Diese Untersuchung basiert auf der oft geäußerten Vermutung, dass Schiedsrichterentscheidungen in den letzten Spielminuten, in der sogenannten Crunchtime, häufig anders ausfallen als in der vorherigen Spielzeit. Die Ursache dafür wird in der gestiegenen Belastung der Schiedsrichter während des Spiels gesehen. Ein erfahrener Schiedsrichter hat dazu einmal folgende Feststellung getroffen: „Konzentration durch Kondition ist ausschlaggebend für die letzten Minuten. Wenn du körperlich in einem optimalen Zustand bist, triffst du auch am Ende eines Spiels klare Entscheidungen, weil du auch dann noch mental frisch bist“.
Das Projekt hat das Ziel, die Einflüsse physischer und psychischer Belastung auf die Schiedsrichter zu untersuchen. Dazu haben die Projektverantwortlichen der Uni Oldenburg einen speziellen Belastungstest entwickelt, mit dem untersucht wird, wie und in welchem Umfang Zuschauerlärm und körperliche Belastungen Einfluss auf die Schiedsrichterentscheidungen nehmen. Für die Tests verwenden die Forscher vier Sekunden lange Videos mit kritischen Spielsituationen. Diese werden den Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern in regelmäßigen Abständen während eines Ausdauerlauftests auf Tablets vorgespielt und müssen innerhalb von 10 Sekunden von diesen beobachtet, eingestuft und mit einer Entscheidung versehen werden.
Während des Ausdauertests werden die zu absolvierenden Laufgeschwindigkeiten der Teilnehmenden kontinuierlich gesteigert, so dass die insgesamt zwanzig bis dreißig zu treffenden Entscheidungen unter immer schwieriger werdenden Bedingungen zu beurteilen sind. Die entsprechenden Tests werden in den kommenden Monaten bei den jeweiligen Schiedsrichterlehrgängen mehrfach durchgeführt, teilweise unter noch weiter erschwerten Bedingungen. So soll in einem erweiterten Test-Setting Zuschauerlärm eingespielt werden. Hierdurch soll durch das Team erforscht werden, ob die Fehlerquote mit zunehmender körperlicher Belastung steigt, wie sich eine starke Geräuschkulisse auswirkt und welche Rolle die Erfahrung der Unparteiischen spielt.
Während des Tests werden verschiedene Werte der einzelnen Schiedsrichter erfasst, u. a. auch die Pulswerte. Die Teilnehmer erhalten danach ihr eigenes Fitnessprotokoll und der DHB-Schiedsrichter-Ausschuss erhält eine komplette Übersicht über die erzielten Ergebnisse.
Einen visuellen Eindruck der Testbedingungen und des -ablaufs vermittelt das oben gezeigte Video.
Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft fördert das Vorhaben der Oldenburger Forscher Prof. Dr. Dirk Büsch, Prof. Dr. Jörg Schorer und Dr. Florian Loffing über zwei Jahre. Die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg kooperiert bei der Studie eng mit dem Deutschen Handballbund, hier insbesondere dem DHB-Schiedsrichterwart Wolfgang Jamelle und den DHB-Bundestrainern für Bildung und Wissenschaft Dr. Patrick Luig und Athletik David Gröger. Die Projekterkenntnisse sollen in die Schiedsrichteraus- und -weiterbildung des DHB einfließen und werden in regelmäßigen Abständen auch an dieser Stelle veröffentlicht.
Weitere Informationen zum Projekt bietet ein Interview mit Prof. Dr. Dirk Büsch, das auf der Homepage der Universität Oldenburg veröffentlicht ist.
Ergänzend verweisen wir auf eine Pressemitteilung der Universität Oldenburg zum Projekt vom Januar 2019.