Time-out oder nicht?

Es gibt Situationen, für die das Regelwerk zwingend ein Time-out vorschreibt (2:8), und dem gegenüber Situationen, in denen ein Time-out nur empfohlen wird (siehe auch Erläuterung 2). In dem heutigen Pfiff der Woche geht es um Grundsätze und Spielsituationen, die bei Time-out-Entscheidungen, die im Ermessen der Schiedsrichter liegen, beachtet werden müssen.

Was im Video geschieht

Der Spielstand in der ersten Halbzeit ist 14:15 für Mannschaft ROT. Mannschaft BLAU (Heimmannschaft) spielt im Angriff 6 gegen 6, allerdings ist das Tor leer, da BLAU 18 bei Spielzeit 27:50 eine Hinausstellung erhalten hat. BLAU 7 spielt bei 29:43 einen Pass, den ROT 29 abfangen kann. Sie leitet den Gegenstoß ein, kann aber – gleichwohl das Tor leer – kein Treffer erzielen. Der Ball landet im Toraus. Da die Torhüterin BLAU 19 noch nicht im Torraum ist, holt BLAU 7 den Ball und legt diesem im Torraum ab (Situation im Video leider nicht sichtbar). Die Schiedsrichter geben daraufhin Time-out, damit die Torhüterin den Abwurf ausführen kann. Es sind noch 11 Sekunden zu spielen. Nachdem BLAU 19 im Torraum zum Abwurf bereit ist, pfeifen die Schiedsrichter das Spiel an und kurz danach ist auch die Hinausstellungszeit abgelaufen und Mannschaft BLAU kann wieder vervollständigen und schnell noch einen Angriff spielen.

Regeltechnische Einordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Wer entscheidet über die Spielzeit?

Grundsätzlich sind die Schiedsrichter für Spielzeitunterbrechungen zuständig. In bestimmten Situationen darf aber auch ein Zeitnehmer/Delegierter die Spielzeit unterbrechen.

Wann müssen bzw. sollen die Schiedsrichter Time-out geben?

Verbindlich bei ...

  • Strafen (Hinausstellung, Disqualifikation)
  • Team-Time-out
  • Pfiffen von Zeitnehmer/Delegiertem
  • notwendiger Rücksprache zwischen den Schiedsrichtern (gegensätzliche Entscheidungen)

Empfohlen bei ...

  • äußeren Einflüssen (z. B. Wischen)
  • scheinbar verletzten Spielern
  • erkennbaren Verzögerungen (durch Spieler, Ball fliegt weit ins Seitenaus usw.)
  • Ball berührt z. B. die Hallendecke und landet weit von der Stelle des Einwurfs entfernt
  • Wechsel eines Feldspielers mit einem Torwart zur Ausführung eines Abwurfes

Grundsätzlich zögert jede Spielzeitunterbrechung das Spielende hinaus! Je häufiger Time-out angezeigt wird, um so unberechenbarer wird der Zeitpunkt, wann nun tatsächlich das Spiel von der Uhrzeit her endet. Was bei Turnieren oder bei Spielen im unteren/mittleren Leistungsbereich bzw. bei Jugendspielen durchaus zu erheblichen Problemen führen kann (z. B. durch Verzögerung des Beginns nachfolgender Spiele in derselben Halle).

Konsequenzen

Bei Time-out-Entscheidungen, die im Ermessen der Schiedsrichter liegen, sollten daher folgende Grundsätze bzw. Situationen beachtet werden:

  • Die Dauer einer Spielzeitunterbrechung sollte möglichst kurzgehalten werden.
  • Bei Time-out-Entscheidungen, die im Ermessen der Schiedsrichter liegen, gibt es kein Automatismus.
  • Jede Situation ist anders. Die Schiedsrichter sollten deshalb immer Spielstand, Spielsituation (z.B. Überzahl, Unterzahl etc.) und Restspielzeit vor der Entscheidung berücksichtigen.
  • Niemals aber darf eine Mannschaft durch Verzicht auf eine Time-out-Entscheidung benachteiligt werden.
  • Ebenso sollte aber auch keine Mannschaft benachteiligt werden, wenn ein nicht erforderliches Time-out dennoch gegeben wird.
  • Auch nach 7-m-Entscheidungen sollte nur bei erkennbaren Verzögerungen (z. B. Auswechseln des Werfers oder Torwarts) und dann aber auch immer unter Beachtung der Spielsituation, Spielstand oder verbleibender Spielzeit auf Time-out entschieden werden. Ein Time-out beim Torwartwechsel nach einer 7-m-Entscheidung unterliegt also auch keinem Automatismus.

Ist die Entscheidung der Schiedsrichter im Beispiel korrekt?

Unter Heranziehung der vorgenannten Grundsätze ist das gegebene Time-out in diesem Beispiel nicht angebracht.

Mannschaft BLAU spielt in Unterzahl und mit leerem Tor (s. g. „empty goal“). Es ist kurz vor Ende der ersten Halbzeit, es sind nur noch wenige Sekunden zu spielen. Mannschaft BLAU liegt zudem mit einem Tor zurück. Mannschaft BLAU wird durch das Time-out bevorteilt, da sie jetzt noch knapp 11 Sekunden für einen Angriff haben (Mannschaft ROT wird dadurch benachteiligt). Daher ist hier bei der gezeigten Szene in der ersten Halbzeit auf jeden Fall ohne Time-out das Spiel mit Abwurf fortzusetzen. Die gleiche Situation wäre z. B. kurz vor Spielende und Mannschaft BLAU ist ein Tor vorne, völlig anders zu bewerten. Dann sollte zu diesem Wechsel sofort Time-out gegeben werden, denn dann wäre Mannschaft BLAU froh, wenn dann die Zeit abläuft. Wäre aber auch hier die Mannschaft im Rückstand, sollte dieser Fall auch ohne Time-out entschieden werden, denn sie haben freiwillig ohne Torwart gespielt.

Fazit

Bei Time-out-Entscheidungen, die im Ermessen der Schiedsrichter liegen, gibt es keinen Automatismus. Jede Situation ist anders zu bewerten und zu entscheiden.

Schiedsrichter sollten – übrigens ganz im Sinne des Spielflusses – mit Spielzeitunterbrechungen grundsätzlich sparsam umgehen.