Quelle: DHB

Situation nach dem vierten Pass – ein Problem für die Schiedsrichter?

Das Vorwarnzeichen gibt der angreifenden Mannschaft das Signal, dass sie ihre Angriffsweise umstellen muss, um den Ballverlust zu vermeiden. Falls sich die Angriffsweise nach dem Anzeigen des Vorwarnzeichens nicht ändert, können die Schiedsrichter jederzeit auf passives Spiel entscheiden, spätestens jedoch, wenn nach 4 Pässen kein Torwurf ausgeführt wurde (7:12).

Die Schiedsrichter dürfen allerdings das Recht, „jederzeit“ auf passives Spiel entscheiden zu können, nicht dahingehend auslegen, dass es in ihrem beliebigen Ermessen liegt, wann die Entscheidung erfolgt. Im Hinblick auf eine möglichst hohe Objektivität sollten sie im Regelfall die erlaubten 4 Pässe zulassen.

Was ist aber, wenn nach dem 4. Pass z.B. noch ein Freiwurf auszuführen ist? Was ist nach dem 4. Pass noch und was ist nicht erlaubt? Dass es nicht immer einfach ist, zeigen die heutigen zwei Beispiele.

Was in Video 1 geschieht

Mannschaft GRÜN ist im Angriff. GRÜN 44 spielt den Ball zum RR. Mit Ballannahme von GRÜN 10 zeigt zunächst der Feldschiedsrichter und unmittelbar danach auch der Torschiedsrichter das Vorwarnzeichen für passives Spiel (Handzeichen 17) an. GRÜN 10 geht in Richtung Deckung von Mannschaft WEISS und wirft auf das Tor. Die Schiedsrichter entscheiden dann auf Freiwurf GRÜN. Regeltechnisch ist bisher kein zählbarer Pass gespielt worden. Dies zeigt der Feldschiedsrichter auch an (noch 4 Pässe). GRÜN 8 führt den Freiwurf aus, indem er den Ball zu GRÜN 23 passt (1. zählbarer Pass). GRÜN 23 geht in die Deckung, kann aber den Ball noch zu GRÜN 10 passen, der ihn auch aufnimmt (2. zählbarer Pass) und sofort zum RA GRÜN 75 passen will. Der Ball kommt aber nicht bei GRÜN 75 an, sondern wird durch die Abwehr WEISS abgefangen. Die Schiedsrichter entscheiden aber auf Freiwurf für Mannschaft GRÜN. Nach einem Time-out geht das Spiel mit der Freiwurfausführung weiter. GRÜN 8 passt nach dem Anpfiff den Ball zu GRÜN 5 (3. zählbarer Pass), der versucht in Richtung Tor zu gehen. Die Schiedsrichter entscheiden erneut auf Freiwurf Mannschaft GRÜN. Regeltechnisch darf noch ein Pass gespielt werden. GRÜN 23 führt den Freiwurf aus und passt den Ball zu GRÜN 5, der nunmehr werfen muss. Der Versuch wird aber durch die Abwehr unterbrochen und die Schiedsrichter entscheiden erneut auf Freiwurf. Mannschaft GRÜN hat jetzt noch einen weiteren Pass, der durch die Ausführung des Freiwurfs von GRÜN 23 auf GRÜN 5 gespielt wurde. GRÜN 5 kommt nunmehr unbedrängt zum Torwurf. Der Wurf wird aber geblockt und gelangt zum Torwart 12 GRÜN, der sich in der eigenen Hälfte befindet. Als GRÜN 12 den Ball zu GRÜN 75 passt, entscheiden die Schiedsrichter auf Freiwurf Mannschaft WEISS.

Beispiel 2

Quelle: DHB

Was in Video 2 geschieht

Mannschaft ROT ist im Angriff. Die Schiedsrichter zeigen – nach kurzer Abstimmung – das Vorwarnzeichen für passives Spiel (Handzeichen 17) bei Ballbesitz ROT 9 an. ROT 9 spielt den Ball zu ROT 21 (1. zählbarer Pass), der nach einem Wechsel den Ball wieder zu ROT 9 spielt (2. zählbarer Pass). ROT 9 spielt dann den Ball wieder zu Rückraum Mitte ROT 21 (3. zählbarer Pass). ROT 21 versucht auf das Tor zu werfen, wird aber von GELB 7 regelwidrig von der Seite beeinträchtigt. Die Schiedsrichter entscheiden dann Freiwurf Mannschaft ROT. Regeltechnisch ist noch ein Pass möglich. ROT 10 führt den Freiwurf aus. Er spielt den Ball zu ROT 21 (4. zählbarer Pass), der unbedrängt werfen kann. Der Ball wird aber durch Mannschaft GELB geblockt. Der Ball gelangt daraufhin zu ROT 10. Die Schiedsrichter entscheiden in den Wurf hinein auf Freiwurf Mannschaft GELB.

Regeltechnische Eindordnung von Kay Holm, Leiter Bereich Lehre im DHB-Schiedsrichterwesen

Anzeigen des Vorwarnzeichens bei tendenziell Passivem Spiel

Wird eine Tendenz zum passiven Spiel erkennbar, wird das Vorwarnzeichen (Handzeichen Nr. 17) gezeigt. Dies gibt der ballbesitzenden Mannschaft die Gelegenheit, die Angriffsweise umzustellen, um den Ballverlust zu vermeiden. Wird von der angreifenden Mannschaft nach vier Pässen kein Torwurf ausgeführt, wird auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft entschieden.

Was ist ein zählbarer Pass und was nicht als Pass gezählt wird, geht aus der Schulungshilfe (Regelheft Anhang 3) eindeutig hervor.

Wichtig sind dabei auch die weiteren Hinweise zur maximalen Anzahl von Pässen mit der Unterscheidung von Situationen vor dem erfolgten 4. Pass und den Situationen und Möglichkeiten nach dem erfolgten 4. Pass:

Vor dem erfolgten vierten Pass:

  • Erhält die angreifende Mannschaft während der Anzeige des Vorwarnzeichens einen Freiwurf oder Einwurf, hat dies keine Auswirkung auf die gesamte Anzahl Pässe.
  • Gleiches gilt, wenn ein Pass oder ein Torwurf durch einen Feldspieler der abwehrenden Mannschaft geblockt wird und der Ball zur angreifenden Mannschaft gelangt.

Nach dem erfolgten vierten Pass:

  • Wird nach dem 4. Pass auf Freiwurf, Einwurf oder Abwurf für die angreifende Mannschaft entschieden, hat die Mannschaft die Möglichkeit, die Ausführung des Wurfes mit einem weiteren Pass zu verbinden, um den Angriff abzuschließen. Mit dieser Regelung soll verhindert werden, dass ein Freiwurf oder Einwurf (im Extremfall aus der Ecke) als direkter Torwurf ausgeführt werden muss. 
  • Einen Zusatzpass gibt es ebenfalls, wenn ein nach dem 4. Pass erfolgter Wurf von der abwehrenden Mannschaft geblockt wird und der Ball danach zu einem Spieler der angreifenden Mannschaft oder ins Seiten- bzw. Toraus gelangt. 

Wichtig:

Die vorstehende Regelung gilt auch, wenn zuvor bereits ein zusätzlicher Pass zu gewähren war und der neuerliche Wurf ebenfalls nach einem Block der abwehrenden Mannschaft zur angreifenden zurückgelangt. Die Bestimmungen zur Handhabung des zusätzlichen Passes sind bei Vorliegen der regeltechnischen Voraussetzungen auch mehrfach hintereinander anwendbar. 

Fazit

In beiden Situationen haben die Schiedsrichter nicht regelgerecht entschieden. In Beispiel 1 war der Pass vom Torwart GRÜN 12 zu GRÜN 75 regelgerecht. Ebenfalls regelgerecht war im Beispiel 2 die Ballaufnahme von ROT 10 und der Torwurf mit Torerfolg.

Mit der Verkürzung auf nur noch vier Pässe hat sich eigentlich nur die Anzahl der Pässe geändert. Alles andere ist gleichgeblieben. Dennoch scheint die Regelung nach dem 4. Pass den Schiedsrichtern noch Probleme zu bereiten.

Mit Beachtung der Regeln nach dem 4. Pass sollte es zukünftig keine Probleme mehr geben.

Praxistipps

Anzeige des Vorwarnzeichens

Die Schiedsrichter müssen sich hier bei der Erkennung von Tendenzen zum passiven Spiel gut abstimmen. Sie sollten/müssen vorher schon Blickkontakt aufnehmen und sich ggf. durch ein verabredetes Signal verständigen, dass das Vorwarnzeichen für Passives Spiel fällig ist. Auch wenn gemäß Erläuterung 4C beide Schiedsrichter als erste das Vorwarnzeichen anzeigen können, kann in der Praxis die Initiative nur vom Feldschiedsrichter ausgehen.

Der Feldschiedsrichter muss darauf achten, den Arm nur dann zu heben, wenn ein Spieler Ballkontrolle hat und der Ball sich nicht in der Luft befindet, damit der Beginn des Zählens eindeutig ist.  Auf jeden Fall sollte der Torschiedsrichter das Vorwarnzeichen umgehend ebenfalls (am besten beide zeitgleich) anzeigen.

Zählen der Pässe

Nur der Feldschiedsrichter zählt die Anzahl der gespielten Pässe. Würde dies der Torschiedsrichter übernehmen, müsste er die ballführenden Spieler im Auge halten und würde seine Aufgabe, das Torraumgeschehen zu beobachten, vernachlässigen.