Regelfrage
In den letzten 30 Sekunden des Spiels ist Mannschaft VIOLETT im Angriff und erhält nach einem Block von Mannschaft ROT einen Einwurf am Treffpunkt von Seiten- und Torauslinie zugesprochen. In diesem Moment beantragt der Offizielle B von Mannschaft ROT durch das Legen der grünen Karte ein Team-Time-out.
Der Zeitnehmer unterbricht daraufhin das Spiel durch einen Pfiff. Zunächst geht der Feldschiedsrichter zum Zeitnehmer und Sekretär, um den Grund der Unterbrechung zu erfragen. Nach Klärung der Situation wird dem Offiziellen von Mannschaft ROT die grüne Karte zurückgegeben, und das Team-Time-out wird nicht gewährt. Die Schiedsrichter entscheiden anschließend nach gemeinsamer Beratung auf 7-Meter-Wurf für Mannschaft VIOLETT und eine Hinausstellung gegen den Offiziellen B von Mannschaft ROT.
Die gestellten Fragen
- Muss der Zeitnehmer in einer solchen Situation wirklich pfeifen, oder kann er die grüne Karte einfach „verweigern", also zurückgeben?
- Sind die getroffenen Entscheidungen korrekt?
Lösung
Ein Team-Time-out kann nur von der Mannschaft beantragt werden, die im Ballbesitz ist (entweder bei laufendem Spiel oder bei einer Spielunterbrechung). Da Mannschaft ROT nicht im Ballbesitz war, hätte der Zeitnehmer das Spiel nicht unterbrechen dürfen und die grüne Karte hätte zurückgegeben werden müssen.
Während der Offizielle von Mannschaft ROT zum Tisch von Zeitnehmer und Sekretär läuft, ist die Entscheidung des Feldschiedsrichters (Einwurf für Mannschaft VIOLETT) für Zeitnehmer und Sekretär deutlich sichtbar und damit unverkennbar. Mannschaft ROT war nicht im Ballbesitz!
Unterbricht der Zeitnehmer dennoch das Spiel, während der Ball im Spiel ist, wird das Spiel mit einem Freiwurf für die Mannschaft fortgesetzt, die zum Zeitpunkt der Unterbrechung im Ballbesitz war.
Falls die Unterbrechung durch ein Vergehen der abwehrenden Mannschaft erfolgt und dadurch eine klare Torgelegenheit der angreifenden Mannschaft verhindert wird, ist gemäß Regel 14:1b auf 7-Meter-Wurf zu entscheiden. Dies gilt auch, wenn der Zeitnehmer das Spiel wegen eines beantragten Team-Time-outs unterbricht und die Schiedsrichter dieses aufgrund eines falschen Timings ablehnen. Liegt zum Zeitpunkt der Unterbrechung eine klare Torgelegenheit vor, ist ebenfalls auf 7-Meter-Wurf zu entscheiden.
Da in der geschilderten Situation jedoch keine klare Torgelegenheit vorlag, hätte das Spiel – nach Klärung der Situation – mit dem Einwurf fortgesetzt werden müssen.
Warum kommt Regel 8:11a nicht zur Anwendung?
Regel 8:11a besagt, dass in den letzten 30 Sekunden, wenn der Ball nicht im Spiel ist, ein Spieler oder Offizieller keine Wurfausführung des Gegners behindern oder verzögern darf.
Der Einwurf wurde zwar verhindert, jedoch durch den unberechtigten Pfiff des Zeitnehmers, der gar nicht hätte pfeifen dürfen. Daher greift Regel 8:11a hier nicht.
Selbst wenn das unberechtigte Legen der grünen Karte als Unsportlichkeit interpretiert würde, hätte der Zeitnehmer die Karte dem Offiziellen zurückgeben müssen – ohne das Spiel zu unterbrechen. Die oben genannte Aussage bleibt daher bestehen.
Anmerkung
Anhand des Videos ist davon auszugehen, dass der Offizielle von Mannschaft ROT dachte, die Spielfortsetzung sei ein Abwurf (ohne die Entscheidung der Schiedsrichter abzuwarten), also Ballbesitz für Mannschaft ROT. Dies ist nicht als Unsportlichkeit zu werten.
Regel 8:11a wäre jedoch in folgender Konstellation anzuwenden:
Wird das Spiel in den letzten 30 Sekunden wegen einer Wurfverhinderung unterbrochen, die nicht direkt mit der Wurfvorbereitung oder Wurfausführung zusammenhängt (z. B. Wechselfehler oder unsportliches Verhalten im Auswechselraum), ist Regel 8:11a anzuwenden.
Beispiel: Hätte sich der Offizielle unsportlich verhalten (z. B. lautstarker Protest mit intensivem Gestikulieren oder provokatives Verhalten im Auswechselraum) und die Schiedsrichter hätten das Spiel vor der Ausführung des Einwurfs unterbrochen, wäre Regel 8:11a anzuwenden.
Fazit
Die Entscheidung der Schiedsrichter (7-Meter-Wurf und Hinausstellung des Offiziellen) ist falsch. Der Zeitnehmer hat nicht regelkonform gehandelt, da er das Spiel nicht hätte unterbrechen dürfen.
Hinweis
Bei der Nutzung eines elektronischen Team-Time-outs sähe die Situation anders aus, da die Verantwortung in diesem Fall vom Zeitnehmer/Delegierten auf den Mannschaftsoffiziellen übergeht. Hätte der Offizielle B in dieser Situation den Buzzer betätigt (sofern vorhanden), wären folgende Konsequenzen möglich gewesen:
- Progressive Bestrafung des Mannschaftsoffiziellen, der das Team-Time-out beantragt hat.
- Die gegnerische Mannschaft hätte das Recht, zwischen einem 7-Meter-Wurf oder Ballbesitz zu wählen.
- Die Mannschaft, die das unzulässige Team-Time-out verursacht hat, verliert ein Team-Time-out (die Gesamtzahl der verfügbaren Time-outs wird um eins reduziert).
Übrigens: Das Spiel endete mit 40:38 für Mannschaft ROT. Die falsche Entscheidung hatte somit keinen Einfluss auf das Endergebnis, da der 7-Meter-Wurf verwandelt wurde.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.