Quelle: IMAGO/Jan Huebner

Theorie-Praxis-Graben oder Praxis-Theorie-Graben

Forschungsfragen gemeinsam entwickeln: Eine vergessene Selbstverständlichkeit – Ein Beispiel zur Identifikation praxisrelevanter Forschungsfragen im Schiedsrichter:innenwesen

Der viel zitierte Theorie-Praxis-Graben beschreibt aus der Perspektive der Sportwissenschaft ein fehlendes Verständnis der Sportpraxis für die sportwissenschaftlichen Erkenntnisse und deren fehlende Umsetzung in der Sportpraxis. Der Praxis-Theorie-Graben beschreibt aus der Perspektive der Sportpraxis ein fehlendes Verständnis der Sportwissenschaft für die Probleme der Sportpraxis und fehlende Erkenntnisse zur Verbesserung der Sportpraxis. Ein idealtypischer Dialog zwischen den unterschiedlichen Perspektiven sollte die Expertise beider Seiten anerkennen, d. h. das Bestreben, eine effektive Zusammenarbeit zu initiieren, bei der wissenschaftliche Erkenntnisse sinnvoll in die Praxis übertragen werden und umgekehrt praktische Probleme als Impulse für Forschungen dienen (Büsch, 2019). Die beidseitige Herausforderung besteht folgerichtig in der Etablierung einer konstruktiven Kommunikation zwischen Sportwissenschaftler:innen und Sportpraktiker:innen (Roth & Hossner, 1997).

Die Herausforderung wurde auch im Rahmen des erfolgreich durchgeführten Projekts „Diagnostik von Schiedsrichterentscheidungen im Handball unter Belastung“ zwischen den Handballschiedsrichter:innen des DHB und unserer Projektgruppe diskutiert (Bloß et al., 2021). In der abschließenden Veranstaltung wurden die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus dem Projekt mit allen Beteiligten thematisiert und diskutiert. Dabei wiesen die Handballschiedsrichter:innen auf die aus ihrer Perspektive zu geringe Beachtung von Schiedsrichter:innenthemen und –herausforderungen in der sportwissenschaftlichen Forschung hin. Um diesen wahrgenommenen Graben zu überbrücken und den Forderungen einer effektiven Zusammenarbeit zwischen Theorie und Praxis zu entsprechen, wurde unter dem Motto „Forschung aus der Praxis – für die Praxis“ erstmalig eine systematische Analyse der potenziellen Fragestellungen von Handballschiedsrichter:innen durchgeführt (Luig et al., 2024). Das Ziel war die Identifizierung und die anschließende Priorisierung praxisrelevanter Forschungsfragen aus dem Schiedsrichter:innenwesen des DHB unter Berücksichtigung unterschiedlicher Leistungsstufen.

Identifizierung und Priorisierung praxisrelevanter Fragestellungen

Zur Identifizierung praxisrelevanter Forschungsfragen wurden in einer ersten Phase neun leitfadengestützte Interviews mit vier Schiedsrichter:innen aus den DHB-Elite- und Nachwuchskadern sowie fünf DHB-Verantwortlichen aus dem DHB-Schiedsrichter:innenwesen geführt. In einer zweiten Phase wurde auf Basis der identifizierten Forschungsfragen eine anonymisierte Umfrage erstellt, die an die Schiedsrichter:innen der Elite- bis Nachwuchskader sowie an die Verantwortlichen des DHB-Schiedsrichter:innenwesens verteilt wurde. An der Umfrage nahmen insgesamt 52 Schiedsrichter:innen und/oder Verantwortliche im Schiedsrichter:innenwesen teil. Die Teilnehmer:innen hatten die Aufgabe, neben der Angabe, ob sie zu den Verantwortlichen oder den Schiedsrichter:innen (inkl. Kaderzugehörigkeit) gehören, die aus ihrer Sicht 10 wichtigsten Forschungsfragen aus den zuvor in den Interviews identifizierten Fragestellungen zu priorisieren, differenziert für Fragestellungen im Nachwuchs- bzw. Spitzenbereich.Die Ergebnisse wurden getrennt für Spitzen- und Nachwuchsschiedsrichter:innen analysiert, wobei jeweils über die zugeordneten Prioritäten eine Rangliste erstellt wurde. Die Forschungsfragen wurden nach der Häufigkeit ihrer Nennung auf den Positionen 1-10 der Umfrage eingeordnet: Die Forschungsfrage, die am häufigsten auf Position 1 gesetzt wurde, erreichte somit auch Position 1 auf der Rangliste. Dieses Verfahren wurde auch für die Positionen 2 bis 10 angewendet, sodass eine umfassende Prioritätenrangliste für die bedeutsamsten Forschungsfragen erstellt werden konnte.

Ausgewählte Ergebnisse

Im Folgenden werden die Top 3, der in den Interviews identifizierten und in der Umfrage priorisierten Forschungsfragen für die Spitzen- bzw. Nachwuchsschiedsrichter:innen, aufgeführt. 

Top 3 für Nachwuchsschiedsrichter:innen

  1. In welchen Bereichen der Persönlichkeit sollten Nachwuchs- bzw. Perspektivschiedsrichter:innen gefördert werden, um gute Leistungen zeigen zu können? (17-mal Platz 1)
  2. Wie kann die Leistung eines Nachwuchs- bzw. Perspektivschiedsrichter:innen objektiv besser beurteilt werden, um gezieltes Feedback zu individuellen Stärken und Schwächen zu geben? (16-mal Platz 2)
  3. In welchen Bereichen sollten Nachwuchs- bzw. Perspektivschiedsrichter:innen, in Anlehnung an ein Anforderungsprofil für Spitzenschiedsrichter:innen, geschult werden? (16-mal Platz 3)

Top 3 für Spitzenschiedsrichter:innen

  1. Können Schiedsrichter:innenentscheidungen (richtig/falsch) durch gezieltes Video-Training verbessert werden? (7-mal Platz 1)
  2. Wie könnten Spitzenschiedsrichter:innen trainiert werden, um in den letzten 5 Minuten eines Spiels Belastungen bewältigen zu können und gleichzeitig korrekte Entscheidungen zu treffen? (7-mal Platz 2)
  3. Wird die Spitzenschiedsrichter:innenleistung durch gezieltes Kommunikationstraining verbessert? (8-mal Platz 3)

Die weiteren Rangplätze für die identifizierten Fragestellungen können der nachfolgenden Tabelle entnommen werden.

Fazit

Das Ziel der vorgestellten Untersuchung bestand in der Identifizierung und Priorisierung praxisrelevanter Forschungsfragen, die aus der Perspektive der Schiedsrichter:innen (sport-)wissenschaftlich begleitet werden sollten. Die unterschiedlichen Ranglisten zwischen den Nachwuchs- und Spitzenschiedsrichter:innen verdeutlichen zum einen die Notwendigkeit für zukünftige Forschungsfragestellungen das Kaderniveau, d. h. das Expertiseniveau, ausdrücklich mit einzubeziehen. Zum anderen liegen die priorisierten Fragestellungen im Nachwuchsbereich in der Entwicklung eines allgemeinen Leistungs- und Persönlichkeitsprofil für Schiedsrichter:innen und im Spitzenbereich in der Entwicklung gezielter Trainingsmaßnahmen bzw. Interventionen zur Verbesserung leistungs- bzw. unmittelbar spielrelevanter Parameter wie z. B. Belastungssteuerung und Kommunikation auf dem „Feld“.  

Mit Blick nach vorn: Theorie und Praxis verbinden

Vor dem Hintergrund der eingangs erwähnten Theorie-Praxis- bzw. Praxis-Theorie-Herausforderung liefert der vorgestellte Ansatz einen Beitrag, wie in einem wertschätzenden Dialog sowohl die Sportpraxis als auch die Sportwissenschaft profitieren können.  Entsprechend wurde auf der Grundlage der Rangliste das nächste Forschungsprojekt im Schiedsrichter:innenbereich beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft beantragt. Im Rahmen des Projektes soll in einer ersten Studie zunächst die Entwicklung und das Training von Schiedsrichter:innen-Entscheidungen im Handball spezifischer untersucht werden. Anschließend sollen in so genannten Videoclubs Entscheidungen auf Basis der vorherigen Spieltage geschult und letztendlich verbessert werden. Diese beiden Studien fokussieren den ersten in der Umfrage identifizierten Schwerpunkt. In einer weiteren Studie soll mittels RefCams, d. h. Kameras, die die Schiedsrichter:innen im Spiel tragen und ihre Wahrnehmungsperspektive wiedergeben, geprüft werden, wie das Kommunikationsverhalten der verschiedenen Akteure ist. Insgesamt soll damit die vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit fortgesetzt und weiterführende Erkenntnisse für Praxis und Forschung gewonnen werden.

Literaturverzeichnis