Spielleitung auf höchstem Niveau: Schiedsrichterin Tanja Kuttler im Austausch mit Domagoj Duvnjak. (Bild: IMAGO / Sven Simon)

Schiedsrichter – mächtig durch große Verantwortung

Regel 17 (Die Schiedsrichter) beschreibt einzelne Aufgaben der Schiedsrichter, deren Verantwortlichkeiten und auch notwendige Maßnahmen, wenn z. B. beide Schiedsrichter unterschiedlicher oder gegensätzlicher Auffassung sind. Die Gesamtaufgabe als/der Schiedsrichter ergibt sich durch die Summierung aller Aufgaben und der Verantwortung, den Spielablauf im Einklang mit den Regeln zu gewährleisten (17:5, Abs. 2).

Neben den beschriebenen Aufgaben in Regel 17 ergeben sich aber noch weitergehende Verantwortlichkeiten der Schiedsrichter, die zwar aus der Regel 17 indirekt abzuleiten, aber im Regelheft nicht verbalisiert und verankert sind: die Schiedsrichterpflichten. Denn diese gehören genauso zur Spielleitung wie das Regelwerk. Da sie aber kein Teil dessen sind, finden sich diese in §5 der DHB-Schiedsrichterordnung (SRO).

Demzufolge muss jedem Schiedsrichter bewusst sein, dass von seinem Gesamtverhalten und seiner Leistung der Verlauf eines Spiels abhängt. Der Schiedsrichter trägt wesentlich zum Ansehen und der Entwicklung des Handballsports bei. Fundierte Kenntnisse der Spielregeln und deren Anwendung sowie eine gute körperliche Verfassung sind – neben objektiver Beurteilung der Spielvorgänge – Voraussetzung für eine gute Schiedsrichterleistung. Entscheidungen darf der Schiedsrichter nur aufgrund seiner Feststellungen treffen. Er darf sich dabei nicht beeinflussen lassen.

Die gesamte Aufgabe als Schiedsrichter ist eine (machbare) Herausforderung und auch als solche zu verstehen – ihre Ausführung ist eben keine Selbstverständlichkeit. Als Schiedsrichter muss man permanent (manchmal auch schwierige) Entscheidungen treffen. Man muss auch in der Lage sein, Konflikte zu lösen. Dazu kommt noch der Stress, den es zu bewältigen gilt. Und unter Beachtung von §5 sollte der Schiedsrichter immer ein positives Vorbild sein.

Schiedsrichter müssen (manchmal) das Chaos kontrollieren, Fairness verstehen, Unsportlichkeiten erkennen, Sicherheit verbreiten und sportliches Verhalten unterstützen.

Ein Referee sollte daher die positiven Charaktereigenschaften eines Polizisten, Rechtsanwaltes, Richters, Verkäufers, Reporters, Spielers und Diplomaten besitzen:

  • Ein guter Schiedsrichter ist jemand, der Autorität ausstrahlt und  mit Verantwortung umzugehen weiß, ohne anmaßend dabei zu sein.
  • Ein Schiedsrichter steht unter Druck. Diesem muss er standhalten, auch wenn die Zuschauer wiederum nicht gekommen sind, um den Schiedsrichter zu sehen, sondern wegen der Spieler, ihrer Mannschaft, des Spiels.
  • Einem Schiedsrichter wird während des Spiels eine Machtfülle zuteil, die es im "normalen" Leben so nicht gibt.
  • Als Schiedsrichter ist man – bezogen auf das Regelwerk – während des Handballspiels Polizist, Staatsanwalt und Richter in einer Person. Der Polizist überwacht die Einhaltung der Regeln und bringt Verstöße dagegen zur Anzeige. Der Staatsanwalt erhebt Anklage und der Richter spricht das Urteil (eine Entscheidung) und vollzieht dieses auch sogleich.

Die Offiziellen und Spieler haben dabei keinerlei Möglichkeit der Verteidigung, zumindest nicht während des Spiels. Was die spielleitende Stelle oder Rechtsinstanz hinterher entscheiden, ist eine andere Angelegenheit.

Um hier nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist man als Unparteiischer genauso Sportler wie die Spieler; natürlich ist das Verhältnis in der Halle und außerhalb in der Regel freundlich, manchmal sogar freundschaftlich. Ein Handballspiel ist schließlich kein Gerichtsverfahren.

Dennoch verleihen die Befugnisse dem Referee bei Spielen eine herausragende Stellung. Daher muss er nicht nur sehr behutsam mit seiner Macht umgehen, sondern auch mit den zahlreichen daraus resultierenden Problemsituationen klarkommen.

Dass die Spieler (aber auch die Offiziellen, die Verantwortlichen und die Zuschauer) nicht alles kommentarlos hinnehmen, was die Schiedsrichter entscheiden, ist jedoch logisch. Die Interessen der Spieler unterscheiden sich schließlich von denen des Spielleiters, der eben neutral zu sein hat. Das Interesse des Spielleiters ist, ein Spiel möglichst ordentlich – unter Einhaltung der Regeln – über die Bühne zu bringen. Neben guten Regelkenntnissen und einer nicht minder guten körperlichen Verfassung ist daher vor allem die Persönlichkeit des Schiedsrichters wichtig für die Spielleitung. Der Referee muss also auch geistig fit sein, mit Emotionen umgehen können, seine Möglichkeiten kennen, darf kein Regelpolizist sein und muss Konfliktminimierung betreiben.

Der Schiedsrichter kann durch seine Persönlichkeit – ohne arrogant zu sein – den Spielverlauf maßgeblich prägen. Wichtige Charaktereigenschaften eines guten Referees sind daher vor allem:

  • Korrektheit im Umgang mit den Offiziellen und Spielern
  • Ruhe und Gelassenheit
  • sachliches, aber bestimmtes Auftreten
  • einheitliche Regelauslegung
  • Blick für das Wesentliche
  • flexible Anwendung seiner Möglichkeiten