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Trainerstimmen zu den neuen Regeln
Regeländerung: Kopftreffer
Ab 1. Juli gilt für alle Ligen: Kopftreffer stehen nicht nur bei einem Siebenmeter, sondern auch aus dem freien Spiel heraus unter Strafe. Das bedeutet: Trifft der Werfer den Torhüter bei einem unbedrängten Wurf am Kopf und befindet sich dabei kein Abwehrspieler zwischen ihm und dem Torhüter, wird dies mit einer 2-Minuten-Zeitstrafe bedacht. Voraussetzung: Der Ball geht direkt auf den Kopf und darf nicht zuvor von einem anderen Körperteil des Torhüters berührt worden sein. Bewegt der Torhüter seinen Kopf in Richtung des Balls, wird keine Hinausstellung ausgesprochen. Täuscht ein Torhüter einen Kopftreffer an, sind die Schiedsrichter dazu angehalten, dies progressiv zu ahnden.
So sehen es die Trainer
Jari Lemke hält zwar den Grundgedanken der Regeländerung – die Torhüter vor Kopftreffern besser zu schützen – für richtig, befürchtet aber große Probleme bei der Regelanwendung. „Gerade bei Abschlüssen der Kreisspieler wird es ständig zu Diskussionen kommen. Auf dieser Position ist es doch fast nie sicher auszumachen, ob ein Wurf wirklich unbedrängt erfolgt oder ob es nicht doch einen kleinen, aber wirkungsvollen Schubser eines Verteidigers gegeben hat.“ Überdies fragt sich Lemke, ob die Spieler künftig bei gänzlich freien Würfen womöglich gleich darauf verzichten, hoch abzuschließen, um die Gefahr eines Kopftreffers von vornherein auszuschließen.
Martin Berger begrüßt die neue Regelung ohne Wenn und Aber. Wie wichtig der Schutz des Kopfes sei, zeigten auch andere Sportarten wie American Football, die schon vor Jahren entsprechende Regeländerungen umgesetzt hätten. Einen zusätzlichen positiven Effekt verspricht sich Berger für die Gewinnung junger Handballerinnen und Handballer für die Torhüterposition, hält doch bislang die Sorge vor Kopftreffern Spieler (und vielleicht mehr noch deren Eltern) davon ab, einen Einsatz im Tor in Erwägung zu ziehen. Mit Blick auf die Feldspieler erwartet Berger künftig bei Würfen von Außen, vom Kreis sowie bei Gegenstößen seltener zentrale – kopfnahe – Abschlüsse, seien es harte Würfe oder Leger.
Dass die Torhüter geschützt werden müssen, findet bei André Fuhr volle Zustimmung. Allerdings erwartet auch er Schwierigkeiten bei der Regelanwendung. „Letztlich hängt die Entscheidung der Schiedsrichter davon ab, ob sich der Torhüter bewegt hat oder nicht. Ich finde das schon beim Siebenmeter manchmal schwer zu bewerten.“
Diese Trainer haben sich zu den Regeländerungen geäußert
- André Fuhr: Der Trainer des deutschen Meisters der Frauen von 2021, Borussia Dortmund, betreut parallel die U20 des DHB und ist langjähriger handballtraining-Autor.
- Swen Bieletzki: Ist in der vierten Spielzeit für die Männer des westfälischen Verbandsligisten ASV Senden verantwortlich.
- David Röhrig: Trainiert zurzeit die A-Jugend und interimsweise die erste Mannschaft des TSV Bayer Dormagen und künftig die Männer des Zweitligisten VfL Lübeck-Schwartau.
- Martin Berger: Übernimmt zur kommenden Saison die A-Jugend und U23 des TSV Bayer Dormagen.
- Jari Lemke: Der ehemaliger Spieler des TBV Lemgo trainiert die männliche B-Jugend der HSG Handball Lemgo.
Regeländerung: Passives Spiel
Das Passive Spiel führt seit jeher zu Diskussionen, handelt es sich doch um eine Regel, deren Anwendung eine taktische Beurteilung der Spielsituation durch die Schiedsrichter erfordert: Entwickelt der Angriff genügend Druck zum Tor oder nicht? 2016 beschloss der Weltverband die Einführung der 6-Pass-Regel. Seither stehen einer angreifenden Mannschaft, der das passive Vorwarnzeichen angezeigt wird, bis zum Abschluss nur noch sechs Pässe zur Verfügung. Sechs Jahre später wird die Anzahl der erlaubten Pässe reduziert. Ab dem 1. Juli 2022 sind bei angezeigtem Vorwarnzeichen in allen Ligen nur noch vier statt sechs Pässe erlaubt. Davon unbenommen können die Unparteiischen auch weiterhin früher – also ohne den fünften Pass abzuwarten – auf passives Spiel entscheiden, sobald sie den Eindruck haben, die angreifende Mannschaft unternimmt keinerlei Versuch, eine Torchance herauszuspielen.
So sehen es die Trainer
Swen Bieletzki begrüßt die Verschärfung der Regel, hat er doch bei der bislang gültigen 6-Pass-Regelung vor allem festgestellt, dass die Angreifer den erlaubten Rahmen vollständig auszureizen versuchen. „Das zieht sich oft wie Kaugummi, zumal die Schiedsrichter von der Möglichkeit, angesichts einer solchen Spielweise schon vor dem siebten Pass abzupfeifen, so gut wie nie Gebrauch machen.“
Auch David Röhrig befürwortet die Regelanpassung, da sie „vor allem dazu führen wird, dass gut arbeitende Abwehrreihen schneller belohnt werden. Gerade in der Schlussphase konnte die angreifende Mannschaft mit sechs Pässen zum Teil noch eine Minute von der Uhr nehmen. Nun sind die Spieler gefordert, schneller Zug zum Tor zu entwickeln, um ohne eine große Auslösehandlung mit einer Isolierung oder einem 2 gegen 2 erfolgreich zu sein“.
Martin Berger erwartet Auswirkungen sowohl auf das Angriffsspiel als auch auf das Abwehrverhalten. „Die Angreifer stehen demnächst definitiv mehr unter Druck, wenn die Schiedsrichter den Arm heben. Das macht es für die Verteidiger attraktiver, durch ständige Stoppfouls den Spielfluss immer wieder zu unterbrechen und so den Angriff ins passive Spiel zu treiben. Und die gleiche Strategie könnten sie auch bei angezeigtem Vorwarnzeichen für erfolgversprechend halten.“ Bei den Angreifern rechnet Berger damit, dass sie mehr als bisher auf „passsparende“ Prellmoves zurückgreifen, und: „Das Freiwurfspiel könnte an Bedeutung gewinnen, sei es durch den Abschluss des Rückraumshooters à la Julius Kühn oder durch Einläufer, die den Abwehrblock mit einem schnellen Hüftwurf überraschen.“
André Fuhr sieht angesichts der neuen Regelung für die Angreifer die Notwendigkeit, neue – angepasste – Taktiken zu entwickeln, um mit maximal vier Pässen eine bestmögliche Abschlusschance herauszuspielen. Gleichzeitig befürchtet er, dass es „zu mehr Wühl-Aktionen kommen könnte mit dem Ziel, stets noch einen Freiwurf mehr und damit ein wenig Zeit herauszuholen“. In einem wichtigen Punkt, so Fuhr, bringe die Neuregelung leider keinen Fortschritt: Die Problematik, dass es von der subjektiven Wahrnehmung der Schiedsrichter abhängt, wann das Vorwarnzeichen angezeigt werde, bestehe weiterhin.
Regeländerung: Schneller Anwurf
Trotz eines Gegentors konsequent ins Tempospiel zu gehen ist gerade in den oberen Ligen eine gern genutzte Taktik. Bisher musste der ausführende Spieler beim Anwurf mit einem Fuß genau auf der Mittellinie stehen. In regelmäßigen Abständen hielten Spieler diese Regel nicht ein, was die Schiedsrichter dazu zwang, den Anwurf wiederholen zu lassen. Ab 1. Juli darf die Ausführung des Anwurfs aus dem kompletten Anwurfkreis erfolgen. Die Mitspieler des anwerfenden Spielers dürfen die Mittellinie nicht vor dem Anpfiff überqueren, es sei denn, sie befinden sich innerhalb des Anwurfkreises. Die gegnerischen Spieler müssen sich außerhalb des Anwurfkreises aufhalten. Jede weitere Abstandsregel (bislang waren 3 m Abstand zum Anwerfenden einzuhalten) entfällt. Das bedeutet: Vor allem wenn sich der anwerfende Spieler nicht im Zentrum, sondern eher am Rand des Anwurfkreises befindet (was zulässig ist), können sich gegnerische Spieler (wenn auch außerhalb des Anwurfkreises) in geringem Abstand aufhalten.
Die von der IHF zudem vorgesehene Vergrößerung des Anwurfkreises von bisher drei auf vier Meter gilt im Bereich des DHB nur für die erste bis dritte Liga. In unteren Ligen wird der in vielen Hallen vorhandene Basketballkreis mit einem Durchmesser von 3,60 Metern akzeptiert. Bei einem nicht vorhandenen Kreis ist eine entsprechende Fläche zu kennzeichnen. Dabei ist weder ein vollständiger Kreis noch eine vollständige Fläche erforderlich.
So sehen es die Trainer
David Röhrig sieht die Regeländerung eher skeptisch: „Ich sehe gerade in den höheren Ligen nicht, dass die schnelle Mitte so häufig zurückgepfiffen wird, und habe Zweifel, ob die Regelanpassung wirklich zu erkennbaren Veränderungen führt.“ Davon losgelöst hält Röhrig eine (weitere) Tempoverschärfung unserer ohnehin schon so schnellen Sportart nicht für nötig. „Die Formel ‚Immer schneller gleich immer attraktiver‘ stelle ich infrage.“
Swen Bieletzki sieht der Regeländerung positiv entgegen. „Die Regelung schafft mehr Klarheit für Spieler und Schiedsrichter. Es gibt eine sichtbar definierte Fläche, in der sich der anwerfende Spieler aufhalten muss und die die verteidigenden Spieler nicht betreten dürfen. Und weil die Schiedsrichter nicht mehr nur genau dann anpfeifen dürfen, wenn der anwerfende Spieler mit einem Fuß die Mittellinie berührt, werden sie die Anwurfausführung schneller freigeben und seltener zurückpfeifen.“
Auch André Fuhr erwartet, dass die Regeländerung den Schiedrichtern entgegenkommt, weil sie die Beurteilung einer korrekten Anwurfausführung erleichtert. „Das Spiel wird noch schneller werden, weil der anwerfende Spieler nicht mehr stehen, sondern lediglich Bodenkontakt haben muss, damit angepfiffen werden kann.“ In einer Szene sieht er eine gewisse Brisanz: Will der anwerfende Spieler direkt ins (leere) Tor werfen und steht bei der Ausführung am vorderen Rand des Kreises, darf sich ein blockender Gegenspieler (außerhalb des Kreises) unmittelbar vor ihm positionieren. „Beim Block darf er sich mit den Händen aber auch nicht im Luftraum über dem Kreis befinden – was schnell passiert, aber von den Referees kaum zu erkennen sein dürfte.“
Martin Berger begrüßt die Regeländerung und geht davon aus, dass sich das Spieltempo erhöhen wird. Er erwartet bei den Teams nicht nur neue Konzepte für den schnellen Anwurf (z. B. das Überlaufen der Abwehr durch LA und RA), sondern glaubt auch an einen Einfluss der Neuregelung auf das Spiel 7 gegen 6. „Wer den 7. Angreifer einsetzt, gerät nach dem Abschluss künftig noch schneller unter Druck, womöglich ein Empty-Net-Goal zu kassieren. Vielleicht führt das sogar dazu, dass weniger 7 gegen 6 gespielt wird.“