Wolfgang Jamelle, seines Zeichens DHB-Schiedsrichterwart. (Foto: Sascha Klahn)

„Wir können nicht alles auf Eis legen.“

Ein Interview mit Wolfgang Jamelle zur aktuellen Lage. Der Schiedsrichterwart des Deutschen Handballbundes spricht über die Zwangspause durch das Coronavirus, die Maßnahmen, um die spielfreie Zeit zu überbrücken, und die möglichen Auswirkungen auf die Kadereinteilung.

 

Redaktion: Herr Jamelle, durch die Auswirkungen des Coronavirus ist der Spielbetrieb aktuell deutschlandweit ausgesetzt. Wie ist die Lage für die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter? 

Wolfgang Jamelle: Solange die Möglichkeit besteht, dass weitergespielt wird, können wir nicht alles auf Eis legen. Wir wissen aktuell natürlich nicht, ob der Spielbetrieb überhaupt noch einmal aufgenommen werden kann – und wenn ja, wann. Die Frauen-Bundesliga hat ihre Saison bereits abgesagt. Ebenso ist in den Landesverbänden unklar, ob es weitergeht; auch die Männer-Bundesliga hat sich die Entscheidung noch offen gehalten wie der DHB für die 3. Liga und die Jugendbundesliga. Auch die EHF hat noch nicht abgesagt. Wenn im Mai oder Juni die Entscheidung fällt, dass man den Spielbetrieb wieder aufnimmt, müssen wir bereit sein. Daher haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir die Zeit überbrücken.

 

Und wie soll das gelingen?

Einerseits kommen unsere Schiedsrichter etwas zur Ruhe und können durchatmen. Das ist sicherlich ein positiver Effekt. Wir haben zudem einige angeschlagene Schiedsrichter, die beispielsweise mit Problemen an der Achillessehne kämpfen. Die freuen sich natürlich über die Pause. Auch Tobias Tönnies hat nun mehr Zeit, sich nach seiner Wadenverletzung auszukurieren – ein Einsatz bei der Olympia-Qualifikation Mitte April wäre hingegen kritisch geworden.

Auf der anderen Seite haben wir unsere Schiedsrichter gebeten, die Zeit dennoch zu nutzen. Athletik-Bundestrainer David Gröger hat sie deshalb mit einem sechswöchigen Lauftrainingsplan versorgt. Alle sollen sich so fit halten, dass sie jederzeit wieder problemlos und gut vorbereitet in den Spielbetrieb einsteigen können. Auch die individuellen Fitnessübungen, die der DHB jetzt regelmäßig per Video veröffentlicht, sind eine gute Möglichkeit.

 

Inwiefern werden Sie die spielfreie Zeit nutzen, um verstärkt mit Videoszenen und Videotests zu arbeiten?

Das ist neben der Fitness der zweite große Baustein. Wir hatten Anfang des Monats eine Zusammenkunft des Lehrstabs, weil im Mai eigentlich eine Tagung mit den Schiedsrichterwarten und Schiedsrichter-Lehrwarten der Landesverbände angestanden hätte. Es ging um die Schwerpunkte für die kommenden Monate und um Dinge, die regeltechnisch in der Diskussion sind. Wir haben uns also erst vor kurzem verständigt, auf welchem Stand wir sind und können davon jetzt profitieren. Wir werden die Lehrarbeit mit diesen Themenschwerpunkten gezielt vorantreiben.

 

Was heißt das konkret?

Wir wollen, dass sich die Schiedsrichter weiterhin mit dem Handball beschäftigen. Wir werden daher in Kürze einen Videotest erstellen, den die Schiedsrichter absolvieren sollen. Je nachdem, wie lange die Pause dauert, folgen vielleicht noch weitere Videotests.

Unser Lehrstab ist parallel dabei, die individuellen Schwerpunkte der einzelnen Teams aufzubereiten, die sich aus den Rückmeldungen der neutralen Coaches und der Vereine ergeben. Die Teams erhalten dann die Aufgabe, ihre bisherigen Saisonspiele mit Blick auf einen bestimmten Bereich – beispielsweise Schrittfehler, Stürmerfoul oder Progression – noch einmal zu analysieren.

 

Sprich: Der Kontakt ist auch ohne Spielbetrieb weiterhin eng?

Ja. Wir haben kürzlich erst die Laufpläne verschickt und stehen auch weiterhin im Austausch – natürlich per E-Mail oder Telefon. Wir werden eventuell auch mit kleinen Gruppen Videokonferenzen machen, um bestimmte Themen und Schwerpunkte zu besprechen. Wir haben vor einigen Wochen einen Videolehrgang mit unserem Perspektivkader gemacht, da haben wir erste Erfahrungen gesammelt (Anm. d. Red.: Wir haben darüber berichtet, siehe hier).

Das Medium der Videokonferenz wollen wir jetzt verstärkt nutzen. Am Mittwoch fand zum Beispiel bereits ein Austausch zwischen den Bundestrainern und unserem Elite- und Eliteanschlusskader statt. Sie haben sich über Schwerpunkte, Erfahrungen und die Spielauffassung ausgetauscht.

Auch das Schiedsrichterportal werden wir weiter intensiv bestücken und auf Sportlounge immer wieder neue Szenen und Spiele einstellen. Während des normalen Spielbetriebs ist es nicht zu leisten, jedes Spiel bis ins kleinste Detail nachzuvollziehen und auf alle Anmerkungen und Kritik der Vereine einzugehen. Das werden wir jetzt aufarbeiten.

 

Wie sieht es in den Landesverbänden aus? Werden die Schiedsrichter dort auch weiterhin betreut und im Thema gehalten?

Dazu kann ich im Moment relativ wenig sagen. Wir wissen noch nicht, was die Landesverbände jeweils machen, da die Situation immer unterschiedlich ist. Ich hoffe jedoch, dass auch die Landesverbände die Zeit nutzen, um mit ihren Schiedsrichtern bestimmte Dinge aufzuarbeiten und sie so gut wie möglich auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs vorzubereiten.

In den kommenden Wochen werden wir die Landesverbände über die wichtigsten Themen der eigentlich für Anfang Mai in Halberstadt geplanten, aber inzwischen leider abgesagten Warte- und Lehrwartetagung informieren. Darüber hinaus wollen wir nochmals aufzeigen, wie in dieser für uns alle speziellen Zeit Video-Portale sinnvoll für die Fortbildung der Schiedsrichter*innen genutzt werden können.

 

 

Anhand der Eindrücke, die Sie sammeln konnten: Wie haben die Schiedsrichter auf die neue Lage in Deutschland reagiert?

Alle setzen die vorgegebenen Maßnahmen so gut um, wie es ihnen möglich ist, um die Gefahr zu minimieren. Wenn möglich, arbeiten unsere Schiedsrichter auch aus dem Homeoffice. Es haben jedoch nicht alle diese Möglichkeit; daher sind einige durch ihren Beruf sicherlich mehr gefährdet als diejenigen, die zu Hause bleiben können.

 

Der Spielbetrieb könnte jetzt monatelang ausgesetzt sein – bis zum Start der neuen Saison ist es ein knappes halbes Jahr. Wie wichtig ist es gerade aufgrund der Pause, dass sich die Schiedsrichter weiter mit Handball beschäftigen?

Es darf auf keinen Fall sein, dass jetzt jemand glaubt, dass er ein halbes Jahr Pause machen kann – nur, weil der Spielbetrieb möglicherweise erst im September wieder losgeht. Wir müssen uns stattdessen weiter mit dem Handball beschäftigen. Gerade, weil der Druck aktuell nicht so hoch ist, kann man sich mit bestimmten Themen viel intensiver auseinandersetzen als sonst im Laufe einer Saison. Jetzt können wir Themen ganz in Ruhe aufbereiten, anstatt sie hektisch durchzupeitschen, weil übermorgen schon wieder der nächste Spieltag ansteht. Das ist der große Vorteil, den wir für uns trotz der sehr, sehr kritischen Zeit für den Sport haben.

 

Welche Auswirkungen hätte ein möglicher Saisonabbruch auf den Auf- bzw. Abstieg zwischen den Kadern?

Über diese Frage werden wir uns zu gegebener Zeit Gedanken machen. Das ist für uns im Spitzenbereich nicht ganz so dramatisch wie in unteren Ligen, weil die Fluktuation zwischen den Kadern relativ gering ist. Meist steigen nur ein bis zwei Gespanne auf bzw. ab. Wenn wir die Saison mit dem aktuellen Stand beenden müssten, werden wir sicherlich eine sozial und sportlich verträgliche Lösung finden. Falls wir dann ausnahmsweise ein, zwei Teams mehr in einem Kader für die kommende Saison haben, wäre das auch nicht weiter dramatisch …

 

Wird es in dieser Frage eine einheitliche Regelung für alle Landesverbände geben?

Jeder Landesverband hat seine eigenen spezifischen Regelungen, daher wird das aus meiner Sicht nicht machbar sein. Es steigt beispielsweise nicht immer nur das Gespann Nummer Eins auf, sondern die Landesverbände berücksichtigen teilweise verschiedene Dinge. Außerdem hängt es auch immer mit der Größe der Kader zusammen, die ebenfalls extrem unterschiedlich sind.

Wie wir die Situation zwischen der 3. Liga und den Landesverbänden regeln, werden wir ebenfalls schauen müssen. Wenn wir den Kader der 3. Liga einfrieren, wäre es aus meiner Sicht nicht sinnvoll, die zwölf Regelaufsteiger aus den gemeinsamen Oberligen einfach dazuzunehmen. Dann wäre der Kader extrem groß. Wir werden daher eine gemeinsame Lösung erarbeiten, wenn das nötig wird.

 

Abschließend der Ausblick: Glauben Sie, dass es in dieser Saison noch einmal mit dem Spielbetrieb weitergeht?

Ich bin eher skeptisch und sehe uns aktuell nicht in einer Situation, dass wir im Juni wieder mit dem Spielbetrieb starten können. Wir können aus meiner Sicht froh sein, wenn wir Ende August oder Anfang September mit einer neuen Saison starten können!

Wir haben momentan alle den großen Wunsch, dass wir von dem Virus verschont bleiben und wir plädieren daher dafür, dass die vorgegebenen Regelungen eingehalten werden. Dadurch, dass sich auch Spieler und Trainer infiziert haben, wurde uns sehr drastisch vor Augen geführt, dass keiner gefeit ist. Wir appellieren daher an alle Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter, sich so gut wie möglich zu schützen und die Kontakte so weit wie möglich zu minimieren.