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„So etwas kann jedem Schiedsrichter bis in die höchsten Ligen passieren.“

Ob ein verlorener Schuh, eine zerbrochene Pfeife oder ein Kreisliga-Spiel im Bundesliga-Trikot: So manch kurioses Erlebnis ihrer Karriere werden die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter des Deutschen Handballbundes nicht vergessen. Sechs von ihnen erinnern sich hier an je eine Anekdote – und berichten, welche Erkenntnis sie daraus für sich mitgenommen haben.

Simon Reich

Foto: IMAGO/Eibner

Simon Reich pfeift gemeinsam mit Hanspeter Brodbeck im Elitekader des Deutschen Handballbundes. Die beiden Freunde sind seit 20 Jahren gemeinsam als Schiedsrichter unterwegs.

Hanspeter und ich hatten ein spielfreies Wochenende, als mich mein Heimatverein anrief: Der Schiedsrichter für das morgige Spiel habe abgesagt – ob ich nicht einspringen könnte, sonst müsste das Spiel ausfallen. Ich bin also zu der Halle gefahren, in der ich früher selbst gespielt habe, und habe das Spiel gepfiffen – ein Männerspiel auf Kreisebene im Bundesliga-Trikot, denn ich habe kein anderes Schiedsrichtertrikot mehr daheim.

Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, als Einzelschiedsrichter jedes Tor pfeifen zu müssen, hat es unglaublich Spaß gemacht. Es gab eine Situation, in der ich wahrscheinlich alles hätte pfeifen können: Freiwurf, Fuß, Stürmerfoul, Schritte. Ich wusste echt nicht weiter. Also bin ich zu dem Pulk an Spielern, die dort standen und lagen, und habe gesagt: „Jungs, ich weiß gerade wirklich nicht, was ich pfeifen soll, lasst uns mit Freiwurf weitermachen.“ Sie haben alle gelacht und waren einverstanden, keiner hat diskutiert.

Das Spiel war übrigens bis zum Schluss eng. Der Gastverein hat dann mit einem Tor verloren, aber da sie in letzter Sekunde einen Gegenstoß verworfen haben, war ich trotzdem fein raus. Nach Abpfiff kamen die Gäste zu mir und sagten: „Machst du das mit dem Pfeifen öfter? Wir haben dich bisher noch nie gesehen, aber du hast super gepfiffen.“

Das Lob hat mich natürlich gefreut – und mir noch einmal gezeigt, dass es für einen Schiedsrichter eigentlich egal sein sollte, ob er Bundesliga oder Bezirksliga pfeift. Auch die Jungs und Mädels an der Basis haben Anspruch auf eine neutrale und bestmögliche Schiedsrichterleistung. Die Moral von der Geschichte ist daher klar: Nehmt als Schiedsrichter jedes Spiel ernst, das ihr bekommt – und lasst euren Heimverein nicht im Stich, wenn er euch braucht!

Christian vom Dorff

Foto: IMAGO/Joachim Sielski

Christian vom Dorff bildet gemeinsam mit seinem Bruder Fabian ein Gespann. Seit 2018 gehören sie dem Elitekader des Deutschen Handballbundes an.

Es war eigentlich eine Situation wie aus dem Lehrbuch: Der Rückraumspieler geht zum Wurf hoch, wird gestoßen und landet auf dem Rücken. Es war eine klare Zeitstrafe – und als Feldschiedsrichter meine Aufgabe, diese zu geben. Doch während ich das Time-out geben will, merke ich, dass etwas nicht stimmt.

Im ersten Moment dachte ich, ich hätte mir die Achillessehne gerissen – genau so hatte ich mir das vorgestellt. Das war es zum Glück nicht, ich hatte lediglich meinen Schuh verloren; er blieb am Boden kleben. Das war für mich jedoch erst einmal eine Nebensache, ich musste ja den Stoß ahnden. Ich habe also möglichst unbeeindruckt – wenn auch mit nur einem Schuh – die Zeitstrafe gegeben.

Der Außenspieler des Wilhelmshavener HV war so freundlich, mir den Schuh zu reichen: Er hatte ihn sogar für mich aufgeschnürt. Und das Spiel lief normal weiter. Ich kann daher jedem Schiedsrichter nur raten: Zieh dein Ding durch – ob mit oder ohne Schuh.

Matthias Brauer

Foto: IMAGO/Christian Schroedter

Matthias Brauer leitete gemeinsam mit Kay Holm 831 Spiele für den Deutschen Handballbund. Im August 2017 beendete das Duo seine Karriere an der Pfeife. Brauer ist aktuell als Delegierter in der LIQUI MOLY HBL und als Coach in der 3. Liga im Einsatz.

Es war eins der letzten Spiele in der Saison: SC Magdeburg gegen GWD Minden. Als wir angesetzt wurden, ging es für beide Mannschaften noch um alles, sodass die Brisanz vorprogrammiert schien. Zum Zeitpunkt des Spiels war die Entscheidung allerdings schon gefallen: Der SCM war sicher für den Europapokal qualifiziert, Minden hatte den Klassenerhalt sicher.

Entsprechend gut war die Stimmung bei beiden Mannschaften und sie haben den Fans ein schönes Spiel geboten. Alle auf dem Feld – uns inklusive – hatten Spaß. Es war eine körperbetonte, aber sehr faire Partie. Bis zur Schlussminute gab es nicht eine Zeitstrafe, doch dann wurde Bartosz Jurecki am Kreis gefoult. Es war ein klarer Griff in den Wurfarm. Der Abwehrspieler hat sich sofort entschuldigt, aber regeltechnisch war es eindeutig ein Siebenmeter – und (eigentlich) eine Hinausstellung.

Ich war Torschiedsrichter und habe den Siebenmeter gegeben – und nichts weiter. Bartosz, der immer ein klasse Sportsmann war und den ich sehr geschätzt habe, stand auf und guckte mich an. Er hat keinen Ton gesagt, aber ihm stand die Frage auf die Stirn geschrieben: Warum gibt es keine Bestrafung?

Zu dem Zeitpunkt war noch weniger als eine Minute zu spielen, der SCM hat deutlich geführt, es war alles entschieden. Ich bin also zu Bartosz gegangen und habe ihm sinngemäß gesagt: „Du hast ja völlig recht, aber gönn uns nach so vielen Jahren einmal das Vergnügen, ein Spiel in der 1. Bundesliga ohne Zeitstrafe zu Ende zu bringen.“ Er hat nur gegrinst und abgeklatscht, damit war es für ihn abgehakt.

Mit der Entscheidung, das Regelwerk so auszulegen, muss man als Schiedsrichter verdammt vorsichtig sein und ich kann es zur Nachahmung ausdrücklich nicht empfehlen. Denn betrachtet man diese Szene singulär, ohne den Kontext des Spiels, war die Entscheidung eine Vollkatastrophe; eine Zeitstrafe wäre regeltechnisch ein Muss gewesen.

Aber ich glaube, die Szene zeigt auch, wie wichtig es ist, die Stimmung auf dem Spielfeld zu erfühlen. Humor kann im passenden Moment einer Situation die Spannung nehmen und wer sich als Schiedsrichter als ein Teil des Spiels versteht und mit den Spielern auf Augenhöhe agiert, statt seine ‚Machtposition‘ auszunutzen, wird mit Akzeptanz belohnt.

Laura Bley

Foto: DHB

Laura Bley und Birgit Tarka pfeifen aktuell im Aufstiegskader der 3. Liga. Sie kommen seit dieser Saison sowohl in der 3. Liga der Frauen als auch der 3. Liga der Männer zum Einsatz. 

Als wir einmal in der Qualifikation zur weiblichen Jugendbundesliga gepfiffen haben, ist mir – ohne Witz – die Pfeife zerbrochen. Ich wollte einen Freiwurf pfeifen, aber hatte plötzlich nur einen Bruchteil meiner Pfeife in der Hand. Der Rest lag zersplittert auf dem Boden. Ich war völlig perplex und wusste nicht, was da gerade geschehen ist.

Birgit hat die Situation gerettet, indem sie Time-out gegeben hat. So konnte ich die Einzelteile vom Boden aufsammeln; die Spielerinnen haben geholfen. Zum Glück habe ich eine zweite Pfeife in der Hosentasche, seitdem ich einmal meine Pfeife nach einer Auszeit am Kampfgerichtstisch liegen gelassen hatte. So konnte es direkt weitergehen.

Birgit und ich haben bis heute jede zwei Pfeifen dabei – und wenn wir vor dem Spiel kontrollieren, ob wir alle Karten eingesteckt haben, überprüfen wir auch die zweite Pfeife. Auch wenn wir sie seitdem nie gebraucht haben: Sicher ist sicher.

David Hannes

Foto: IMAGO/RHR-Foto

David Hannes und sein Bruder Christian gehören nicht nur dem Elitekader des Deutschen Handballbundes an, sondern sind auch auf internationalem Parkett unterwegs. Bis heute pfeift das Duo für seinen Heimatverein TuS Reichshof.

Wir sind große Fans davon, Kinder und Jugendliche in den Vereinsalltag einzubinden – ob beim Kuchenstand, am Kampfgericht oder als Wischer. Bei einem Einsatz in der Jugendbundesliga sind wir allerdings an eine Grenze gestoßen: Gemäß der Regularien müssen Wischer in der Jugendbundesliga mindestens 14 Jahre alt sein. Wir hätten natürlich nie im Leben Ausweise kontrolliert, aber die beiden bei diesem Spiel als Wischer vorgesehenen Kinder waren sichtlich zu jung. Sie waren vielleicht sechs Jahre alt, der Wischer war größer als die Kinder selbst.

Wir haben den Heimverein mehrfach darauf hingewiesen – in der technischen Besprechung, nach dem Warmmachen, beim Einlaufen, direkt vor dem Anpfiff – und darum gebeten, ältere Wischer zu stellen, aber es änderte sich nichts. Die beiden Kinder waren dann, wenig überraschend, auch überfordert, weil der Wischer einfach zu groß für sie war. Sie konnten überhaupt keinen Druck aufbringen, um den Boden tatsächlich zu wischen.

Obwohl wir den Mannschaftsverantwortlichen selbst im Spiel noch einmal darauf hinwiesen und er eine Lösung zur zweiten Halbzeit versprach, änderte sich nichts. Daher waren wir gezwungen – auch darauf hatten wir mehrfach hingewiesen –, es im Spielbericht zu vermerken, was eine finanzielle Strafe nach sich ziehen würde. Um es kurz zu machen: Das Verständnis war weder beim Mannschaftsverantwortlichen noch bei einigen Eltern sonderlich groß und wir mussten uns einiges anhören.

Obwohl wir dem Verein genügend Chancen eingeräumt hatten, die Situation zu lösen, hatten wir ein richtig schlechtes Gewissen, als wir endlich in der Kabine ankamen. Der Betreuer der Heimmannschaft ist mit uns reingegangen und hat die Tür hinter uns geschlossen. Wir haben damit gerechnet, dass die Tiraden jetzt weitergehen, doch er hat uns überrascht: „Endlich! Endlich trägt es jemand ein. Ich liege meinem Trainer schon seit langer Zeit in den Ohren, dass die ganz Kleinen nicht bei einem Jugendbundesligaspiel wischen können, aber er hört einfach nicht auf mich.“

Wir waren natürlich sehr erstaunt, aber fanden als gleichzeitig ein bisschen witzig – und wir waren froh, dass wir ihm, wenn auch ungewollt, geholfen haben. Es ist so wichtig, die richtigen Leute zu unterstützen – Betreuer und Eltern, die daran interessiert sind, dass unser Handball für alle fair und gerecht abläuft und die dafür sorgen, dass Kinder Aufgaben erhalten, die sie nicht überfordern.

Uns hat diese Situation auch noch einmal geholfen zu erkennen, wie wichtig eine Unterscheidung ist. Es gibt Situationen, in denen es auch für Schiedsrichter angemessen ist, mal alle Fünfe gerade sein zu lassen. Aber es gibt auch Situationen, in denen man sich gegen Widerstand durchsetzen muss – wie bei dieser Szene in der Jugendbundesliga, die einen professionellen Anspruch hat, weil dort unsere Stars von morgen spielen.

Niels Wienrich

Foto: IMAGO/Beautiful Sports

Niels Wienrich und Julian Fedtke bilden eins der jüngsten Gespanne, das aktuell in der LIQUI MOLY HBL zum Einsatz kommt. Die beiden Berliner gehören dem Elite-Anschlusskader des Deutschen Handballbundes an.

Als ich zum ersten Mal gemeinsam mit Julian gepfiffen habe, war ich 16 Jahre alt. Es war ein Spiel in der untersten Liga der weiblichen A-Jugend, wir kannten uns vorher nicht. Und, so ehrlich müssen wir wohl sein: Es lief nicht sonderlich gut. Ich war aufgeregt und habe einer Spielerin bei der ersten Verwarnung statt der Gelben Karte die Spielnotizkarte gezeigt.

Julian war völlig perplex, aber es war einfach im Affekt – ich als Linkshänder ziehe die Gelbe Karte immer aus der rechten Brusttasche, das ist ein Automatismus. Nur diesmal steckte dort, ich war ja aufgeregt, eben die Spielnotizkarte. Das ist einfach dumm gelaufen. Trotz dieses Fauxpas’ haben wir uns zusammengerauft – auch wenn ich bis heute vor jedem Spiel kontrolliere, dass ich die Gelbe Karte wirklich in der rechten Hemdtasche habe und die Spielnotizkarte links steckt.

Geschichten wie diese kursieren unter Schiedsrichtern immer wieder – ein Kollege hat auch mal die Blaue statt die Gelbe Karte gezeigt, weil er beide in den Brusttaschen hatte. Daran sieht man, dass so etwas jedem Schiedsrichter bis in die höchsten Ligen passieren kann. Ich kann daher gerade Anfängern an der Pfeife nur empfehlen: Lasst euch von kleinen Fehlern nicht entmutigen – das Pfeifen ist das schönste Hobby der Welt.