Reiner und Bernd Methe leiteten über 200 internationale Spiele und bei der EM 2010 das Finale. – Ein Schiedsrichtergespann mit Persönlichkeit, das leider viel zu früh vertarb (Foto: imago/Claus Bergmann).

Pfeifst Du nur oder bist Du schon wer?

Wie steigt man zu einer respektierten Persönlichkeit im Schiedsrichterwesen auf? – Diese Frage ist so leicht leider nicht zu beantworten. Obwohl viele Aspekte erlernbar sind, handelt es sich nicht ausschließlich um Lernstoff, der am Ende womöglich mit einer kombinierten schriftlichen und mündlichen Prüfung abgefragt wird. Nähern wir uns der Antwort also mal einfach an!

Schiedsrichterpersönlichkeit – wer oder was ist das?

„Wenn der das so pfeift, wird das schon in Ordnung sein!“, sagt der Zuschauer zu seinem Nachbarn. Auf dem Spielfeld legt ob dieser Entscheidung womöglich manch ­einer die Stirn in Falten. Der Trainer der betroffenen Mannschaft versucht, nicht zu diskutieren, sondern bedeutet seinen Spielern, dass es weitergeht.  

All das sind natürliche Reaktionen, wenn ein akzeptierter Schiedsrichterkollege mit einer seiner Entscheidungen mal nicht so ins Schwarze getroffen hat. Diese Akzeptanz genießt aber bei weitem nicht jedes Schiedsrichterteam. Meist sind es die herausragenden Persönlichkeiten unter den Schiedsrichtern, die sich eine derartige Entscheidung schon mal erlauben können, ohne dass gleich Protest aufbrandet. Aber Vorsicht: Das darf nicht zum Dauerzustand werden! Und sollte zudem auch nicht in kritischen, spielentscheidenden Situationen geschehen. Die Akzeptanz der Betroffenen wird umso mehr strapaziert, wenn sie keine Möglichkeit haben, die (vermeintliche oder faktische) Fehlentscheidung im weiteren Spielverlauf zu korrigieren.   

Wie auch immer: Wer möchte keine Schiedsrichterpersönlichkeit sein, der so viel Akzeptanz für ihre Entscheidungen entgegengebracht wird? 

Aus dem Kreis der Anwärter auf ein solches Schiedsrichterlevel dürfen sich jedenfalls all diejenigen gleich verabschieden, die aus Geltungsbedürfnis zur Pfeife greifen und auf dem Spielfeld vornehmlich sich selbst darstellen möchten. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, wie das Bekenntnis ­eines Schiedsrichterlehrgangs aus dem Jahr 1954 belegt (siehe historische Aufnahme).    

Auf der Suche nach Antworten auf die in der Überschrift dieses Beitrags formulierte Frage kommt man an den Vorgaben für ­eine Schiedsrichterbeobachtung nicht vorbei. Seit vielen Jahren ist allen Verantwortlichen im Schiedsrichterwesen bewusst, dass Regelkenntnis allein nicht ausreicht. Bedeutungsvoll heißt es in diesem Kontext: Wir wollen unsere Sportkameraden vom Regelpolizisten zum Gamemanager entwickeln. Dafür aber ist die Entwicklung zur Persönlichkeit unerlässlich. 

Es muss einem Schiedsrichter mit seiner Persönlichkeit und seiner positiven Einflussnahme gelingen, seine Entscheidungen allen am Spiel Beteiligten – ja, auch den Zuschauern! – glaubhaft verständlich zu machen. Auch die lückenloseste Kenntnis des theoretischen Regelwerks reicht dafür alleine nicht. Wer sich (nur) darauf beschränkt, wird den Status des Regelpolizisten nicht hinter sich lassen. 

Ein Schiedsrichter muss verstehen und für sich verarbeiten, dass er durch seine Aufgabe zur „Person öffentlichen Interesses" wird und sein persönliches Auftreten weit über das Spiel hinaus im Blickpunkt steht. Sinnbildlich steht hier, wie bei den Musketieren, der Einzelne für die Allgemeinheit. Will heißen: Der Eindruck, den ein einzelner Schiedsrichter in der Öffentlichkeit hinterlässt, wird – zumal, wenn die Bewertung kritisch ausfällt – vielfach der gesamten Gilde angelastet.

Man spricht eben dann nicht von dem Schiedsrichter, sondern von den Schiedsrichtern.  
Insofern darf der Pfiff des Schiedsrichters nicht nur die regelgerechte Unterbrechung des Spiels sein. Er sollte auch akzeptiert werden. Letzteres ist wiederum sehr abhängig vom „WIE" des Vermittelns. Und dieses „WIE“ steht eben nicht im Regelbuch.

Kriterien und Merkmale einer ­Schiedsrichterpersönlichkeit

Wer in der Theorie oder vor Ort beurteilen möchte, ob ein Schiedsrichter bereits über die wesentlichen erforderlichen Kriterien und Merkmale einer Schiedsrichterpersönlichkeit verfügt, sollte sich die nachfolgenden Fragen beantworten:  

  • Verhält er sich natürlich; ist er ruhig und souverän und agiert respektvoll gegenüber allen anderen?  
  • Macht er in seinen Handlungen einen vertrauensvollen und sicheren Eindruck?  
  • Hat er spieltaktisches Verständnis, mit dem er sich auf die Mannschaften einstellt?  
  • Wendet er die Vorteilsregel spielangemessen und durchgängig an?  
  • Lässt er sich weder von Offiziellen und Spielern noch vom Publikum beeinflussen?  
  • Hat er auch den Mut, unpopuläre Entscheidungen zu treffen?  
  • Hat er eine entsprechende körperliche Fitness, um durch angepasstes Lauf- und Stellungsspiel keine Beobachtungs- und Entscheidungsdefizite aufkommen zu lassen?  
  • Entscheidet er grundsätzlich aus einem dynamischen Bewegungsverhalten?  
  • Bleibt er im Spiel gleichbleibend und durchgängig konzentriert?  
  • Beherrscht er die Anwendung der optischen Signale?  
  • Entsprechen die optischen Signale den Vorgaben des Regelwerks?  
  • Sind die optischen Signale deutlich und den jeweiligen Entscheidungen angemessen?  
  • Beherrscht er die Anwendung der akustischen Signale?  
  • Pfeift er entsprechend dem Regelwerk zeitnah?  
  • Ist das akustische Signal angemessen in der Lautstärke und der jeweiligen Situation entsprechend melodisch?  

Allgemeine Definition von Persönlichkeit

Ein anderer Lösungsansatz, sich dem Wem oder Was einer Schiedsrichterpersönlichkeit zu nähern, führt über die gesellschaftliche Persönlichkeitsdefinition. Vielfach werden hier folgende Kriterien und Merkmale aufgeführt:  

  • Ein vielseitig gebildeter Mensch.  
  • Eine in sich gefestigte und bedeutende Person.  
  • Ein sehr individueller Mensch.  
  • Eine Person, die eine Führungsposition in der Gesellschaft einnimmt.  

Eine Transformation dieser Beschreibung auf einen Schiedsrichter kann dabei durchaus spezieller und etwas tiefgreifender formuliert werden. Nachfolgend ist der Versuch einer Charakterisierung einer solchen Person dokumentiert. Naturgemäß findet sich ein nicht unbedeutender Teil bereits angesprochener Punkte in dieser Betrachtung wieder.

Charaktereigenschaften einer ­Schiedsrichter­persönlichkeit

Eine Schiedsrichterpersönlichkeit  

  • zeigt vor, während und nach dem Spiel ein entschiedenes, selbstbewusstes, überzeugendes und sicheres Auftreten;  
  • handelt energisch, unparteiisch und mutig;  
  • verschafft sich Respekt, Akzeptanz und Anerkennung mit klaren und nachvollziehbaren Entscheidungen;  
  • ist für alle am Spiel Beteiligten berechenbar;  
  • lässt sich durch Kritik nicht beeinflussen;  
  • lässt eine klare und nachvollziehbare ­Linie in allen Bereichen und während des gesamten Spiels erkennen;  
  • macht sich nicht zum Hauptdarsteller auf dem Spielfeld;  
  • hat die Bereitschaft und die ­Charakter­eigenschaft, eine stetige Verbesserung der Persönlichkeit anzustreben.

Gerade der letzte Punkt offenbart bei dieser Sichtweise allerdings einen wichtigen Aspekt des Problems, dem man sich nicht verschließen kann. Eine Schiedsrichterpersönlichkeit wird nicht geboren oder fällt ­eines Tages geformt vom Himmel! Nein, sie wird sich im Laufe der Zeit und zum Teil auch mühsam in und außerhalb der Sporthalle entwickeln müssen.  
So mancher Leser mag sich jetzt fragen: Wie geht es denn nun weiter? Was kann ich nach den Hinweisen und Erläuterungen denn jetzt tun?  

Zu empfehlen gibt es eigentlich nur eins: Fang an, etwas für deine Persönlichkeitsentwicklung zu tun! Erforsche deine Kompetenzen und überlege, wie du diese stärken und verbessern kannst. Schau auf deine Schwächen und finde Wege, wie diese zu beherrschen sind, damit sie an Intensität verlieren.  

Aber versuche nicht, alles auf einmal zu bearbeiten. Finde dein persönliches Thema, mit dem du gleich – nicht erst morgen – starten willst! Mach dir einen Plan und setze dir Ziele. Menschen, die planvoll und zielgerichtet vorgehen, erzielen die deutlich besseren Ergebnisse in kürzerer Zeit.  

Als kleine Hilfestellung auf diesem sicherlich nicht einfachen Weg sollen dir die folgenden zehn goldenen Verhaltensregeln dienen, die eine Schiedsrichterpersönlichkeit allemal beachtet und die einer guten Atmosphäre dienlich sind.