Foto: Thomas Hammerschmidt

Progressive Linie bei der Frauen-WM

Zieht man die in der freien Enzyklopädie Wikipedia veröffentlichten Statistiken zu Rate, hat sich die durchschnittliche Anzahl der progressiven Bestrafungen gegenüber Spielerinnen und Offiziellen in den letzten drei Weltmeisterschaften deutlich reduziert.

Lag der Durchschnitt je Spiel bei der Weltmeisterschaft der Frauen 2015 in Dänemark noch bei 14, sank er bereits bei der WM 2017 in Deutschland auf 12. Bei der aktuellen Weltmeisterschaft in Japan waren lediglich noch 10 progressive Maßnahmen je Spiel zu verzeichnen. Betrachtet man ausschließlich die Anzahl der Maßnahmen, die auf die Spielerinnen entfielen, kommt man auf einen Durchschnittswert von 9,5 progressiven Bestrafungen je Spiel.

Eine noch deutlichere Veränderung ist für den Bereich der Verwarnungen zu beobachten. Lag die Anzahl der gelben Karten je Spiel mit 5,84 bei der WM 2015 in Dänemark im Durchschnitt noch nahe am regeltechnischen Maximum gemäß dem Kommentar zur Regel 16:1, so wurde für die soeben beendete WM in Japan ein durchschnittlicher Wert von nur noch 1,78 je Spiel ermittelt. Also pro Spiel nicht mal eine Verwarnung je beteiligter Mannschaft.

Hiermit setzt sich für Weltmeisterschaftsspiele ein Trend fort, der schon bei der Männer-WM in Deutschland Anfang 2019 zu beobachten war. Dort lag der Durchschnitt bei 3,3 Verwarnungen je Spiel, wobei der Wert für die bei beiden IHF-Events ausgesprochenen Hinausstellungen mit im Mittel etwa 8 Zeitstrafen je Spiel nahezu identisch war.

Die Anzahl der ausgesprochenen Verwarnungen, die als regeltechnischer Einstieg in die Progression vorgesehen ist (siehe auch Regel 8:3 Abs. 1), ist somit in den letzten Weltmeisterschaften um ca. 70 % zurückgegangen.

In der aktuellen WM hat es lediglich zwei Spiele gegeben, bei denen gegen eine der beteiligten Mannschaften die maximale Anzahl von drei Verwarnungen durch die Schiedsrichter ausgesprochen wurde. Ohne Verwarnung gegen eines der beiden beteiligten Teams wurden 45 Spiele beendet. In weiteren zehn Begegnungen wurde gegen keine der beteiligten Mannschaften eine Verwarnung ausgesprochen. Gleichwohl blieben Teams, die keine Verwarnung erhalten hatten, nicht ohne progressive Bestrafung. Bisweilen wurden gegen diese Mannschaften 7, 8 und sogar 9 Hinausstellungen im selben Spiel ausgesprochen.

Eine Entwicklung, die es vor dem Hintergrund der zuvor genannten Regelbestimmung zu hinterfragen gilt. Dies umso mehr, als andererseits die Spanne der in den WM-Spielen ausgesprochenen progressiven Maßnahmen von einer (eine Hinausstellung) bis zu 16 Einzelmaßnahmen im gesamten Spiel gegen die eingesetzten Spielerinnen reichte und damit weiterhin recht beachtlich ist und für eine differenzierte, dem jeweiligen Spiel angemessene Handhabung durch die Schiedsrichterinnen spricht.

Dass die Anzahl der gegen ein Team ausgesprochenen progressiven Maßnahmen nicht immer der Schlüssel für Sieg oder Niederlage ist, zeigt das folgende besonders kuriose Beispiel:

In der ersten Halbzeit erhält Team A eine Verwarnung und zwei Hinausstellungen. Das gegnerische Team wird nicht verwarnt, spielt hingegen wegen fünf erfolgten Hinausstellungen 10 Minuten in Unterzahl. Dennoch führt dieses Team zur Halbzeit mit vier Toren.

In der zweiten Halbzeit kommt es bei den progressiven Maßnahmen lediglich noch zu einer Hinausstellung für Team A. Da die gegnerische Mannschaft in der zweiten Spielhälfte nur noch drei Treffer erzielen kann, gelingt es Team A jedoch, das Spiel mit sage und schreibe neun Treffern Vorsprung für sich zu entscheiden.