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Pragmatismus – ein Problemlöser?

Immer häufiger hört man in unserer Gesellschaft den Satz: „Dann lass es uns doch einfach so machen!“ Das Wörtchen „einfach“ suggeriert eine schnelle, unkomplizierte – pragmatische – Problemlösung. Auf Nachhaltigkeit wird dabei nur wenig Wert gelegt.

Meist kommt es dann so, wie es kommen muss: Die pragmatische Lösung taugt nur für den Einzelfall und ist in der nächsten, leicht abweichenden Situation unbrauchbar oder führt zu abstrusen Ergebnissen.

Noch schlimmer finde ich es, wenn der Satz leicht abgewandelt daherkommt. „Wir machen es einfach so!“ – hier schwingt für mein Verständnis bereits die Ahnung mit, dass diese schnelle Lösung wenig stabil ist, da andere, eigentlich zwingend einzubeziehende Fallgestaltungen nur unzulänglich geprüft wurden. Meist kennt man schon die Fälle, in denen diese pragmatische Lösung nicht oder nur unbefriedigend angewandt werden kann, und gibt sich der Hoffnung hin, dass es zu solchen Problem-Varianten schlicht nicht kommen wird. Vogel Strauß lässt grüßen!

Ein Beispiel: Nehmen wir an, dass einige Urlauber im Hochsommer mit ihrem geländegängigen Fahrzeug an einen Bachlauf kommen, der witterungsbedingt nur wenig Wasser führt. Eine an praktischen Erwägungen orientierte Entscheidung führt schnell zu der Erkenntnis, den Bachlauf durchfahren zu können.

Wie aber müssten die Scouts eines Reiseveranstalters an die Situation herangehen, die den Auftrag haben, eine neue Ganzjahresroute auszukundschaften. Müssten sie nicht auch bedenken, welche Probleme der Bachlauf im Winter oder während der Schneeschmelze im Frühjahr bereiten könnte?

Ich meine, dass sich die Scouts mit der pragmatischen Entscheidung der Urlauber nicht zufriedengeben dürfen. Sie müssen alle theoretischen Möglichkeiten durchspielen und eine nachhaltige, für alle denkbaren Situationen gleichermaßen gültige Lösung finden. Was dazu führen könnte, dass der Reiseveranstalter in der Routenbeschreibung seines Tourguides die Nutzung einer nur wenig entfernten sichereren Dorfstraße empfiehlt, weil diese zu allen Jahreszeiten nutzbar ist.

Dem ein oder anderen wird es inzwischen schon dämmern: Das Beispiel kann durchaus auch auf den Handballsport und dort insbesondere auf die Anwendung des Reglements projiziert werden. Hier besteht durchaus auch die Gefahr der pragmatischen, meist nur auf Einzelsituationen anwendbaren Lösungen.

Ein Reglement, wo immer es auch gebraucht wird, lebt von der Grundsätzlichkeit seiner Bestimmungen. Es ist das belastbare Fundament und stellt den verlässlichen Rahmen bzw. die verbindlich geltende Richtlinie zur Verfügung, die insbesondere im Sport den fairen Wettbewerb erst möglich macht. Dafür verlangt ein Reglement von seinen Verfassern und von seinen Anwendern gleichermaßen Kontinuität, stellt es doch eine im Rahmen einer Übereinkunft verbindlich festgelegte Richtlinie für einen bestimmten Bereich dar.

Wenn in einem derartigen, von mannigfaltigen Beziehungen und Verknüpfungen geprägten Bestimmungsgeflecht die Ausnahme von der Ausnahme erst mal zur „Regel“ geworden ist, ist das Ende eines nachhaltigen Reglements besiegelt. Dies gilt insbesondere dann, wenn die dem Reglement innewohnende Richtschnur, der „rote Faden“, vielfach durch pragmatische Lösungen zerschnitten wurde. Das Reglement verliert dadurch schnell den inneren Zusammenhalt und kann seiner Aufgabe nur noch bedingt gerecht werden. Deshalb sollten wir alle stets gut überlegen, ob die pragmatische Lösung, die mit wenig Aufwand lockt, den etwas steinigeren Weg, der denkbare Lösungen immer auch an den bereits bestehenden Bestimmungen abprüft, ablösen kann.