Nils Blümel im Februar 2020 in der Swiss Life Hall in Hannover beim Spiel der TSV Hannover-Burgdorf gegen die Eulen Ludwigshafen (Foto: imago images/Joachim Sielski).
„Sich mit den Regeln zu beschäftigen, ist immer gut und wichtig.“
Redaktion: Herr Blümel, der Spielbetrieb im deutschen Handball wurde Mitte März ausgesetzt – von der Bundesliga bis zur Kreisklasse. Wie erlebt der Elitekader des Deutschen Handballbundes die aktuelle Lage?
Nils Blümel: Es ist für uns eine ganz spezielle Situation. Wir Schiedsrichter lieben den Handball ebenso wie die Aktiven, daher ist die Einstellung für uns natürlich schade – völlig losgelöst von der Tatsache, dass es die richtige Entscheidung war, den Spielbetrieb auszusetzen.
Wenn ich mich im Kader umhöre, wird eine Sache deutlich: Wir wollen alle, dass es wieder weitergeht und wir den Handball auf der Platte erleben können. Gleichermaßen möchte natürlich keiner, dass wir zu früh starten und damit womöglich irgendein unkalkulierbares Risiko eingegangen wird.
Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, dass man sich als Schiedsrichter dennoch weiterhin – auch ohne Spielbetrieb – mit der Schiedsrichterei beschäftigt?
Es sind alle in der Pflicht, sich so fit zu halten, dass man sofort seine Leistung abliefern kann, wenn es wieder losgeht. Ich kann für unseren gesamten Kader sprechen, wenn ich versichere: Genau so machen wir das auch. Nichts wäre schlimmer, als jetzt die Füße hochzulegen und dann nicht auf der Höhe zu sein, wenn es weitergeht.
Was sind die größten Unterschiede zum normalen „Schiedsrichter-Alltag“?
Wir haben keine Praxis, sprich keinen Wettkampfmodus im Spiel, und können unser Stützpunkttraining nicht durchführen. Das sind letztendlich die einzigen gravierenden Unterschiede. Ansonsten beschäftigen wir uns ja auch sonst – sowohl während als auch außerhalb der Saison – permanent mit dem Handball, halten uns sportlich fit und setzen uns mit dem Regelwerk auseinander. Wir haben vom Athletik-Bundestrainer David Gröger einen Ausdauer-Plan über mehrere Wochen bekommen. Ansonsten ist es wichtig, bei den Regeltests am Ball zu bleiben – auch wir müssen unser Wissen immer auffrischen.
Anders als bei der normalen Sommerpause wissen Sie aber aktuell nicht, wann es weitergeht – und wann Sie wieder auf dem Spielfeld stehen werden. Sie arbeiten also auf unbestimmte Zeit ohne konkretes Ziel …
Wir wissen dennoch, wofür wir es machen, denn dass es grundsätzlich im Handball weitergehen wird, steht ja fest. Die Frage ist nur, wann es so soweit sein wird!
Haben Sie Ratschläge für die Schiedsrichterkollegen an der Basis, wie sich diese Pause nutzen lässt?
Neben der Fitness ist der berüchtigte IHF-Regelfragenkatalog immer ein guter Ansatzpunkt (schmunzelt). Ehrlich gesagt: Auch ich stelle jedes Jahr, wenn ich in der Vorbereitung auf die Lehrgänge den Regelfragenkatalog durcharbeite, fest, dass mir Flüchtigkeitsfehler unterlaufen oder ich auch mal bei einer Frage richtig danebenliege. Sich mit den Regeln zu beschäftigen, ist daher immer gut und wichtig.
Außerdem ist es natürlich entscheidend, sich fit zu halten. Man kann regeltechnisch so fit sein, wie es geht: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es insbesondere in den Endphasen von Spielen schwieriger wird, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn man konditionell nicht fit ist.
Reicht es aus Ihrer Sicht, seine wöchentliche Jogging-Runde zu drehen oder empfehlen Sie, zusätzlich Intervall-Läufe und Sprinttraining einzubauen?
Idealerweise ist es ein guter Mix. Grundlagenausdauer ist die Basis, aber mein Partner Jörg Loppaschewski und ich beschäftigen uns auch mit Sprints, Treppenläufen und Krafteinheiten. Wir halten so ein Ganzkörperpaket für sinnvoll, denn als Schiedsrichter läuft oder sprintetet man ja nicht dauerhaft, sondern hat Tempowechsel, Drehungen und Wendungen. Es ist daher gut, wenn man breit aufgestellt ist. Der DHB stellt aktuell viele Übungen auf seinem Youtube-Kanal vor, die man exzellent zu Hause machen kann.
Und wie sieht es mit Training für den Kopf aus?
Um den Kopf schiedsrichtertechnisch auf die Höhe zu bringen, empfehle ich immer wieder, sich ein paar Videoszenen anzugucken – gerne auch die eigenen Spiele, die man mal irgendwann aufgezeichnet hat. Dabei sollte man nicht nur auf die regeltechnischen Entscheidungen achten, sondern auch auf sein Auftreten. Es geht häufig um die Frage: Wie wirke ich von außen betrachtet? Man kann dabei eine Menge ausleuchten – ohne detailliert auf eine konkrete Entscheidung einzugehen. Um den Kopf abzuschalten, sind auch Yoga, Meditation oder ein guter Podcast sicherlich geeignet …
Lassen Sie uns zum Abschluss noch einmal auf die Bundesliga-Saison blicken: Rechnen Sie damit, dass Sie in dieser Saison noch einmal zum Einsatz kommen?
Ich werde mich fortwährend – zur Not auch bis September und darüber hinaus – fit und auf der Höhe halten. Ob wir in der Saison 2019/2020 noch ein Spiel pfeifen werden oder die Spielzeit anderweitig auslaufen wird, kann ich nicht beurteilen. Es gibt so viele Parameter; das entzieht sich meinem Einschätzungsvermögen.
Für mich steht einfach an oberster Stelle, dass wir bald wieder großartigen Handball in tollen Arenen sehen dürfen. Jeder Schiedsrichter kennt aus seiner Anfangszeit diese Spiele, wo sich nur drei oder vier Leute in der Halle befinden – und jeder, der mal in der Bundesliga ein Spiel gesehen hat, weiß, welchen Unterschied die Zuschauer ausmachen. Die Fans sind ein Mehrwert für den Handball!
Dass die Unterbrechung des Spielbetriebs notwendig war, bestreitet niemand. Ist es aber nicht auch für die Schiedsrichter einfach bitter, dass die Saison vor der heißen Phase, in der die Entscheidung fallen, eingefroren wurde? Ich könnte mir vorstellen, dass vom Gefühl her etwas fehlt …
Unbenommen: Es fehlt etwas! Ich höre ganz oft von Freunden und Bekannten die Frage, wie man denn Schiedsrichter sein könne. Da kann ich nur sagen: Es macht einfach riesig Spaß! Wenn die Spiele immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist es auch für uns Schiedsrichter immer wichtiger, dass wir einen guten Job machen. Jeder Schiedsrichter wird es wohl bestätigen: Man will genau die Spiele pfeifen, in denen es um alles geht! Wir fallen jetzt zwar nicht in ein Loch, aber wenn mich jemand fragen würde, ob ich morgen pfeifen kann: Meine Tasche ist gepackt …