Was, wenn ein Abwehrspieler den Ball zum eigenen Torwart lenkt?

Der "Kempa", wie er im Handballjargon genannt wird, ist nicht nur ein anspruchsvolles spieltaktisches Angriffsmittel, sondern er stellt auch hohe Ansprüche an eine regelgerechte Abwehr. Und die Schiedsrichter sind gefragt, dieses komplexe und spezielle Spielgeschehen antizipativ und unter Beachtung der Vorteilsregel zu beobachten.

Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:

Wir sehen ein Kempaanspiel des Rechtsaußen von Team ROT – hinweg über den gegnerischen Torwart – an eine Stelle über dem Torraum in der gedachten Verlängerung der halblinken Angriffsposition. Bereits hier gibt es für die Schiedsrichter intuitiv wichtige Fragen abzuarbeiten:

  • Springt der Rechtsaußen vor der Torraumlinie ab?
  • Wird er dabei von einem Abwehrspieler regelwidrig behindert?
  • Verhält sich der Angreifer bei seiner Aktion eventuell selbst regelwidrig (Stürmerfoul)?
  • Hat der Ball die Hand des Angreifers verlassen, als dieser Kontakt zum Torraum hat?
  • Behindert er bei seiner Aktion den gegnerischen Torwart?
  • Wie verlässt er nach der Aktion den Torraum?

Gerade in Bezug auf die letzte Frage zeigt der Videoclip ein bemerkenswertes Verhalten des Angreifers. Er verbleibt bis zum Abschluss der Aktion im Torraum. Auch wenn es in diesem Fall keinen Einfluss auf die Entscheidung der Schiedsrichter hat, kann der Verbleib im Torraum in anderen Fällen einen regelwidrigen Einfluss auf die Abwehrarbeit der gegnerischen Mannschaft haben. Dann wäre gemäß Regel 6:2a Satz 2 unverzüglich auf Freiwurf für die abwehrende Mannschaft zu entscheiden.

Der Fragenkatalog, den die Schiedsrichter bei einer derartigen Aktion intuitiv zu beantworten haben, setzt sich unvermindert fort:

  • Gibt es einen Mitspieler, der das Kempaanspiel erreichen will?
  • Springt dieser Mitspieler vor der Torraumlinie ab?
  • Nutzt der Mitspieler dazu eine bestehende Lücke im Abwehrverband der gegnerischen Mannschaft?
  • Verhält sich der Mitspieler bei der Aktion regelgerecht gegenüber den gegnerischen Spielern?
  • Kann der Mitspieler den Pass in der Luft über dem Torraum annehmen?
  • Hat der Ball die Hand des Mitspielers verlassen, bevor dieser den Torraum betritt?
  • Stört der Mitspieler bei seiner Aktion den gegnerischen Torwart regelwidrig?
  • Wie verlässt der Mitspieler nach der Aktion den Torraum?

Die letzte Frage ist in diesem Fallbeispiel für die Schiedsrichter von besonderem Interesse. Der vom Außenspieler angespielte Passempfänger ROT 77 bleibt nach seiner Aktion ebenso wie ein Abwehrspieler, dessen Verhalten es noch zu analysieren gilt, verletzt im Torraum liegen. Die sich dabei aus den Bestimmungen der Regel 4:11, der IHF-Erläuterung 8 und den Guidelines zur Regel 4:11 ergebenden Fragen sollen an dieser Stelle jedoch nicht im Detail beantwortet werden.

Um eine regelgerechte Entscheidung zu der gezeigten Kempaaktion treffen zu können, müssen die Schiedsrichter sich aber auch einige Fragen zum Verhalten des Abwehrspielers stellen, der versucht, das Anspiel zu verhindern:

  • Springt der Abwehrspieler vor dem Torraum ab?
  • Behindert der Abwehrspieler bei seiner Abwehraktion einen generischen Spieler (hier den Angreifer) regelwidrig?
  • Kann der Abwehrspieler den Ball in der Luft ablenken?
  • Wohin wird der Ball vom Abwehrspieler abgelenkt?
  • Wird der Ball vom Abwehrspieler in der Luft gefasst?
  • Wohin wird der Ball vom Abwehrspieler gespielt?
  • Hat der Ball die Hand des Abwehrspielers verlassen, bevor dieser Kontakt zum Torraum hat?
  • Wie verlässt der Abwehrspieler den Torraum?

Klar zu erkennen ist im Video, dass der Abwehrspieler bei seinem Sprung Richtung Ball den eigenen Torraum betritt. Zu diesem Zeitpunkt auf Torraumbetreten gemäß Regel 6:2b zu entscheiden, wäre aber zu früh. Zunächst müssen die Schiedsrichter einen sich eventuell ergebenden Vorteil für die angreifende Mannschaft gemäß Regel 13:2 Abs. 3 abwarten.

Im weiteren Ablauf erreicht der Abwehrspieler den Ball noch vor dem Angreifer und lenkt ihn deutlich zu seinem Torwart ab, der den Ball auch fängt.

Wer sich jetzt daran erinnert, dass der Abwehrspieler seine Aktion mit dem Betreten des eigenen Torraums eingeleitet hat und deshalb gemäß Regel 6:2c auf 7-m-Wurf für die angreifende Mannschaft entscheiden will, der berücksichtigt nicht, dass ein wesentliches Kriterium dieser Regelbestimmung nicht erfüllt ist: Es besteht keine klare Torgelegenheit für einen angreifenden Spieler. Ein Blick in die IHF-Erläuterung 6 offenbart wesentliche Kriterien für eine klare Torgelegenheit, die in unserem Fall nicht erfüllt sind. Weder hat ein Angreifer Ballkontrolle im Sinne der IHF-Erl. 6a Abs. 1, noch steht dem Angreifer eine unmittelbare Ballannahme bevor, ohne dass ein Gegenspieler in der Lage wäre, die Ballannahme mit zulässigen Mitteln zu verhindern (siehe IHF-Erl. 6a Abs. 2).

Die regelgerechte Entscheidung zur Spielfortsetzung ergibt sich in unserem Videobeispiel aus den Bestimmungen der Regel 6:7b und führt zu einer Freiwurfentscheidung für die angreifende Mannschaft. Schade, dass die Schiedsrichter diese Situation so nicht wahrgenommen haben und zudem die beiden verletzten Spieler aus den Augen verloren haben.