gegner entschieden werden.
Fazit
Im aktuellen Beispiel gilt der Torraum als verlassen, da sich der rechte Fuß des Torwarts im Spielfeld befindet. Er bekommt den Ball als erster unter Kontrolle und geht auch nicht in den Torraum mit dem unter Kontrolle gebrachten Ball zurück. Daher ist die Entscheidung der Schiedsrichter auf Weiterspielen völlig korrekt.
Sollte der Torwart mit seinem rechten Fuß den Ball berührt oder gar stoppt haben (da im Video nicht eindeutig erkennbar), dann wäre In diesem Fall auf Freiwurf für Team SCHWARZ zu entscheiden.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.