Auch beim Spiel TBV Lemgo Lippe gegen SC Magdeburg am 1. September 2019 saß der Technische Delegierte Frank Böllhoff neben Zeitnehmer Eric Plettenberg zusammen mit Sekretär Karl-Klaus Thöne am Kampfrichtertisch. Foto: privat

Was macht eigentlich ein Delegierter in der Bundesliga?

Für jedes Spiel in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga (so die seit dieser Spielzeit offizielle Bezeichnung der Spielklasse) setzt der Deutsche Handballbund neben den Schiedsrichtern auch einen Technischen Delegierten an (aus Gründen besserer Lesbarkeit wird nur die männliche Form verwendet, weibliche Delegierte sind selbstverständlich eingeschlossen).

In Spielen der 1. Bundesliga Frauen, denen der 2. Bundesligen sowie bei der JBL wird nur bei besonderen Spielen ein Delegierter angesetzt. Zuständig für die Ansetzungen und die Betreuung der im DHB tätigen Technischen Delegierten ist seit Beginn dieser Saison Frank Wenz, der vielen noch als Schiedsrichter im Elitekader mit seinem damaligen Partner Ralf Damian oder in jüngerer Zeit als Regelexperte beim Fernsehsender Sky bekannt sein dürfte. Als Autor dieses Beitrags gehöre ich dem Kreis der Delegierten ebenfalls an. Obgleich ich auch als Delegierter in den verschiedenen europäischen Wettbewerben für die EHF im Einsatz bin, beschränke ich mir hier darauf, die vielfältigen interessanten und verantwortungsvollen Aufgaben dieses Amts für den Bereich des Deutschen Handballbunds zu beschreiben.

Ganz formal ist gemäß § 80a DHB-Spielordnung (SpO) der Technische Delegierte berechtigt, Anordnungen zu treffen, die für die Durchführung des Spiels zweckdienlich sind. Er darf jedoch nicht in Rechte und Pflichten der Schiedsrichter eingreifen. Allein aufgrund dieser doch weitreichenden und bedeutsamen Rechte muss der Delegierte für seine Aufgabe über ausgezeichnete Kenntnisse der aktuellen Spielregeln und des jeweiligen spieltechnischen Reglements verfügen. Als Delegierte sollten daher nur Personen eingesetzt werden, die in der jeweiligen Spielklasse auch als Schiedsrichter tätig gewesen sind. Dabei ist eine ständige Fortbildung hinsichtlich der regeltechnischen Änderungen und Auslegungen eine der wichtigsten Verpflichtungen, denen sich ein Delegierter stellen muss.

Viele Handballfans nehmen den Delegierten in der Regel erst wahr, wenn dieser sich während des Spiels erhebt, zu den Auswechselbänken geht, das Gespräch mit den Mannschaftsoffiziellen sucht, beruhigend eingreift oder den einen oder anderen Akteur ermahnt oder gegebenenfalls sogar eine Verwarnung durch die Schiedsrichter veranlasst.

Die Aufgaben eines Delegierten sind jedoch viel umfangreicher, als mancher vermuten mag. Hauptaufgabe eines Delegierten ist, die ordnungsgemäße Durchführung des Spiels zu gewährleisten. Er soll versuchen, jegliche Situation zu vermeiden, die zu einem offiziellen Einspruch führen könnte.

Die Arbeit eines Delegierten beginnt bereits zwei Stunden vor Anpfiff. Rechtzeitig vor der technischen Besprechung kontrolliert er, ob die Anforderungen an die Spielfläche, den Auswechselbereich, den Tisch für das Kampfgericht und die sicherheitsrelevanten Bereiche erfüllt werden, um bei Bedarf den Heimverein aufzufordern, festgestellte Mängel zu beheben. Dazu gehört auch die Prüfung der Spielfläche bezüglich der HBL-Werberichtlinien sowie die Kontrolle von Größe und Position des Zeitnehmertischs.

Gemeinsam mit dem angesetzten Zeitnehmer und Sekretär ist noch die korrekte Ausstattung am Z/S-Tisch auf Vollständigkeit und Funktionalität zu prüfen.

Der Delegierte sollte alle notwendigen Unterlagen mitführen. Neben dem Regelwerk gehören die Durchführungsbestimmungen, die Richtlinien über erlaubte und nicht erlaubte Ausrüstungsgegenstände sowie eine persönliche Checkliste dazu. Außerdem sollte man immer folgendes Equipment mit sich führen: Eine ´eigene´ Pfeife, einen kompletten Kartensatz zur Bestätigung der von den Schiedsrichtern angezeigten progressiven Strafen, eine ´eigene´ Stoppuhr, Stifte und ein Maßband, um im Bedarfsfall Linien nachmessen und Abstände prüfen zu können.

Genau eine Stunde vor dem Anpfiff findet dann in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga unter der Leitung des Delegierten die technische Besprechung in der Schiedsrichterkabine statt. Neben je einem Vertreter der Vereine sind die Schiedsrichter, Zeitnehmer und Sekretär sowie der Hallensprecher und ein Aufnahmeleiter von TV-Partner Sky anwesend. Hier werden alle notwendigen Details für das Spiel besprochen.

Zukünftig wird in dieser Runde die Münchener Firma Kinexon mit von der Partie sein. Die HBL hat mit dem Unternehmen einen Vertrag geschlossen, der eine Echtzeitdatenanalyse des Spielgeschehens zum Ziel hat. Dafür werden Spieler und Ball mit einem Chip ausgestattet werden. Mal sehen, welche Aufgaben für den Delegierten aus dieser technischen Neuerung erwachsen.

Ob und wie weit vor diesem Hintergrund die aktuelle Ergänzung der IHF-Guidelines zu den Regeln 4:7 bis 4:9, wonach der Einsatz technischer Geräte im Auswechselraum im sportlich fairen Sinne möglich ist, die Aufmerksamkeit des Delegierten beanspruchen wird, muss sich noch in der Praxis zeigen.

Nach der technischen Besprechung verlässt der Delegierte nach einer letzten Absprache mit den Schiedsrichtern die Kabine. Während Zeitnehmer und Sekretär den elektronischen Spielbericht vorbereiten, bleibt nochmals Zeit, sich auf das kommende Spiel einzustimmen und gegebenenfalls letzte Vorkehrungen zu treffen, die einem problemlosen Ablauf dienlich sind.

Der Delegierte ist grundsätzlich verpflichtet, während des Spiels am Zeitnehmertisch zu sitzen, um die Auswechselräume jederzeit überblicken und nötigenfalls ins Spiel eingreifen zu können. In der Regel sollte der Delegierte neben dem Zeitnehmer sitzen.

Bevor der Anpfiff erfolgt, ist noch eine letzte Kontrolle über die richtige Anzahl der Spieler auf dem Spielfeld sowie auf den Auswechselbänken notwendig.

Zu Spielbeginn gibt der Delegierte dann in Abstimmung mit dem TV-Aufnahmeleiter den Schiedsrichtern das Zeichen zum Anpfiff.

Ein wesentlicher Hinweis ist, dass ein Delegierter kein Oberschiedsrichter ist. Die Verantwortung auf der Spielfläche tragen immer alleine die Schiedsrichter. Der Delegierte muss gegebenenfalls die Schiedsrichter veranlassen, das Spiel zu unterbrechen, und sie auf einen Fehler, der zu einem Protest führen könnte, aufmerksam machen. Hier sind aber nur solche Fehler gemeint, die nicht in den Bereich der Tatsachenfeststellung fallen. Der Delegierte entscheidet in diesen Fällen also nicht, er spricht lediglich Empfehlungen aus.

Lediglich die progressive Bestrafung der Mannschaftsoffiziellen durch die Schiedsrichter kann der Delegierte veranlassen; reklamiert ein Trainer zu stark oder macht trotz Ermahnungen weiter, ist dies die letzte Möglichkeit, um für Ruhe auf der Bank zu sorgen. Natürlich ist das „Bankverhalten“ der Offiziellen und Spieler im Auswechselraum ein Schwerpunkt der Tätigkeit des Delegierten, denn die Schiedsrichter sollen hier entlastet werden. Wenn der Trainer unzufrieden ist, wird das eher an den Schiedsrichtern ausgelassen, aber es überträgt sich eben vielfach auch auf das gesamte Spielgeschehen. Da ist es Aufgabe des Delegierten, ein Puffer zu sein, die ein oder andere Kritik abzufangen und den Dialog zu führen.

Wenn es um eine mögliche Bestrafung geht, gilt es darauf zu achten, dass diese angemessen und nicht überzogen ist. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. Emotionen gehören zum Sport, würde man jegliche Gefühlsregung rigoros unterbinden, wäre das nicht gut – und es würde auch keiner verstehen. Der Handball steht ja im Vordergrund. Daher muss der Delegierte einerseits darauf achten, dass das Verhalten im Rahmen des Regelwerks bleibt, andererseits darf er weder zu kleinlich noch zu großzügig sein. Der Anspruch ist es, eine vernünftige Linie finden – die aber einschließt, dass jegliche Unsportlichkeiten selbstverständlich zu unterbinden sind.

Neben der Aufsicht über das Verhalten im Auswechselraum gehören mannigfaltige organisatorische Aufgaben rund um den Ablauf eines Spiels zum Aufgabenbereich der Delegierten. Zu nennen sind hier insbesondere: die Überwachung der ordnungsgemäßen Zeitmessung, die Verantwortung für den korrekten Spielstand, das Überwachen von Wechselfehlern, das Zählen der Angriffe im Rahmen der Verletztenregelung sowie die Kontrolle des Spielprotokolls und der Spielfläche.

Während des Spieles ist eder Delegierte auch Ansprechpartner für Schiedsrichter und Mannschaftsverantwortliche. Für die Aufrechterhaltung eines geordneten Spielablaufes kann es gegebenenfalls notwendig sein, den Mannschaftsverantwortlichen des Heimteams anzuweisen, den Ordnungsdienst zu Maßnahmen zu veranlassen.

Auch die Arbeit von Sekretär und Zeitnehmer ist zu überwachen und gegebenenfalls zu korrigieren (Ergebniskontrolle, Spielzeit, Wechselfehler, Spieleranzahl auf dem Feld, Beantragung Team-Time-out, Wiedereintritt nach Zeitstrafe oder Verletzungspause). Dazu sind eigene Aufzeichnungen über den Spielstand und die ausgesprochenen Bestrafungen zu führen. Das Ergebnis muss stimmen, denn anders als im Amateurbereich müssen die Schiedsrichter in der Bundesliga die Torfolge nicht mitschreiben.

Der Delegierte hat – wie bereits erwähnt – die Auswechselbereiche hinsichtlich des ordnungsgemäßen Verhaltens der Spieler und Offiziellen auf der Bank sowie regulärer Spielerwechsel zu überwachen. Das permanente Stehen im Auswechselraum ist gemäß dem entsprechenden IHF-Reglement grundsätzlich immer nur einer Person erlaubt. Gestenreiches oder lautstarkes Fordern oder Kritisieren von Schiedsrichterentscheidungen soll unterbunden werden. Bei Verstößen ist der Delegierte berechtigt, die fehlbaren Personen anzusprechen und auf das ordnungsgemäße Verhalten hinzuweisen. Im Wiederholungsfall oder bei unsportlichen Aktionen ist das Spiel vom Delegierten durch Pfiff zu unterbrechen und eine Bestrafung durch die Schiedsrichter einzufordern.

Nach dem Spiel hat der Delegierte den geordneten Ablauf zu überwachen. Gegebenenfalls ist das Einvernehmen mit dem Ordnungsdienst herzustellen. Der Delegierte verlässt die Spielfläche auf jeden Fall erst nach den Schiedsrichtern und bei vorhersehbaren Problemen durch Zuschauer auch erst nach den Mannschaften.

In dem für Zeitnehmer/Sekretär vorgesehenen Raum wird dann das Spielprotokoll finalisiert. Es ist vor der Kenntnisnahme durch die Mannschaftsverantwortlichen und die Schiedsrichter durch den Delegierten hinsichtlich der Ordnungsmäßigkeit der Eintragungen zu überprüfen.

Jetzt noch den persönlichen PIN an gewohnter Stelle im elektronischen Spielberichtsformular eingeben und dann ist der Job als Delegierter erledigt.