Quelle: DHB
Störversuche bei der Anwurfausführung in den letzten 30 Sekunden
Bei diesem Videobeispiel läuft der letzte Angriff in dem Spiel HC Erlangen gegen SG Flensburg-Handewitt am vorletzten Spieltag der Saison. Flensburg ist im Angriff und es steht Unentschieden, 26:26. Um noch Chancen auf die Deutsche Meisterschaft 2020/2021 zu wahren, muss Flensburg das Spiel gewinnen. WEISS 24 von der SG Flensburg-Handewitt trifft kurz vor Ende des Spiels zum 26:27. Es sind noch ca. drei Sekunden zu spielen, als der Torwart von Erlangen den Ball schnell aus dem Tor holt und zum eigenen Spieler an der Mittellinie spielt. SCHWARZ 25 steht korrekt auf der Mittellinie und der Feldschiedsrichter pfeift den Wurf bei ca. 59:59 an. Der Ausführende wirft direkt auf das leere Tor von Flensburg (Torwart Nr. 20 Flensburg steht an der Auswechsellinie und wartet eigentlich auf seine Einwechselung). Der (An-)Wurf wird aktiv durch WEISS 77, der den erforderlichen Abstand von drei Metern nicht einhält, gestört bzw. verhindert.
Hier die regeltechnische Einordnung von DHB-Schiedsrichterlehrwart Kay Holm:
Regel 8:10c findet Anwendung, wenn das Vergehen innerhalb der letzten 30 Sekunden oder zusammen mit dem Schlusssignal erfolgte (siehe Regel 2:4, Abs. 1).
Wenn in den letzten 30 Sekunden ein Spieler die Anwurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, ist der fehlbare Spieler gemäß 8:10c zu disqualifizieren und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7-Meter-Wurf zuzusprechen.
Die bestehende Guideline „Abstandsvergehen (Regel 8:10c)“ – einschließlich einer zusätzlichen Interpretation, wonach bei aktivem Vergehen eines Verteidigers während der Wurfausführung ein 7-Meter-Wurf und eine Disqualifikation auch während der Wurfausführung erforderlich sind – wurde zum 01.07.2018 wie folgt aktualisiert:
Wird beispielsweise ein Wurf ausgeführt, aber von einem Spieler geblockt, der zu nahe steht und den Wurf aktiv verhindert bzw. den Werfer bei der Wurfausführung stört, dann ist Regel 8:10c anzuwenden.
Ein solches Verhalten liegt auch in unserem aktuellen Videobeispiel vor. Alle Kriterien der Regel 8:10c sind also erfüllt. Nach Beratung der Schiedsrichter hätte der fehlbare Spieler gemäß 8:10c disqualifiziert und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7-Meter-Wurf zugesprochen werden müssen.
Was wäre eigentlich, wenn dies in der 15. Spielminute und nicht erst zum Spielende passiert wäre? Auch hier hilft ein Blick in die Regeln.
Die Definition einer klaren Torgelegenheit in den in Erläuterung 6c angegebenen Situationen, in denen eine klare und ungehinderte Gelegenheit zum Wurf des Balls ins leere Tor besteht, setzt voraus, dass der Spieler in Ballbesitz eindeutig direkt auf das leere Tor zu werfen versucht. Diese Situation gilt als klare Torgelegenheit – bei allen Arten von Verstößen, ob der Ball im Spiel ist oder nicht, und bei jedem Wurf, der bei korrekten Positionen des Werfers und seiner Mitspieler ausgeführt wird. Auch hier wäre die Spielfortsetzung ein 7-Meter-Wurf, der fehlbare Spieler würde aber nur progressiv bestraft.
Fazit
Regel 8:10c wurde gerade deshalb überarbeitet, um zu verhindern, dass gewisse unsportliche Verhaltensweisen von Spielern in den letzten Sekunden eines Spiels der Mannschaft des schuldigen Spielers zum Sieg verhelfen können, aber auch, um das Image des Handballsports nicht zu beeinträchtigen. Nur muss sie konsequent von den Schiedsrichtern angewandt werden.
Neben der Regelkenntnis und -sicherheit ist es wichtig, als Schiedsrichter bis zur letzten Sekunde voll konzentriert zu bleiben.
Die hier getroffene Entscheidung hatte – glücklicherweise - keinen weiteren Einfluss auf die diesjährige Meisterschaft.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.