Mirko Krag und Marcus Hurst waren selbst überrascht, dass sie doch das eine oder andere Ritual als Team pflegen ... (Foto: IMAGO/CHROMORANGE)

„Rituale helfen, den Fokus zu schärfen“

Ob es der Spaziergang um die Halle, der immer gleiche Song in der Kabine oder ein bestimmtes System beim Abklatschen ist: So gut wie jedes Schiedsrichter-Team im Deutschen Handballbund vertraut am Spieltag auf seine individuellen Rituale. Dahinter steckt jedoch mehr als purer Aberglaube. „Rituale helfen, den Fokus zu schärfen“, betonen Marcus Hurst und Mirko Krag. Das Duo aus dem Elitekader des Deutschen Handballbundes erklärt, wofür Rituale gut sein können und wann sie eher schaden – und welche Gewohnheiten sie selbst am Spieltag haben.

Kurz vor dem Anpfiff – unmittelbar, bevor sie die Kabine verlassen – steht für Marcus Hurst und Mirko Krag das letzte Ritual der Spielvorbereitung an: Es gibt Traubenzucker, jeder nimmt sich eine Hälfte. „Medizinisch bringt es nichts, das wissen wir“, lacht Krag. „Aber es gehört für uns einfach dazu, bevor wir in die Halle gehen.“

An den Ursprung dieser Gewohnheit können sich beide nicht mehr erinnern. „Ich hatte den Traubenzucker wahrscheinlich irgendwann einfach dabei – und dann haben wir es eben beibehalten“, glaubt Hurst. Seitdem ist er für die Packung Dextro Energy zuständig. Dafür bringt Krag für die gemeinsamen Autofahrten stets einen Latte Macchiato aus dem Kühlregal mit.

Es sind jedoch längst nicht die einzigen Gepflogenheiten, die sich durch jeden Spieltag von Hurst und Krag ziehen. Dafür, dass das Duo zu Beginn des Gesprächs noch warnte, dass es eins der Teams sei, welches eher weniger Rituale habe, wird die Liste schnell erstaunlich lang. Viele Dinge sind so fest verankert, dass die beiden nicht darüber nachdenken. So entsteht eine Mischung aus pragmatischer Arbeitsteilung, lieb gewonnenen Gewohnheiten und mentalen Ankern. Mit Aberglaube haben die Rituale hingegen nichts zu tun.

So ziehen weder Hurst noch Krag z. B. immer die linke Socke zuerst an, weil sie dann vermeintlich besser pfeifen. Mit ihren Ritualen verfolgen sie ein anderes Ziel: Sie möchten sich in die – mentale – Verfassung bringen, um mit dem Anpfiff die bestmögliche Leistung abrufen zu können.

Die Konzentration schärfen

„Rituale können für Sicherheit sorgen, weil sie einen Rahmen für den Spieltag geben. Wir müssen nicht darüber nachdenken, wer für welche Aufgabe zuständig ist oder wie wir uns denn heute mal auf das Spiel vorbereiten. Das hilft bei der Konzentration“, sagt Krag. Hurst stimmt zu: „Rituale helfen extrem, den Fokus zu schärfen. Wenn unsere Rituale nach und nach ablaufen, stellen sich Kopf und Körper darauf ein, dass jetzt Handballzeit ist.“

Abseits des Feldes sei er offen, sagt der 35-Jährige; niemand, der übermäßig bestimmt auftrete: „Ich bin sonst relativ zurückhaltend und stehe, rein von der Körperhaltung, oft auch nicht gerade genug. Die Rituale sind für mich ein Zeichen, dass es jetzt darauf ankommt.“ Es sei wie „ein bewusstes Schultern-Zurücknehmen, als ob man eine Bühne betritt.“

Neben dem kalten Latte Macchiato auf der Fahrt und dem Traubenzucker vor dem Anwurf ist auch ein kurzes Zurückziehen des Gespanns Usus. „Wir gehen immer noch einmal für fünf bis zehn Minuten an die frische Luft und sprechen uns ab“, erklärt Krag. „In der Kabine klopft immer mal wieder jemand an, auch die Spielaufsicht ist oft mit im Raum – die Zeit draußen gehört nur uns.“

Für die Konzentration auf das Spiel sind diese wenigen Minuten essentiell. Bei gutem Wetter macht das Duo einen kurzen Spaziergang; regnet es, stellen sie sich irgendwo unter. „Hauptsache raus“, fasst Hurst zusammen. „Wir gehen für uns noch einmal durch, was für ein Spiel anliegt und was uns wichtig ist.“

Aus vielen kleinen Ritualen setzt sich so – Baustein für Baustein – die Spielvorbereitung zusammen. „Es mag für sich genommen alles relativ profan sein und es sind alles keine extremen Rituale“, sagt Krag. „Aber uns hilft das alles, den Fokus auf das Spiel zu schärfen, um beim Anpfiff auf einem top Level zu sein.“

Rituale sollten kommen und gehen

Hurst und Krag pfeifen inzwischen rund 14 Jahre zusammen, nachdem sie als Einzelschiedsrichter in Frankfurt begannen. Die gemeinsamen Rituale sind über die Zeit entstanden, sie sind gewachsen. „Rituale kann man nicht planen oder erzwingen, weil man denkt, man bräuchte eins“, sagt auch Hurst. „Sie entstehen durch die gemeinsame Zeit, kommen von innen heraus.“

Die beiden warnen allerdings davor, sich zu sehr von den Ritualen abhängig zu machen. „Man darf sich nicht auffressen lassen“, betont Krag. „In einer Halle passieren ständig unvorhergesehene Dinge, davon darf man sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Rituale sind gut und wichtig, aber sie sind kein Allheilmittel.“ Denn auch, wenn Hurst den Traubenzucker vergessen sollte, muss das Spiel natürlich trotzdem gepfiffen werden. Und ein letztes Ritual bleibt dem Duo stets: Krag pfeift immer an.

Drei Tipps zum Thema Rituale von Marcus Hurst und Mirko Krag

  1. Macht euch klar, was das Ziel eines Rituals ist. Wollt ihr euch damit in gute Stimmung versetzen? Wollt ihr euch dadurch fokussieren? Braucht ihr es für eure Ausstrahlung? Man darf nie das Ziel aus den Augen verlieren. Ein Ritual, das euch nichts bringt oder euch vielleicht sogar nicht gut tut, ist für euch das falsche Ritual!
    Und traut euch, Rituale zu entsorgen, wenn sie sich überlebt haben. Mirko hat mal eine Zeitlang immer zur Trikotfarbe passende Pfeifen benutzt, aber das zum Glück irgendwann eingestellt. Das Ritual, das in der Anfangszeit richtig war, fühlt sich vielleicht nach drei oder fünf Jahren falsch an; dann verabschiedet euch davon. 
  2. Schafft euch gemeinsame Rituale, wenn es hilft, aber zwingt eurem Gespannpartner nie ein Ritual auf. Jeder muss selbst überlegen, ob er eine bestimmte Sache mitmacht oder gut findet. Wenn einer von euch gerne sein Lieblingslied laut in der Kabine aufdrehen will, aber den anderen ausgerechnet dieser Song nervt, sucht einen Kompromiss. Findet einen Song, der euch beide pusht – oder greift auf Kopfhörer zurück, sodass euer Partner nicht durch euer Lied gestört wird.
  3. Gerade im Amateurbereich muss man sich als Schiedsrichter um so vieles abseits des reinen Pfeifens kümmern – es müssen Pässe kontrolliert, ein Tornetz muss vielleicht geflickt werden, eventuell muss man das Kampfgericht kurz einweisen oder zwischen zwei Einsätzen an einem Tag noch von Halle zu Halle fahren. Umso wichtiger ist es aus unserer Sicht, den Fokus vor dem Anpfiff noch einmal auf die eigentliche Aufgabe – das Pfeifen – zu richten.
    Wir würden nicht sagen, dass jeder Schiedsrichter Rituale braucht, aber für diesen Punkt, den letzten Fokus vor dem Anpfiff, können wir es nur empfehlen. Wir machen es genauso: Nach dem Aufwärmen, sobald wir das Trikot anhaben, wiederholt Mirko kurz maximal drei Punkte, die für uns wichtig sind. Wir rufen uns damit in Erinnerung, was wir besprochen haben. Das hilft uns, das Spielfeld mental voll fokussiert zu betreten.