Maike Merz und Tanja Kuttler (Quelle: IMAGO/wolf-sportfoto)
Sieben Tipps für den Einstieg in die Videoanalyse für Schiedsrichter
Als Tanja Kuttler und Maike Merz sich ihr erstes eigenes Spiel im Video anguckten, pfiffen die beiden Schwestern noch in der Bezirksliga. „Wir haben das privat organisiert, die Bildqualität war eher mäßig“, erinnern sie sich heute mit einem Schmunzeln. So blieb es zunächst ein einmaliger Versuch, erst ab der 3. Liga wurde die Videoanalyse ein fester Bestandteil ihres Schiedsrichteralltags.
„Eine regelmäßige Arbeit mit dem Video gab es bei uns nicht, das hat gefehlt“, sagt Kuttler heute rückblickend. „Es ist von Anfang an sinnvoll“, betont auch Merz. „Man muss sich erst daran gewöhnen, sich selbst auf Video zu sehen und damit zu arbeiten, aber danach sieht man schnell Ergebnisse.“ Aber worauf müssen junge Schiedsrichter bei der Videoanalyse achten?
Tipp 1: Beim Filmen auf Bildqualität und Perspektive achten!
Entscheidend für eine gute Videoanalyse sind aus Sicht von Kuttler und Merz vor allem zwei Punkte: Die Qualität des Bildmaterials sowie die inhaltliche Herangehensweise an die Arbeit mit dem Video. „Voraussetzung für eine hilfreiche Videoanalyse ist ein gutes Video“, betont Merz. Damit ist nicht nur die technische Qualität bzw. die Auflösung gemeint, sondern auch die Perspektive der Aufnahme.
„Mit einer Handykamera lässt sich jedes Spiel heutzutage quasi problemlos filmen, aber gerade am Anfang achtet man beispielsweise oft nicht darauf, dass tatsächlich beide Gespannpartner zu sehen sind“, erklärt Kuttler. Über das Stellungsspiel könne man anschließend jedoch eben nur sprechen, wenn auch beide Schiedsrichter zu sehen sind.
Auch die Perspektive ist entscheidend. Vereine filmen ihre Spiel in der Regel mit einer Führungskamera, die auf Höhe der Mittellinie steht. Das ist auch die übliche Perspektive, mit der Kuttler/Merz arbeiten. „Man muss bei der Arbeit mit dem Video jedoch im Hinterkopf haben, dass nicht alles auf dem Video zu sehen ist“, sagt Kuttler. „Ein Stoßen im Rücken sehen wir aus der Führungskamera nicht, aber wenn wir uns die Szene im Fernsehbild aus der Hintertorperspektive anschauen, ist es deutlich zu erkennen. Das muss man berücksichtigen.“
Ein teures Schnittprogramm ist für die Videoanalyse indes nicht notwendig. „Mit den üblichen Videoplayern lassen sich Szenen ausschneiden oder in Slow Motion abspielen“, sagt Kuttler. „Das reicht für den Anfang völlig.“
Tipp 2: Am Anfang Schwerpunkte für die Videoanalyse festlegen!
Der zweite Punkt, der für Neulinge bei der Videoanalyse wichtig ist, ist die Herangehensweise. „Wenn man von Anfang an alles im Blick behalten will, wird es schief gehen“, warnt Merz. „Es ist gerade am Anfang sinnvoll, sich zuerst ein oder zwei Schwerpunkte herauszusuchen und dann speziell darauf zu achten.“
Generell gelte ein Grundsatz: Am Anfang geht es vor allem um die Grundlagen - das ist als Schiedsrichter auf dem Feld so und auch in der Videoanalyse. „Wir sind in der Videoanalyse sehr detailverliebt und setzen in einem Video bis zu 80 Markierungen“, sagt Merz. „Je höher man pfeift, umso feiner wird die Auseinandersetzung. Am Anfang muss man daher aufpassen, sich nicht zu verzetteln - auch dabei helfen die Schwerpunkte.“
Tipp 3: Eigene Wirkung vor Regelkunde
Dabei empfiehlt es sich aus Sicht der Schwestern, zunächst weniger auf die Regeltechnik Wert zu legen, sondern erst einmal das eigene Auftreten unter die Lupe zu nehmen. „Gerade am Anfang ist das Video vor allem hilfreich, um an sich selbst zu arbeiten“, rät Kuttler. „Man erlebt so das erste Mal, welche Wirkung das eigene Auftreten beispielsweise auf die Spieler hat.“
So kann man gezielt an den eigenen Schwächen arbeiten. „Ich musste am Anfang lernen, wie man die gelbe Karte zeigt“, erinnert sich Merz. „Wenn sich schlechte Angewohnheiten erst einmal eingeschlichen haben, ist es umso schwerer, sie abzulegen. Sich auf dem Video zu sehen, kann dafür ein wichtiger Schritt sein.“
Am eigenen Auftreten und der Körpersprache zu feilen, ist ein immens wichtiger Baustein, um erfolgreich zu pfeifen. „Man sieht im Video sofort, was man durch seinen Körper vermittelt“, führt Kuttler aus. „Als Schiedsrichter weißt du in der Regel, bei welchen Pfiffen man unsicher war. Wenn man dann auf dem Video sieht, dass man in so einer Situation einen Schritt rückwärts macht oder der Blick weggeht, weiß man, woran man arbeiten muss, um den unsicheren Pfiff genauso gut zu verkaufen wie den sicheren Pfiff.“
Tipp 4: Warum statt wer!
Sobald ein Schiedsrichter sich neben dem Auftreten mit Stellungsspiel oder Regeltechnik beschäftigt, muss er sich mit den eigenen Fehlern auseinandersetzen, denn ein fehlerloses Spiel gibt es nicht. „Bei der Videoanalyse ist allerdings nicht entscheiden, wer etwas falsch gemacht, sondern warum“, betont Merz. „Nur so kann man verhindern, dass sich der Fehler wiederholt.“
Beschäftigt man sich zum Beispiel unter dem Blickpunkt Stellungsspiel mit einem falschen Pfiff, müsse man sich fragen: Warum haben wir diese Entscheidung falsch getroffen? Waren wir konditionell nicht auf der Höhe? Haben wir einen Meter zu weit links oder rechts gestanden? Oder haben wir im Gespann eine unterschiedliche Regelauffassung?
„Es sollte ein konstruktiver Dialog zustande kommen“, unterstreicht Merz. „Der Fehler ist passiert, er lässt sich nicht mehr ändern und eine Schuldzuweisung hilft nicht. Es geht darum, denselben Fehler in der Zukunft nicht noch einmal zu machen.“
Tipp 5: Geht die Videoanalyse gemeinsam an
Während einige Schiedsrichterkollegen die Videos einzeln schauen, bemühen sich Kuttler und Merz um eine gemeinsame Analyse. „Wir können es nur empfehlen, das Video im Team zu schauen - gerade für Schiedsrichter, die noch kein Headset haben und daher auf dem Feld nicht miteinander sprechen können“, sagt Kuttler.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Schaut man das Spiel gemeinsam, kann man die kniffligen Szenen sofort diskutieren. „Wir stoppen das Video in solchen Fällen immer sofort und sprechen direkt darüber“, sagt auch Merz. Außerdem hilft es, um sich als Team zu entwickeln und die gemeinsame Spielauffassung zu vertiefen.
Tipp 6: 60 Minuten statt einzelner Szenen
Neben der Frage, ob man das Video einzeln oder als Gespann schaut, gibt es auch in einem weiteren Punkt zwei Herangehensweisen unter Schiedsrichtern: Schaut man sich „nur“ die kniffligen Szenen an oder das ganze Spiel?
Kuttler und Merz sind klare Verfechter der zweiten Variante. „Nur, wenn man ein Spiel vom Anfang bis zum Ende schaut, bekommt man ein Gefühl für die Partie und die eigene Linie“, sagt Merz. „Wenn ich eine einzelne Szene habe, kann die Entscheidung zwar vom Regelbuch her richtig sein, aber trotzdem nicht zur Linie passen.“
Die Schwestern schauen daher in der Regel alle Partien komplett, „denn es fällt uns immer wieder etwas auf, was wir nicht gesehen hätten, wenn wir nur einzelne Szenen schauen“, wie Merz es formuliert. Außerdem lässt sich bei Ansicht des ganzen Spiels besser erkennen, ob sich die Entscheidungen im Spiel die Waage halten.
„Wenn ein Verein unzufrieden ist, hängt das nicht nur mit richtigen oder falschen Entscheidungen zusammen, sondern oft damit, ob es ausgeglichen ist“, erläutert Kuttler. „Das lässt sich nachvollziehen, wenn man sich alles anschaut und versucht, das Spiel auch mal durch die Augen der jeweiligen Partei zu sehen. Das kann beim Verständnis enorm helfen.“
Tipp 7: Videoanalyse ist keine Fehlersuche
Bei der Arbeit mit dem Video dürfe es aber, das betonen Kuttler und Merz ausdrücklich, nicht nur um das gehen, was man besser machen möchte. „Videoanalyse ist keine Fehlersuche“, unterstreicht Kuttler. „Es ist für das eigene Selbstwertgefühl als Schiedsrichter wichtig, sich auch die guten Szenen herauszuschneiden und anzuschauen.“
Denn häufig beschäftigen sich Schiedsrichter ausschließlich mit ihren Fehlern. „So läuft man Gefahr, in eine Negativspirale zu geraten und immer an sich zu zweifeln - auch, weil von Trainern oder Zuschauern kaum Lob kommt“, sagt Merz.
Abschließend raten die beiden Schwestern zur Geduld. „Die Entwicklung als Schiedsrichter ist ein Prozess“, weiß Kuttler aus eigener Erfahrung. „Es lohnt sich, erst einmal kleine Themen aus der Videoanalyse herauszupicken und Schritt für Schritt an sich zu arbeiten. Es geht nicht von heute auf morgen!“
Setzt man die Videoanalyse allerdings konsequent und sinnvoll ein, dürften die Ergebnisse folgen. „Ich traue mich nicht, Videos von vor zehn Jahren anzuschauen“, stellt Merz mit einem Grinsen fest. „Denn wenn man an sich arbeitet, sieht man extreme Veränderungen.“