DHB-Schiedsrichterlehrwart Jürgen Rieber (links) übergibt sein Amt zum Juli 2020 an Kay Holm (rechts). Fotos: imago (Bild links: Eibner; Bild rechts: Claus Bergmann)
Videokonferenz der Schiedsrichterlehrwarte aus den Landesverbänden
Digitale Alternativen sind auf dem Vormarsch
Eigentlich war die jährliche Tagung der Schiedsrichterlehrwarte aus den Landesverbänden für Anfang Mai in Halberstadt geplant, musste aber aufgrund der Pandemiebeschränkungen abgesagt werden. Anstelle der Tagung trafen sich daher am 23.5.2020 alle Schiedsrichterlehrwarte zu einer großen Videokonferenz. Wolfgang Jamelle (DHB-Schiedsrichterwart) konnte zur Eröffnung mehr als 30 Teilnehmer herzlich begrüßen. Unter ihnen als Gast auch Marc Fasthoff als Vertreter der DHTV (Deutsche-Handball-Trainer-Vereinigung).
Die Tagung und in diesem Jahr die Videokonferenzschaltung dient zum einen der Vermittlung wichtiger Themen zum Regelwerk und zum anderen der Information über die regeltechnischen Schwerpunkte, die der SR-Lehrstab des DHB in der abgelaufenen Saison gesetzt hat. Beides soll anschließend deutschlandweit mittels der anstehenden Schulungsmaßnahmen an die Schiedsrichter in den nachfolgenden Ebenen vermittelt werden.
Ein Ziel: Schutz der Außenspieler
Durch die Videokonferenz führte Kay Holm, der ab kommenden Monat vom derzeitigen DHB-Schiedsrichterlehrwart Jürgen Rieber die Funktionen übernimmt.
Er startete mit dem Thema Außenaktionen – mehrere Bundestrainer hatten hier in den letzten Jahren einen zunehmenden Handlungsbedarf ausgemacht. Ziel dieses regeltechnischen Schwerpunkts war, die Außenspieler besser vor regelwidrigen und zum Teil gesundheitsgefährdenden Aktionen zu schützen. Beispielhaft hervorgehoben wurde die Destabilisierung der Außenspieler durch aktive Kontaktsuche des Abwehrspielers, aber auch der regelwidrige lange Ausfallschritt Richtung Außenspieler.
Die konsequente Ahndung dieses regelwidrigen Verhaltens hatte zu Beginn der abgebrochenen Saison bei einigen Akteuren zu Unverständnis geführt. Das „harte Durchgreifen“ der Schiedsrichter wurde von ihnen negativ bewertet. Letztlich spricht aber der Erfolg für sich. Die strenge Anfangslinie der Schiedsrichter bewirkte, dass die Abwehrspieler in vielen Fällen eine regelgerechte Abwehr durchgeführt haben und die Außenspieler so besser geschützt wurden. Der körperlich destabilisierende Griff an Hüfte oder Oberschenkel des Außenspielers und die damit verbundene Verletzungsgefahr wurde nicht zuletzt durch die persönliche Bestrafung wirkungsvoll unterbunden.
Die Präsentation von Kay Holm enthielt hierzu eine Reihe von Videobeispielen mit den unterschiedlichsten Spielsituationen von Außenspielern, die die Lehrwarte als Schulungsbeispiele in ihren eigenen Lehrgängen nutzen können.
Geplante IHF-Maßnahmen
Als nächstes berichtete Jürgen Scharoff (IHF- und DHB-Regelexperte) über den Stand der von der IHF geplanten Maßnahmen. Auch hier hat die weltweite Corona-Pandemie sehr vieles „eingefroren“. Dies gilt für die Tests der vorgesehenen Regeländerungen ebenso wie für die strukturellen Änderungen des Regelwerks. Darüber hinaus ist leider auch die vorgesehene Aktualisierung verschiedener Unterlagen und Dokumente, wie etwa die der Handlungsanweisungen für IHF-Delegierte, ins Stocken geraten.
Schwerpunkt Stürmerfoul
Peter Behrens (neues Mitglied im SR-Lehrstab des DHB) hat aus Hinweisen in den neutralen Beobachtungen der 1. und 2. Liga über 130 Szenen aus dem Bereich Stürmerfoul identifiziert und analysiert. Das Thema Stürmerfoul war für die DHB-Schiedsrichter ein weiterer Schwerpunkt der Saison 2019/2020. Peter Behrens stellt den Schiedsrichterlehrwarten alle in seiner Präsentation eingearbeiteten Videos nach Themen kategorisiert zur Verfügung. Damit können diese die von ihnen zu schulenden Schiedsrichter für die unterschiedlichsten Fälle sensibilisieren.
Schwerpunkte beim Thema Stürmerfoul waren das Anspringen der und das Rennen in den Abwehrspieler, das frontale Wegdrücken, der fehlerhafte Überzieher sowie Gesichtstreffer. Aber auch regelwidrige Aktionen der Abwehr, wie zum Beispiel das vorgetäuschte Stürmerfoul oder das Schieben des Angreifers auf den eigenen Abwehrspieler, wurden mit entsprechenden Videobeispielen thematisiert.
Abschließend wies Peter Behrens eindringlich darauf hin, dass es bei der regelgerechten Entscheidung von Stürmerfouls auf ein exzellentes Stellungsspiel, eine gute Aufgabenverteilung und ein schnelles Handeln der Schiedsrichter ankommt. Beim Stürmerfoul muss nicht gewartet werden. Einen Vorteil gibt es hier nicht!
E-Learningmodul für Schiedsrichteranwärter
Nach einer kurzen Pause stellten Wolfgang Jamelle und Frank Böllhoff (DHB- Schiedsrichterbeobachter und EHF-Delegierter) ein neues Tool für eine bundeseinheitliche SR-Grundausbildung vor, das noch in diesem Sommer im SR-Portal freigeschaltet werden soll. Die vorgesehene Struktur enthält u. a. mehrere Onlinemodule, die in verschiedene Lektionen unterteilt sind (siehe Bild 1), die jeweils mit Lernerfolgskontrollen abgeschlossen werden. Innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens, den der verantwortliche Ausbildungsleiter bis zum jeweils anschließenden Praxismodul festlegt, kann jeder Teilnehmer so sein Lerntempo persönlich bestimmen.
Die Lehr- und Schiedsrichterwarte der Landesverbände erhalten im Vorfeld einen Testzugang, damit ggf. enthaltene Fehler gemeldet, Hinweise gegeben und Änderungswünsche geäußert werden können. Zudem ist vorgesehen, dass die erste stattfindende Grundausbildung vom Philippka-Sportverlag begleitet wird, damit die Funktionalität im Echtbetrieb geprüft werden kann.
Abschließend wies Wolfgang Jamelle noch auf eine weitere anstehende Neuerung im Schiedsrichterportal hin. In Zukunft sollen dort Videotests zur Verfügung gestellt werden. Bewährt sich das Format, wird dazu eine eigene Rubrik im SR-Portal geschaffen werden.
Neue Organisation der Schiedsrichterkommission der 3. Liga
Durch Jürgen Hilfinger (Schiedsrichterlehrwart der 3. Liga) wurden die aktuellen Änderungen in der Organisation der Schiedsrichterrichterkommission der 3. Liga vorgestellt. Ab dem 1. Juli 2020 wird Dirk Eggert als neuer Schiedsrichterwart der 3. Liga tätig sein. Diese personelle wie zusätzliche strukturelle Änderungen und Ergänzungen ziehen weitere personelle Maßnahmen nach sich, die den Teilnehmern im Einzelnen dargestellt wurden.
Aufbau der Progression
Zum Abschluss zeigte Jürgen Rieber, der das Amt des DHB-Schiedsrichterlehrwarts an Kay Holm übergibt, aber weiterhin mitwirken möchte, seine Präsentation zum Thema „Aufbau der Progression“. Anhand zahlreicher Videobeispiele, die selbstredend ebenfalls allen Teilnehmern zur Verfügung gestellt werden, vermittelte er verständlich die Probleme, die bei dieser für die gesamte Spielleitung mitentscheidenden Aufgabe auf die Schiedsrichter einstürmen. Den Teilnehmern legte er sein Fazit mit den unten stehenden Aussagen dar.
Wolfgang Jamelle verabschiedete alle Teilnehmer nach einer sehr diszipliniert abgelaufenen Videokonferenz mit tollen Referenten, guten Vorträgen, eindeutigen und klaren Videobeispielen.