Quelle: DHB
War es wirklich absichtliches Fußspiel?
Nach Ansicht des Feldschiedsrichters wehrt der Abwehrspieler den Bodenpass absichtlich mit dem rechten Fuß ab. Daraufhin entscheidet der Schiedsrichter auf Freiwurf für Team GRÜN und Hinausstellung für den Abwehrspieler ROT 93. Nachfolgend erfahren wir mehr zu den Regelbestimmungen bei Fußspiel durch einen Abwehrspieler.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle:
Gemäß Regel 7:8 ist es nicht erlaubt, den Ball mit Fuß oder Unterschenkel zu berühren. Dies gilt für den ballbesitzenden Spieler ebenso wie für seine Mitspieler und die Abwehrspieler. Bei den Torwarten ist die Regelbestimmung lediglich auf Situationen beschränkt, in denen sich der Ball im Torraum in Richtung Spielfeld bewegt (siehe Regel 5:10). Eine weitere Ausnahme betrifft die Schiedsrichter: Werden sie von einem Ball am Körper (also auch an Fuß oder Unterschenkel) getroffen, geht das Spiel weiter (siehe Regel 7:9).
Für Abwehrspieler gibt es darüber hinaus eine weitere Ausnahme: Wird der Abwehrspieler von einem Gegenspieler an Fuß oder Unterschenkel angeworfen, läuft das Spiel weiter. Es wird auch dann nicht mit Freiwurf für die angreifende Mannschaft unterbrochen, wenn der Ball anschließend von einem Abwehrspieler aufgenommen werden kann.
Andererseits ist das Spiel immer unverzüglich zu unterbrechen, wenn der ballbesitzende Spieler den Ball selbst mit Fuß oder Unterschenkel berührt oder er einen Mitspieler an Fuß oder Unterschenkel anwirft. Das Spiel ist in derartigen Fällen mit Freiwurf für die nicht fehlbare Mannschaft fortzusetzen.
Aktive Fußabwehr ist progressiv zu bestrafen!
Neben der Frage der regelgerechten Spielfortsetzung ist immer auch die Frage nach einer Bestrafung des fehlbaren Spielers zu stellen. Wie hierbei zu verfahren ist, wird in Regel 8:7e beschrieben. Dort ist im ersten Satz festgelegt, dass das aktive Abwehren von Würfen oder Pässen durch das Benutzen von Fuß oder Unterschenkel progressiv zu bestrafen ist.
Da in der o. a. Regel von aktiver Abwehrarbeit die Rede ist, kann für regelwidriges Berühren des Balls durch den ballführenden Spieler selbst oder einen seiner Mitspieler keine progressive Bestrafung in Frage kommen. Sie leisten im besagten Moment keine Abwehrarbeit.
Eine weitere Beschränkung ist durch den Satz 2 der Regel 8:7e gegeben. Danach sind rein reflexartige Bewegungen, wie etwa das Schließen der Beine, wenn man als Abwehrspieler mit dem Ball „getunnelt“ werden soll, nicht progressiv zu bestrafen. Die Ausnahme ist insofern richtig und regelgerecht, weil es sich bei reflexartigen Bewegungen um Aktionen handelt, die unser Unterbewusstsein steuert und die von uns nur schwerlich unterdrückt werden können.
Als Reflex wird daher die Reaktion eines Menschen bezeichnet, die auf eine Bewegung oder einen Auslöser folgt. Auf den gleichen Reflex (Auslöser) folgt auch die immer gleiche Reaktion. Ein Spieler soll mit dem Ball „getunnelt“ werden; er schließt reaktionsschnell seine Beine. Auch wenn der Regelgeber in derartigen Fällen keine persönliche Bestrafung vorsieht, ändert sich an der Spielfortsetzung (Freiwurf für die nicht fehlbare Mannschaft) nichts, soweit nicht eine Vorteilsgewährung für die angreifende Mannschaft angezeigt ist.
War der Fuß wirklich am Ball?
Bleibt noch die Frage zu klären, was im Video oben wirklich vorgelegen hat.
- War es eine aktive Abwehr des Balls mit dem rechten Fuß?
- War es ein reflexartiges Schließen der Beine, bei dem der Ball an den rechten Fuß gelangte?
- War es vielleicht gar keine Fußabwehr?
Die gezielte Analyse der Videoaufzeichnung macht die Reaktion des Abwehrspielers ROT 93 auf seine Hinausstellung verständlich. Es lag weder eine aktive noch eine reflexartige Fußabwehr vor. Dem Abwehrspieler war es gelungen, den Ball mit seiner linken Hand abzuwehren. Deutlich wird dies durch sein weißes Schweißband am linken Handgelenk. Es befindet sich klar zwischen Ball und rechtem Fuß (siehe auch folgenden Videoausschnitt in Zeitlupe).
Schiedsrichter sind beim Thema Fußspiel immer sehr gefordert. Nur ein optimales Stellungsspiel, verbunden mit einer antizipativen Beobachtung des Spiels ermöglicht es, in derart komplexen Situationen regelgerecht zu entscheiden.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.