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Stellungsspiel und Beobachtungsaufgaben bei Wurfaktionen von den Außenpositionen

Das Spiel ist schneller geworden, Abwehrformationen werden im Spielverlauf häufig verändert, variable Angriffssituationen, insbesondere durch den siebten Feldspieler, fordern die Schiedsrichter – da ist ein der jeweiligen Spielsituation flexibel angepasstes Stellungsspiel der Schiedsrichter eine ganz wesentliche Voraussetzung für richtige Entscheidungen. Dies trifft insbesondere bei Würfen von den Außenpositionen zu.

Gewinnt der Angriff im Rückraum einen Vorteil in der Bindung von gleich zwei Abwehrspielern, schließt sich häufig eine Überzahl bis hin zum Außenspieler an, der dann relativ frei zum Sprungwurf in den Torraum ansetzen kann. Gerade diese Situation ist eine Herausforderung für jeden Schiedsrichter. Viele Schiedsrichter haben hier keine gezielte Beobachtungsstrategie. Sie konzentrieren sich meistens – wenn überhaupt - nur auf zwei Punkte: Berührt der Außenspieler beim Absprung die Torraumlinie? Und: Überquert der Ball tatsächlich die Torlinie? Für freie Aktionen ohne Abwehrspieler reicht das i. d. R. aus. Aber um schnelle Aktionen des Außenangreifers und seines Abwehrspielers beurteilen zu können, reichen die beiden o. g. Beobachtungspunkte nicht mehr aus. Hier ist der Torschiedsrichter für die Beurteilung und Entscheidung gefordert und verantwortlich. Er muss sich auf wichtige Schlüsselpunkte konzentrieren.

Wie nun kann der Torschiedsrichter diese sehr schnell ablaufenden Aktionen aus kürzester Distanz detailliert beobachten?

1. Situationsentwicklung

Entscheidend für die Beurteilung und Bewertung ist die Ausgangslage: Ist der direkte Abwehrspieler des Außenangreifers wegen eines sich im Rückraum entwickelnden Überzahlspiels gezwungen, nach innen auszuhelfen, muss der Torschiedsrichter die weitere Entwicklung der Situation antizipieren:

  1. Wird der Ball zum jetzt freien Außenspieler gepasst, ist höchste Aufmerksamkeit geboten. Die Aufmerksamkeit beginnt aber schon mit dem Anlauf des Außenspielers (läuft er innerhalb des Spielfeldes oder nutzt er regelwidrig eine Position außerhalb des Spielfeldes für seinen Anlauf?) 
  2. Um einen besseren Beobachtungswinkel für die gesamte Situation zu bekommen und um diese sicher zu erfassen, muss der Torschiedsrichter seinen Standort, seine Position verändern. Die meisten Torschiedsrichter verharren wie „angewurzelt“ in ihrer Grundposition hinter der Torauslinie.
    Hinweis: Das Zurücksinken mit 1 bis 2 Schritten sollte diagonal in Richtung Tor oder Seitenlinie (je nach Situation) erfolgen, um so Distanz und Perspektive zum Geschehen optimal zu vergrößern!
    Wichtig: Der Torschiedsrichter sollte dabei nicht schräg (der Außenposition zugewandt) stehen, sondern weiterhin eine frontale Position zum Spielfeld einnehmen.
  3. Was macht der Verteidiger?  Der Torschiedsrichter muss auch das Bewegungsverhalten des Außenverteidigers beobachten: Läuft er regelwidrig durch den Torraum? Kann er die aus regeltechnischer Sicht richtige frontale Grundposition zum Außenangreifer noch erreichen (oder agiert er von der Seite)?
  4. Befindet sich der Torschiedsrichter auf der Seite der Wurfaktion eines Außenspielers, ist er im Prinzip auf sich allein gestellt.
  5. Passiert dies auf der Gegenseite, hat er im Prinzip zunächst eine für die Beobachtung günstige Grundposition. Oft versperrt aber der Torwart die Sicht für den Torschiedsrichter. Torwarte nehmen bei Erkennen einer Wurfsituation in der Regel eine offensivere Grundposition ein. 

Der Torschiedsrichter muss seine Grundposition daher rechtzeitig mit einem (kurzen) Schritt in den Torraum verändern! Nur dann kann er frühzeitig und gezielt den Anlauf und Absprung des Außenspielers sowie das Abwehrverhalten eines Gegenspielers (Lauf durch den Torraum, kurzer Stoß oder Festhalten des Außenspielers, Provozieren eines Angreiferfouls etc.?) beobachten.

Merke

Bei Wurfaktionen auf der gegenüberliegenden Außenposition sollte der Torschiedsrichter je nach Situation für einen kurzen Moment 1 bis 2 Meter in den Torraum gehen, um einen besseren Blickwinkel zu erreichen. Der ist höher einzuschätzen als die Gefahr, von einem abprallenden Ball getroffen zu werden. Hierbei ist aber vor dem Betreten des Torraums die vor einem liegende Außengruppe zu beobachten, da sonst das Einlaufen oder der Versuch eines Kempas womöglich zu spät erkannt werden.

2. Absprung in den Torraum

Im nächsten Schritt muss der Torschiedsrichter sich jetzt auf einen wesentlich kleineren, aber äußert wichtigen Beobachtungsaspekt konzentrieren: Berührt der Angreifer beim Absprung in den Torraum regelwidrig die Torraumlinie?

Dabei darf er aber weiterhin das Verhalten des Außenverteidigers, der sich in der Regel von der Seite aus auf den anlaufenden Außenangreifer zubewegt, nicht aus dem Blickwinkel verlieren. Um z. B. das Berühren des Torraums und die mögliche regelwidrige Aktion des Abwehrspielers von der Seite gezielt beobachten zu können, ist ein Blicksprung von unten nach oben erforderlich.

  • Läuft er regelwidrig durch den Torraum?
  • Blockt er den Wurf stehend im Torraum?
  • Will er – soweit möglich – ohne Körperkontakt nach außen laufen, nur um den Wurfwinkel für den Außenangreifer möglichst ungünstig zu gestalten oder ist seine Abwehrreaktion von vorneherein auf einen regelwidrigen Körperkontakt ausgerichtet?
  • Langer Schritt zu spät?

3. Körperkontakt

Im Absprung und/oder auch während der Flugphase muss der Torschiedsrichter beobachten, ob der Außenverteidiger – von der Seite agierend – regelwidrig Körperkontakt aufnimmt. Dabei muss der Torschiedsrichter sehr aufmerksam sein, da oft ein kleiner, kurzer Stoß von der Seite - meist gegen Hüfte oder Oberkörper – ausreicht, um den Werfer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Verschlechtert sich dadurch für den Angreifer der Wurfwinkel oder die Körperhaltung, muss der Torschiedsrichter zunächst den Vorteil abwarten, aber – je nach Auswirkung – das regelwidrige Verhalten des Abwehrspielers ahnden. Auch auf versteckte Fouls, wie z.B. das kurzfristige Festhalten eines Beines des im Sprung befindlichen Außenangreifers oder der sog. Fußheber muss der Schiedsrichter gefasst sein und sie erkennen.

4. Wurfausführung

In der nächsten Phase konzentriert sich der Torschiedsrichter auf die Wurfausführung. Dabei sind je nach Situation zwei weitere unterschiedliche Aspekte wichtig: 

  1. Fehlerquellen sind hier sogenannte "abgestandene" Würfe: Der Werfer berührte bereits den Torraum, bevor der Ball seine Hand verlassen hat. Um dies richtig erkennen zu können, ist die spezifische Position sowie Beobachtungs- und Bewegungsfolge des Torschiedsrichters notwendig.
  2. Versucht der Außenverteidiger noch im Sprung den Ball herauszuspielen? Gleichwohl dies im modernen Handball kaum noch eine praktische Relevanz hat, ist gerade der Aspekt dann oft sehr schwer zu beurteilen. Ein Tipp: Spielt der Verteidiger den Ball mit der offenen Hand (!) so, dass dieser fast senkrecht nach oben oder Richtung Spielfeld weggespielt wird, liegt meist eine regelgerechte Abwehraktion vor.

5. Ball über die Torlinie oder nicht?

Erst jetzt, also wesentlich später als dies oft vor allem Schiedsrichteranfänger tun, konzentriert sich der Torschiedsrichter auf das Tor, um zu prüfen, ob der Ball wirklich die Torlinie überquert hat. Dabei darf er die vorangegangenen Beobachtungsergebnisse nicht außer Acht lassen, um regelwidrige Aktionen des Außenverteidigers nachträglich (nach Vorteilsgewährung) zu ahnden.

Eine derart komplexe und notwendige Beobachtungsstrategie gelingt natürlich nur mit viel Übung und Erfahrung.

Ein Tipp: Üben Sie das doch mal beim Wurftraining der Mannschaften Ihres Vereins.

FAZIT FÜR DEN TORSCHIEDSRICHTER

Nicht wie ein Denkmal starr in der Grundposition an der Torauslinie verharren!

Je nach Situation ist die Grundposition zwecks besserer Beobachtungsperspektive nach vorn in den Torraum (bei Würfen von der entgegengesetzten Außenposition) oder nach hinten bzw. zur Seite zu verändern! Dazu muss auch die frontale Position verlassen werden.

Immer frontal zum Spielfeld stehen. Keine Drehungen, da sonst zeitweise kein Blickkontakt zum gesamten Spielgeschehen besteht!

Nachfolgend die Anweisungen für die Schiedsrichter in den Bundesligen, die so auf den Sommerlehrgängen 2023 kommuniziert wurden:

  • Bewertung als klare Torgelegenheiten = 7-Meter-Wurf; falls nicht = Freiwurf
  • Kempa-Situationen dürfen nicht die SR*innen überraschen: missglückte Kempa-Versuche = Abwurf
  • Ist der Abwehraußen zuerst am Ort und der Angreifer läuft/springt auf = Stürmerfoul bzw. Freiwurf für die Abwehr

Sanktionen

  • Fouls ohne Auswirkungen (Versuch den Ball zu spielen) = persönliche Ansprache und Grenzen setzen.
  • Wurfarmgriffe und Hüft-/Oberschenkelblockaden mit Auswirkungen = direkte Hinausstellungen
  • Die vorgenannten Fouls mit gesundheitsgefährdenden Ausmaßen (z. B. Wurfarmbeuge, Destabilisierungen etc.) sind Disqualifikationen ohne Bericht (8:5) – dazu gehören auch „versuchte“ Fußheber.
  • Absichtlich herbeigeführte Destabilisierungen (z. B. vollzogene Fußheber) mit Verletzungsfolge sind Disqualifikationen mit Bericht (8:6).
  • Weitere Auslöser: Abwehrspieler ist zu spät und versucht auszugleichen, obwohl Angreifer schon seine Wurfhandlung (inkl. Anlauf) gestartet hat („langer Schritt“) – mindestens Hinausstellung.
  • Klarstellung: jedes Foul mit Destabilisierung als Folge ist eine Disqualifikation ohne Bericht (8:5).