Treffer mit dem Ball gegen den Kopf des Torwarts
Die Kriterien für einen Kopftreffer
Bei einem unbedrängten Torwurf aus dem freien Spiel heraus sind insbesondere folgende Kriterien zu beachten:
1. Freie Spielsituation
Die Regel ist nur in einer freien Spielsituation anzuwenden. Zwischen dem Werfer und dem Torwart darf sich kein Abwehrspieler befinden.
2. Erster Kontakt am Kopf
Der Ball muss den Torwart zuerst am Kopf treffen und dabei seine Richtung verändern.
3. Ausnahmen
Die Regel greift nicht,
- wenn der Ball zunächst ein anderes Körperteil des Torwarts trifft und erst anschließend den Kopf berührt;
- wenn der Torwart seinen Kopf aktiv in Richtung des Balls bewegt.
Gerade der zweite Punkt sorgt in der Praxis immer wieder für Diskussionen: Was bedeutet es eigentlich, wenn der Torwart seinen Kopf in Richtung des Balls bewegt?
Was bedeutet „den Kopf in Richtung des Balls bewegen“?
Dieser Passus darf nicht so verstanden werden, dass jede natürliche Kopfbewegung des Torwarts automatisch dazu führt, dass kein Kopftreffer mehr vorliegt.
Gemeint sind vielmehr aktive Abwehrbewegungen des Torwarts, bei denen er seinen Kopf bewusst in Richtung des Balls bewegt, um den Ball mit dem Kopf abzuwehren.
Das ist insbesondere bei hohen oder langsamen Würfen sowie bei Trickwürfen wie Hebern, Drehern oder Legern von Bedeutung.
Gemäß Regel 5:1 darf der Torwart bei der Wurfabwehr innerhalb des eigenen Torraums den Ball mit allen Körperteilen berühren. Das schließt selbstverständlich auch den Kopf ein.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
„Hat sich der Kopf des Torwarts bewegt?“
Sondern:
„Hat der Torwart seinen Kopf aktiv in Richtung des Balls bewegt, um diesen mit dem Kopf abzuwehren?“
Beispielvideo von der IHF
Ein anschauliches Beispiel hierfür findet sich auch in einem IHF-Video zur Einführung und Erläuterung dieser Regel.
Dort wird verdeutlicht, dass der Passus „wenn der Torwart seinen Kopf in Richtung des Balls bewegt“ insbesondere Situationen betrifft, in denen der Torwart seinen Kopf bewusst in die Flugrichtung des Balls bringt, um diesen mit dem Kopf abzuwehren.
Das ist vor allem bei nicht hart geworfenen Bällen und bei Trickwürfen relevant. Bei einem Heber, Dreher oder Leger kann der Torwart beispielsweise erkennen, dass der Ball in Kopfhöhe oder über ihm vorbeifliegen wird, und seinen Kopf gezielt in Richtung des Balls bewegen, um die Flugbahn zu verändern.
Genau diese aktive Abwehrbewegung wird im IHF-Beispiel deutlich.
Damit wird zugleich klar, was mit dem Ausnahmeparagrafen gemeint ist: Abwehrbewegungen des Torwarts dürfen nicht zu seinen Lasten gehen.
Der Torwart darf seinen Kopf also selbstverständlich einsetzen, um einen Ball abzuwehren. Entscheidend ist, dass er den Kopf aktiv zum Ball bewegt, um diesen abzuwehren, und nicht, dass der Ball ihn lediglich bei einer normalen Torwartbewegung am Kopf trifft.
Was geschieht im Video?
Mannschaft DUNKELROT befindet sich im Angriff. Spielerin DUNKELROT 93 erhält den Ball am Kreis und kommt in einer freien Spielsituation ungehindert zum Torwurf. Sie entscheidet sich für einen Heber.
Der Torwart der Mannschaft GRÜN springt hoch und kann den Ball mit dem Kopf über das Tor lenken.
Regeltechnische Einordnung
Das erste Kriterium ist erfüllt: Die Werferin befindet sich in einer freien Spielsituation. Zwischen ihr und dem Torwart befindet sich kein Abwehrspieler.
Der Ball trifft den Torwart unmittelbar am Kopf und verändert seine Richtung.
Dennoch liegt hier kein zu bestrafender Kopftreffer vor.
Der entscheidende Punkt ist die Abwehrbewegung des Torwarts: Er bewegt seinen Kopf aktiv in Richtung des Balls, um den Heber abzuwehren.
Damit greift die entsprechende Strafbestimmung nicht.
Die Schiedsrichter haben die Situation daher richtig erkannt und auf Abwurf für die Mannschaft GRÜN entschieden.
Warum darf die Abwehrbewegung des Torwarts nicht zu seinen Lasten gehen?
Ein Torwart muss die Möglichkeit haben, sich innerhalb des Torraums gegen einen Torwurf zu verteidigen. Dazu gehört auch, den Kopf einzusetzen, wenn dies für die Abwehr des Balls erforderlich ist.
Gerade bei einem Heber oder einem anderen nicht hart geworfenen Ball kann es eine bewusste und regelgerechte Torwartaktion sein, den Kopf aktiv zum Ball zu bewegen.
Bei einem schnellen und hart geworfenen Ball wird diese Frage dagegen nur sehr selten eine Rolle spielen. Hier handelt es sich in aller Regel um eine typische Abwehrbewegung des Torwarts, bei der der Ball den Kopf trifft.
Anders kann die Situation bei langsameren Würfen oder Trickwürfen aussehen. Hier muss der Torschiedsrichter genau beobachten, ob der Ball lediglich den Kopf trifft oder ob der Torwart den Kopf aktiv zum Ball bewegt hat.
Täuschung des Torwarts
Von dieser regelgerechten Abwehrbewegung ist eine bewusste Täuschung zu unterscheiden.
Versucht der Torwart, die Schiedsrichter zu täuschen, um eine Bestrafung des Angreifers zu provozieren – beispielsweise indem er den Eindruck eines Kopftreffers erweckt, obwohl der Ball zunächst seine Brust getroffen hat –, ist dies gemäß Regel 8:8g mit einer direkten Hinausstellung zu bestrafen.
Auch hier ist daher die genaue Beobachtung entscheidend.
Für die Praxis
Für die Schiedsrichter bedeutet die Regelung, dass bei einem freien Torwurf nicht nur der Absprung und die Wurfaktion des Angreifers beobachtet werden müssen. Auch die Flugbahn des Balls und die Reaktion des Torwarts sind für die Entscheidung von Bedeutung.
Insbesondere der Torschiedsrichter hat hier eine wichtige Aufgabe. Er muss erkennen können,
- ob eine freie Spielsituation vorliegt,
- wo der erste Kontakt des Balls mit dem Torwart erfolgt,
- ob der Ball nach dem Kontakt seine Richtung verändert,
- ob der Torwart seinen Kopf aktiv zum Ball bewegt oder
- ob möglicherweise eine Täuschung vorliegt.
Eine gute und variable Positionierung des Torschiedsrichters ist deshalb besonders wichtig. Gleichzeitig ist der Feldschiedsrichter gefordert, seinen Partner bei der Wahrnehmung der Situation zu unterstützen.
Eine gute Zusammenarbeit und eine klare Blickverbindung der beiden Schiedsrichter helfen dabei, einen tatsächlichen Kopftreffer von einem vorherigen Körperkontakt, einer regelgerechten Abwehrbewegung oder einer Täuschung zu unterscheiden.
Fazit
Bei einem harten Torwurf wird es nur selten erforderlich sein, die Frage zu beantworten, ob der Torwart seinen Kopf aktiv zum Ball bewegt hat. In diesen Situationen handelt es sich in der Regel um eine typische Abwehrreaktion des Torwarts.
Bei nicht hart geworfenen Bällen und insbesondere bei Trickwürfen wie Hebern, Drehern oder Legern kann diese Unterscheidung dagegen entscheidend sein.
Der entscheidende Beobachtungspunkt lautet daher:
Nicht jede Bewegung des Kopfes ist ein „Bewegen des Kopfes zum Ball“. Entscheidend ist die aktive Bewegung des Torwarts mit der Absicht, den Ball mit dem Kopf abzuwehren.
Und noch ein wichtiger Hinweis zum Schluss:
Bei Regel 8:8d geht es um Kopftreffer generell – und nicht ausschließlich um Treffer im Gesicht oder im Gesichtsbereich. Der gesamte Kopf ist von der Regelung erfasst.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.