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Was ist Talent aus Schiedsrichtersicht?
Robert Schulze und Tobias Tönnies haben es bis ganz oben geschafft. Das Magdeburger Duo leitete knapp 700 Spiele für den Deutschen Handballbund und war bei Welt- und Europameisterschaften sowie den Olympischen Spielen in Tokio und Paris im Einsatz. Schulze war mit 23 Jahren zudem der jüngste Schiedsrichter in der Geschichte der 1. Männer-Bundesliga. Wenn jemand beurteilen kann, was Talent aus Schiedsrichtersicht bedeutet, dann sie.
Schulzes Antwort fällt knapp aus: „Talent wird überbewertet“, sagt der Olympia-Schiedsrichter. „Spielverständnis und die Lust darauf, das Spiel zu pfeifen: Das sind die Schlüssel.“ Tönnies unterstreicht besonders die Bedeutung des ersten Punktes: „Ein Schiedsrichter braucht neben Talent ein gutes Spielverständnis.“
Im DHB-Schiedsrichterwesen heißt es oft: Am Spielverständnis trennt sich die Spreu vom Weizen. Warum gerade dieser Faktor entscheidend ist, erklärt Tönnies so: „Nur wenn du ein gewisses Spielverständnis hast, kannst du deine Entscheidungen auch transportieren. Es gibt Schiedsrichter, die wie Roboter agieren und eine Entscheidung nach der anderen treffen. Sie haben das Spiel aber nicht verstanden und wissen nicht, wann sie lieber mal nicht pfeifen sollten.“
Schulze und Tönnies standen früher selbst als Spieler auf dem Feld – bei ihrem Heimatverein TuS 1860 Magdeburg-Neustadt. Schulzes Mutter war ihre Trainerin, Tönnies’ Vater Co-Trainer. In der C‑Jugend holten sie die Landesmeisterschaft und die Norddeutsche Meisterschaft. Schulze war Spielmacher, Tönnies spielte im linken Rückraum.
Um das Spielverständnis zu schärfen und damit die Grundlage für eine Schiedsrichterlaufbahn zu legen, lohnt es sich gerade für junge Unparteiische, so lange wie möglich selbst zu spielen. „Die meisten Schiedsrichter haben selbst Handball gespielt, das ist sehr gut“, sagt Tönnies. „Als wir angefangen haben, haben wir immer noch gerne gespielt. Wenn du in den ersten ein, zwei Jahren merkst, dass es funktioniert und Spaß macht, wächst die Lust aufs Pfeifen immer weiter.“
Diese Lust aufs Pfeifen ist genau der zweite Punkt, den Schulze nennt. „Wenn du pfeifen musst, aber eigentlich keinen Bock hast, frag danach mal einen Spieler, wie du gewirkt hast“, sagt er. „Wenn du für dich sagen kannst: Ich habe Bock auf Handball, ich habe Bock, Schiedsrichter zu sein, und ich habe Lust, Fehler zu machen, dann bist du authentisch und mit dir selbst im Reinen.“
Für beide ist klar: Sie gehen bis heute gerne als Schiedsrichter auf das Feld. Die negativen Einflüsse von außen (LINK SETZEN) lassen sie nicht überhandnehmen. Das war ein langer, teils mühsamer Weg, der sich jedoch auszahlt. „Mit Stressresistenz wirst du nicht geboren, aber sie entwickelt sich“, sagt Tönnies. „Je mehr Spiele du pfeifst, desto größer wird dein Erfahrungsschatz und desto akzeptierter bist du, weil du vieles schon kennst und Spieler und Trainer dich kennen.“
Auch der Umgang mit eigenen Fehlern wird leichter. „Sobald man akzeptiert hat, dass man auch mal danebenliegt, kann man sich auf die coolen Entscheidungen fokussieren, weil man die anderen abhakt“, betont Schulze. Ein Schiedsrichter trifft im Schnitt 400 Entscheidungen pro Spiel. Mit der Zeit wächst die Gelassenheit: „Die miese Entscheidung, über die du nach dem Spiel lange grübelst, interessiert eine Woche später niemanden mehr.“