Der Kopf geht nach hinten – der Spieler wurde im Gesicht getroffen. Oder ist das etwa nur gespielt? (Foto: imago/foto2press)
Schauspielerei nimmt wieder zu
Mit der zum gleichen Zeitpunkt eingeführten Erläuterung 8 (Verletzter Spieler) wurde den Schiedsrichtern eine praktikable Handlungsanweisung für den Fall zur Verfügung gestellt, wenn ein Spieler verletzt zu sein scheint.
Dass die IHF-Erläuterung 8 tatsächlich mit den Worten beginnt: „Scheint ein Spieler auf der Spielfläche verletzt …“, zeigt nur allzu deutlich, mit welcher Blickrichtung das Problem von den für die Regelentwicklung verantwortlichen Personen angegangen wurde. Es galt diesem teilweise unwürdigen Treiben (siehe auch Videoclip 1) im Sinne des Images des Handballsports ein möglichst schnelles Ende zu bereiten. Dies ist nach nahezu einhelliger Auffassung auch gelungen.
Videoclip 1
Die neue Ausrichtung
Nach Informationen des Vorsitzenden der Regel- und Schiedsrichterkommission (Ramon Gallego/ESP) verlagern sich aktuell die schauspielerischen Ambitionen einiger Spieler auf das Fach „Wie mime ich einen gefoulten Spieler?“ und ihre Fähigkeiten haben sich, so die Erkenntnisse vor dem „Corona-Break“, deutlich gesteigert. Auch der Vorsitzende der Trainer- und Methodik-Kommission (Dietrich Späte/GER) teilt die Auffassung, dass es sich hierbei um eine für den Handballsport imageschädigende Entwicklung handelt, der mit allen Möglichkeiten begegnet werden muss. Bei der Anwendung derart unsportlicher Mittel geht es offensichtlich nach der Devise: „Der Zweck heiligt die Mittel!“. Teilweise ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit werfen sich diese Spieler krachend auf den Boden, um einen gegnerischen Stoß in der Luft zu simulieren.
Beliebte Bühnenstücke
Es ist ja nicht so, als hätte es derartige Provokationen und Überreaktionen auf Körperkontakte mit einem gegnerischen Spieler in der Vergangenheit nicht gegeben. Videoclip 2 zeigt eine mysteriöse Kraft, die zeitgleich auf zwei Abwehrspieler wirkt, und ist in der Art und Weise schon ein dreistes unsportliches Verhalten. Dieses Videobeispiel stammt aus der Saison 2016/17 und ist damit schon einige Jahre her.
Videoclip 2
Die Schiedsrichter haben hier zunächst richtig gehandelt, indem sie den Angriff nicht unterbrochen haben. Danach jedoch hätte es zumindest für den ohne jeden gegnerischen Körperkontakt umfallenden Abwehrspieler eine progressive Bestrafung geben müssen. Die entsprechende Regelvorschrift gibt es seit dem 1. August 1997 (damals noch im Abschnitt der IHF-Erläuterungen) und sie ist auch heute noch aktuell.
Gemäß den Bestimmungen der Regel 8:7d ist unsportliches Verhalten, das versucht, durch „Schauspielerei“ ein Vergehen vorzutäuschen oder die Wirkung eines Vergehens zu übertreiben, um eine Spielzeitunterbrechung oder eine unverdiente Strafe eines gegnerischen Spielers zu provozieren, progressiv zu ahnden.
Die Bühnenstücke der Akteure zielen heute insbesondere darauf ab, falsche Entscheidungen der Schiedsrichter durch provozierte:
- Angreifervergehen,
- 2-Minuten-Hinausstellungen und
- rote Karten
zu erreichen. Die angewandte Technik und das Timing der „Schauspieler“ ist inzwischen perfektioniert worden und für die Schiedsrichter immer schwerer zu erkennen. Allein das Wissen um derart unsportliches Verhalten, ein angepasstes Stellungsspiel, das rechtzeitige Beobachten der Aktion und eine konsequente Ahndung können die negative Image-Entwicklung für unseren Sport stoppen. Darauf zu setzen, dass Spieler, Trainer, Mannschaften den Einsatz dieser unfairen Mittel zukünftig von sich aus unterlassen, dürfte eher geringe Erfolgsaussichten haben.
Regieanweisungen für Schiedsrichter
Das Vortäuschen von Angreifervergehen ist häufig auf den Außenpositionen zwischen dem Angreifer auf der Links- bzw. Rechtsaußenposition und dem jeweiligen Abwehrspieler auf der Außenposition zu beobachten.
Auch im sogenannten Doppelblock sind diese unsportlichen Aktionen zu beobachten. Hier schließen die Abwehrspieler auf der Außen- und der Halbposition den Raum für den jeweiligen Außenangreifer. Obwohl selbst noch in Bewegung, täuschen die Abwehrspieler vor, dass der Angreifer in einen Raum vorstößt, der von ihnen schon besetzt ist. Das vermeintliche Angreifervergehen wird dabei durch den spektakulären Fall eines Abwehrspielers in den Torraum unterstützt.
Gleichartige Schauspielereien kommen allerdings auch in 1-gegen-1-Situationen im Rückraum oder an der Torraumlinie vor. Ein mehr oder weniger gekonnter Fall auf den Hallenboden soll die Schiedsrichter täuschen und zu einer Entscheidung gegen den angreifenden Spieler veranlassen. Hier ist es meist sehr wichtig, die Aktion rechtzeitig und mit einem guten Blick auf das Geschehen beobachten zu können.
Bei den Täuschungen, die darauf abzielen, dass der Schiedsrichter den Gegenspieler mit einer 2-Minuten-Hinausstellung bestraft, lassen sich folgende Verhaltensweisen beobachten:
- Ein springender Angreifer fällt rückwärts auf den Boden.
Mit dieser übertriebenen Aktion erweckt der Angreifer den Eindruck, dass der Abwehrspieler eine schwerwiegende illegale Aktion begangen hat (Stoßen des Gegenspielers im Sprung). Der Angreifer möchte die strenge IHF-Linie für derartige Vergehen nutzen. - Ein Angreifer gibt vor, ins Gesicht getroffen worden zu sein.
In 1-gegen-1-Aktionen mit Körperkontakt wirft der Angreifer seinen Kopf demonstrativ nach hinten. Er erweckt damit den Eindruck, er wäre vom Gegenspieler im Gesicht getroffen worden. Oft fallen die Angreifer dabei dramatisch auf den Boden. Ziel ist das Vortäuschen einer hohen Intensität der regelwidrigen Aktion des Gegenspielers. Im Videoclip 3 findet sich ein entsprechendes Beispiel.
Videoclip 3
- Ein Angreifer gibt vor, stark gestoßen worden zu sein.
In einer Laufbewegung mit Ballbesitz fällt der Angreifer bei Körperkontakt mit einem Gegenspieler dramatisch zu Boden. Ziel ist, eine hohe Intensität der regelwidrigen Aktion (Stoßen) vorzutäuschen.
Eine Steigerung des unseriösen Verhaltens der Schauspieler liegt vor, wenn die Täuschung darauf abzielt, dass der Gegenspieler sogar mit einer Disqualifikation bestraft wird. Folgende Aktionen sind hierzu öfter zu beobachten:
- Ein Angreifer gibt vor, dass er hart ins Gesicht getroffen wurde.
Der angreifende Rückraumspieler täuscht vor, von seinem Gegenspieler während eines Sprungs sehr hart im Gesicht getroffen worden zu sein. Manchmal hat es sogar tatsächlich einen leichten Kontakt gegeben. Mit der übertriebenen Aktion (Fallen, lautes Schreien) will der Angreifer ein gesundheitsgefährdendes Foul vortäuschen, das gemäß Regel 8:5b mit einer Disqualifikation zu bestrafen wäre. - Ein Angreifer gibt vor, er wurde hart im Bauch getroffen.
Für derartige Täuschungen kommen insbesondere Duelle zwischen Abwehrspieler und Kreisläufer in Frage. Der dort meist gegebene enge Körperkontakt wird vom Schauspieler ausgenutzt. Plötzlich fällt er mit schmerzverzerrtem Körper in den Torraum und krampft in der Bauchgegend. Ob es sich um den Kreisspieler oder einen Abwehrspieler handelt, ist nicht entscheidend. Beide „gefoulten“ Spieler versuchen, die Schiedsrichter zu überzeugen, dass ihr jeweiliger Gegenspieler einen Schlag in ihre Magengrube ausgeführt hat. Hier ist insbesondere der Torschiedsrichter gefordert, die Duelle im Auge zu behalten. Nur so haben die Schiedsrichter eine Chance, Schauspielerei als Reaktion auf vermeintlich regelwidriges Verhalten zu enttarnen.
Der Vorhang fällt
Gemäß den Hinweisen der IHF müssen derart unsportliche Verhaltensweisen von Beginn des Spiels an konsequent progressiv bestraft werden. Mittels Körpersprache sollte für jeden in der Halle deutlich sichtbar die Bestrafung des fehlbaren Spielers erfolgen – keine „private“ Info lediglich an ihn. Das ist nicht zielführend. Die Schiedsrichter sollten im Spiel so früh wie möglich durch präventive Entscheidungen Zeichen setzen, dass Schauspielerei nicht toleriert wird.
Provokationen und Überreaktionen sind negative Entwicklungen im Handball. Die Techniken, um Schiedsrichter zu täuschen, werden immer mehr verfeinert. Dennoch kann man bei vielen Aktionen zwischen Realität und Täuschung unterscheiden. Allerdings wird das Beobachten derartiger Aktionen während eines Spiels nicht nur für die Schiedsrichter immer schwieriger. Dies kann großen Einfluss auf die Atmosphäre in der Halle haben (Verhalten der Zuschauer).
Tiefgreifendes Wissen über die schauspielerischen Ausprägungen bei Handballspielern, angeeignet auch durch ausführliches Videostudium, ist die Basis, um den negativen Auswirkungen entgegenzusteuern. Im Spiel selbst ist höchste Konzentration von der ersten bis zur letzten Sekunde, gepaart mit einem optimalen Stellungsspiel und einer sinnvollen Aufgabenteilung im Schiedsrichterteam, die einzig denkbare Formel, um der Schauspielerei ein schnelles Ende zu bereiten.