Pawel Fratczak und Gepannpartner Paulo Ribeiro (Quelle: DHB)

Über den Stolz, Schiedsrichter zu sein

An der Basis fehlen deutschlandweit Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Immer wieder bleiben Spiele unbesetzt und fallen – im schlimmsten Fall – komplett aus. Ein Grund: Die Rolle des Unparteiischen ist oft negativ besetzt. Vereine betteln ihre Aktiven darum an, zur Pfeife zu greifen und zahlen trotzdem noch hohe Strafen, weil sie zu wenig Referees stellen. Und wer pfeift, muss sich immer wieder die Frage gefallen lassen, warum er sich das eigentlich antut. Dabei ist das Pfeifen eine Aufgabe, die mit Stolz übernommen werden kann – und sollte.

Denn obwohl die Formel „Ohne Schiedsrichter geht es nicht“ oft strapaziert ist, trifft sie zu – ohne die knapp 15.000 Unparteiischen in Deutschland (Stand der Zahl: 2022) würde von der Bundesliga bis in die Bezirksliga Wochenende für Wochenende kein Spiel stattfinden können. Umso trauriger ist es, dass das Amt an der Basis zu oft negativ gelesen wird. „Ein großes notwendiges Drehrad“ gegen den Schiedsrichtermangel, das betonte auch Schiedsrichter-Chefin Jutta Ehrmann-Wolf vor wenigen Wochen im Interview, sei „sicherlich die Imageverbesserung.“

Denn das Amt des Schiedsrichters kann so viel mehr als eine Last, ein Zwang oder ein notwendiges Übel sein. So wie die Bundesliga-Referees immer wieder voller Freude von ihrer Aufgabe berichten, sollten auch die Unparteiischen an der Basis stolz auf ihre Aufgabe sein können. „Kein Schiedsrichter soll sich kleiner reden als er ist“, sagt auch Pawel Fratczak.

Der 47-Jährige pfiff 23 Jahre lang gemeinsam mit Gespannpartner Paulo Ribeiro; im Sommer beendeten sie nach über 450 Einsätzen für den Deutschen Handballbund ihre Karriere. „Die Schiedsrichter an der Basis“, betont Fratczak, „sind genauso Schiedsrichter wie wir auch. Wir haben das gleiche Regelwerk und die gleiche Aufgabe.“

Natürlich sei es eine Auszeichnung gewesen, in der Bundesliga pfeifen zu dürfen, doch das sei lediglich ein „Zufallsprodukt“ gewesen, wie er sich mit einem Schmunzeln erinnert. Anders als heute, wo junge und ambitionierte Schiedsrichter sehr früh sehr hoch aufsteigen können, hatte Fratczak damals zunächst keine großen Ambitionen – er griff zur Pfeife, weil irgendjemand es tun musste. Es war ein Einstieg, wie ihn tausende Schiedsrichter erlebt haben.

„Paulo und ich haben damals im Bremen Handball-Verband gespielt und sind in die Bezirksliga aufgestiegen“, erinnert sich Fratczak. „Mit dem Aufstieg mussten wir als Mannschaft das erste Mal Schiedsrichter stellen.“ Gemeinsam mit Ribeiro stellte sich Fratczak in den Dienst des Teams und legte die Prüfung ab. Dass die beiden Mannschaftskollegen es am Ende bis in die 1. Bundesliga schafften, hätten sie selbst nicht erwartet.

Ebenso wie Gespannpartner Ribeiro blickt Fratczak mit Stolz auf die Karriere zurück, doch trotz der Bundesligaeinsätze in ganz Deutschland hat er den Kontakt zur Basis nie verloren. Der 47-Jährige spielt bis heute selbst Handball in der Kreisliga am Niederrhein beim TV Aldekerk, seine Tochter läuft in der D-Jugend auf. „Ich erlebe oft, dass Schiedsrichter allein pfeifen müssen, sie sind oft älter und müssen mit unqualifizierten Äußerungen von Trainern und Zuschauern kämpfen“, fasst er zusammen. „In den Hallen im Amateurbereich hörst du jede persönliche Beleidigung.“

Ihn schmerzen solche Erlebnisse. „Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass ein Schiedsrichter nach dem Spiel weint, weil er von Trainern völlig unangemessen angemacht wird“, sagt Fratczak. „Nach solchen Erlebnissen freut man sich nicht mehr auf das Pfeifen, sondern es wird zu einem Muss. Und dann macht man es nicht mehr lange mit, denn wenn etwas keine Freude macht, lässt man es natürlich.“

In diesem Punkt, das betont er ausdrücklich, ist es die Schiedsrichterkollegen an der Basis oft härter als in der Bundesliga. „Ich habe höchsten Respekt vor den Schiedsrichtern, die sich jeden Samstag und jeden Sonntag morgens in die Halle stellen und dafür sorgen, dass gespielt werden kann“, unterstreicht Fratczak. „Ohne sie würde in unserem Handball gar nichts funktionieren!“

Auch, wenn ein Schiedsrichter nie „der Hauptdarsteller“ in einem Spiel sein dürfe, so hofft Fratczak ebenso wie seine Bundesligakollegen auf eine größere Anerkennung für die Kollegen an der Basis. Mit ihrer Bereitschaft, ein Spiel nach dem anderen anzupfeifen, halten sie schließlich den Handball am Leben. Mit ihrem Einsatz sorgen sie dafür, dass der Spielbetrieb für Kinder und Jugendliche stattfinden kann. Und mit ihrem Willen, sich zu engagieren, sind sie ein Teil der Lösung.

„Jeder, der zur Pfeife greift, kann und soll stolz auf sich sein“, betont Fratczak. „Und es wäre schön, wenn das auch von Spielern, Trainern und Zuschauern mehr geschätzt wird. Es steckt bei uns allen so viel Herzblut dahinter, so viel Begeisterung. Da wäre es einfach schön, wenn nur einer nach dem Spiel zum, Schiedsrichter geht und sagt: Vielen Dank. Gut, dass du da bist.“

Letzte Saison erlebte Fratczak genau so einen Moment, als er selbst an der Basis einsprang. „Nach einem Spiel in der E-Jugend kam ein Junge freudestrahlend auf mich zu und sagte: ‚Herr Schiedsrichter, das hast du richtig gut gemacht‘“, berichtet der 47-Jährige. „Da war ich wirklich sehr gerührt.“

Solche positiven Erlebnisse überwiegen für Fratczak „auf alle Fälle gegenüber manchem negativen Aspekt“, wie er unterstreicht. Auch er will sich daher zum Abschluss dieses Textes direkt an die Schiedsrichter*innen an der Basis richten:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst Euch nicht von einigen entmutigen. Ihr macht alle einen wichtigen, tollen Job und leistet einen großen Beitrag für unsere tolle Sportart - und darauf könnt ihr stolz sein!“