Hier gibt es nichts zu diskutieren: Der „Haltegriff“ des russischen Verteidigers gegen Jannik Kohlbacher muss mit einer Hinausstellung geahndet werden! (Foto: imago/Rene Schulz)
Progressive Maßnahmen bei der Männer-WM 2019
In der Kritik stand aber auch die Anwendung der progressiven Bestrafung durch die Schiedsrichter – und dass bereits nach dem Eröffnungsspiel: „Zu kleinlich, zu schwankend, zu verunsichert, nicht berechenbar“, waren nur einige der geäußerten Negativ-Beurteilungen. Mit etwas zeitlichem Abstand soll folgend ein Versuch unternommen werden, objektive Daten (Quelle: IHF- und DHB-Spielprotokolle) und Informationen mit den persönlichen Erfahrungen, Eindrücken und Einschätzungen abzugleichen.
Chronik der Regeländerungen seit 2005
Zur Einordnung ist es erforderlich, sich die Sachverhalte aus der Vergangenheit anzusehen und die sich eventuell daraus ergebenen Trends. Daneben ist oft auch der Vergleich mit anderen Events hilfreich, um ein abgerundetes Bild zu erhalten. Im Bereich des DHB bietet sich dafür allemal ein Vergleich mit den Männer-Profiligen an. In der Folge betrachten wir deshalb die Männer-Weltmeisterschaften ab 2005, die mit folgenden Regelfassung gespielt wurden:
- Die 19. Männer-WM 2005 fand zu Beginn des Jahres statt – es galt die Regelfassung aus 2001.
- Mit der Regeländerung im August 2005 kam für die Schiedsrichter eine Vielzahl kleinerer, aber auch einschneidender Veränderungen zum Tragen. In einer Auflistung wurden diese – nicht nur – für die Schiedsrichter vom seinerzeitigen DHB-Schiedsrichterlehrwart Hans Thomas (verstorben 2011) zusammengefasst und verständlich vermittelt. Mit diesen Regelbestimmungen sind die Weltmeisterschaften 2007 und 2009 ausgetragen worden.
- Erst im Jahr 2010 gab es die nächste bedeutende Veränderung in den Handballregeln. Mit dem damaligen IHF-Schiedsrichterwart Manfred Prause konnte kurzfristig eine Kompaktinformation zur deutschen Fassung der neuen IHF-Regeln verfasst werden. Insgesamt drei Weltmeisterschaften (2011, 2013 und 2015) wurden mit diesem Regelwerk bestritten.
- 2016 erwartete die Handballwelt eine kleine Regeländerung mit enormer Auswirkung auf die Spielkultur. Es war nicht mehr erforderlich, jederzeit einen Torwart auf dem Spielfeld zu haben. Der 7. Feldspieler (der bisher nur mit einem Überziehleibchen eingesetzt werden konnte) war geboren.
- Für die WM 2019 ist anzumerken, dass im Sommer 2018 seitens der IHF Ergänzungen zu den Guidelines und Interpretationen herausgegeben wurden, die für das Spielgeschehen ebenso von Bedeutung waren (siehe „Guidelines“), wie die den eingesetzten Schiedsrichtern im Vorfeld der WM vermittelten Auslegungsrichtlinien zur Verwarnung (Regel 8:3) und zur direkten Hinausstellung (Regel 8:8).
Statistische Auswertung der progressiven Maßnahmen seit 2005
Die oben gezeigte Abbildung listet Parameter der letzten acht Weltmeisterschaften und zum Zeitpunkt der Untersuchung verfügbare Werte der 1. und 2. Männer-Bundesliga (HBL) auf.
Bemerkenswert ist, dass die während der WM 2019 durchschnittlich erzielten Tore pro Spiel (54,57 Tore) in der untersuchten Reihe lediglich einen Mittelplatz einnehmen – bspw. ist bei der WM 2017 in Frankreich nahezu ein Tor mehr je Spiel gefallen. Andererseits liegen die Referenzwerte der DHB-Bundesligen zu den erzielten durchschnittlichen Treffern je Spiel unter denen der aktuellen WM.
Es zeigt sich jedoch deutlich, dass die WM 2019 bei den progressiven Maßnahmen das Schlusslicht darstellt. Noch nie gab es im Durchschnitt so wenige progressive Maßnahmen pro Spiel (11,65 progressive Bestrafungen). Gegenüber der WM 2005 beträgt der Rückgang sogar mehr als fünf Bestrafungen je Spiel. Noch extremer ist der Rückgang der ausgesprochenen Verwarnungen: Hier hat seit der WM 2015 nahezu eine Halbierung stattgefunden. Gegenüber den Referenzwerten aus der 1. und 2. Bundesliga gab es im Schnitt drei Verwarnungen weniger.
Bei den ausgesprochenen Hinausstellungen bewegt sich die WM 2019 mit durchschnittlich 8,06 Maßnahmen je Spiel im Ranking auf Platz 5. Im Durchschnitt aller untersuchten Weltmeisterschaften wurden 8,51 Hinausstellungen ausgesprochen.
Der Durchschnittswert sagt nicht alles
Nicht nur die Anzahl der in den einzelnen Spielen ausgesprochenen progressiven Maßnahmen war unterschiedlich und führte letztlich zu den berechneten Durchschnittswerten, auch die Verteilung auf die Teams sowie die zeitliche Lage im jeweiligen Spiel sagen viel über die progressive Linie während dieser WM aus: Die Spanne der progressiven Maßnahmen in einem Spiel reichte von zwei bis 19 Bestrafungen wie die Abbildung oben verdeutlicht.
Um einen noch besseren Einblick in die von den WM-Schiedsrichtern angewandte progressive Linie zu bekommen, muss betrachtet werden, wann die progressiven Maßnahmen (unterteilt nach Verwarnungen und Hinausstellungen) im Verlauf des Spiels ausgesprochen wurden. Häufig gestellte Fragen in diesem Zusammenhang sind: Wie sind die Schiedsrichter in die Spiele eingestiegen? Und wie war ihre Linie in den letzten fünf Minuten des Spiels? Einen ersten Überblick erlaubt folgende Abbildung.
In die ersten zehn Minuten eines Spiels fiel demnach etwa ein Viertel der getroffenen Maßnahmen (23,6 %). Ein weiteres Drittel (33,5 %) wurde zwischen der 10. und 25. Spielminute ausgesprochen. In den letzten zehn Spielminuten sind noch 11,3 % aller progressiven Maßnahmen notiert worden. Bemerkenswert ist hier die Tatsache, dass im gesamten Turnierverlauf lediglich drei Verwarnungen in die 2. Halbzeit fielen. Eine Tatsache, die auch in einer schriftlichen Reaktion/Information des Ausschusses der DHB-Schiedsrichterlehrwarte Erwähnung gefunden hat. Mit Bezug zu den vorangegangenen Feststellungen heißt es dort unter anderem: „Ausdrücklich weisen wir darauf hin, dass überharte Aktionen sofort und konsequent mit Hinausstellung oder einer Disqualifikation geahndet werden müssen, wir aber an der üblichen Progressionsreihe bis zu 3 Verwarnungen pro Mannschaft festhalten.“
Eine Aussage, die sich mit dem aktuellen Regelwerk deckt und die Verwarnung als zunächst folgenlose Bestrafung einstuft. Sie ist aber auch kein reines Zahlenspiel, sondern bei sinnvollem Einsatz für den Schiedsrichter ein wirksames Mittel einer aktiven Ausrichtung des Spielgeschehens. „Bis hier hin und nicht weiter!“ lautet die Botschaft einer Verwarnung. Deshalb ist ihr Einsatz für Vergehen, die eigentlich einer anderen Stufe der Bestrafung zuzuordnen sind (siehe Regeln 8:4, 8:5, 8:6, 8:8, 8:9 und 8:10) ebenso falsch, wie ihr Einsatz für absolute Kleinigkeiten zur Erreichung einer „Sollzahl“. Ein Vergehen mit einer Hinausstellung zu ahnden, obwohl eine Verwarnung noch sinnvoll gegeben werden kann, bedeutet, die betreffende Mannschaft ungerechtfertigt in eine Unterzahl zu bringen, die sich durchaus ergebniswirksam darstellen kann.