Quellen: HVM, Sportlounge (2)
Passives Vorwarnzeichen – und dann?
Beim Ziel sind sich alle einig: Eine unattraktive Spielweise soll unterbunden und gute Abwehrarbeit belohnt werden. Allerdings gehen die Meinungen häufig bei der Frage auseinander, wann passives Spiel vorliegt und zu welchem Zeitpunkt die Schiedsrichter mit dem Vorwarnzeichen beginnen sollten. Seit der Regeländerung 2016 gibt es nachvollziehbare und bestimmbare Kriterien, wann auf passives Spiel zu entscheiden ist. Die Praxis zeigt, dass diese Präzisierung zu deutlich mehr Verständnis und Akzeptanz beigetragen hat – nicht zuletzt, weil der subjektive Ermessensspielraum der Schiedsrichter eingeschränkt wurde.
Regelgrundlagen zum passiven Spiel
Die Grundlagen finden sich in Regel 7:11 und 7:12 sowie in Erläuterung 4.
Regel 7:11
„Es ist nicht erlaubt, den Ball in Besitz zu halten ohne erkennbaren Versuch, anzugreifen oder ein Tor zu erzielen. …“
Regel 7:12
„Wird eine Tendenz zum passiven Spiel erkennbar, wird das Vorwarnzeichen (Handzeichen Nr. 17) gezeigt. … Falls sich die Angriffsweise nach dem Anzeigen des Vorwarnzeichens nicht ändert, kann jederzeit auf passives Spiel entschieden werden. Wird von der angreifenden Mannschaft nach maximal sechs Pässen kein Torwurf ausgeführt, wird auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft entschieden. …“
Erläuterung 4 C. Handhabung des Vorwarnzeichens
„Erkennt ein Schiedsrichter (Feld- oder Torschiedsrichter) eine Entwicklung zu passivem Spiel, hebt er den Arm (Handzeichen 17), um anzuzeigen, dass ein gezieltes Herausspielen einer Torwurfgelegenheit nicht erkennbar ist. Der andere Schiedsrichter sollte dieses Zeichen übernehmen. …“
Praktische Hinweise
Auch wenn das Regelwerk die Initiative sowohl dem Feld- als auch dem Torschiedsrichter zubilligt, kann der Beginn in der Praxis nur durch den Feldschiedsrichter erfolgen. Wichtig ist die Abstimmung und der Blickkontakt im Team, damit der Torschiedsrichter das Vorwarnzeichen möglichst zeitgleich übernimmt. Ferner ist zu beachten, dass ausschließlich der Feldschiedsrichter die Anzahl der Pässe zählt. Auf keinen Fall darf sich der Torschiedsrichter damit beschäftigen, da er dann das Geschehen im Rückraum im Blick haben müsste und somit seine Aufgabe – das Beobachten von Aktionen am Torraum – vernachlässigen würde. Der Feldschiedsrichter sollte darauf achten, mit dem Vorwarnzeichen erst zu beginnen, wenn ein Spieler Ballbesitz (Ballkontrolle) hat, und den Arm nicht dann zu heben, wenn sich der Ball in der Luft befindet. So lassen sich Irritationen hinsichtlich der Anzahl der gespielten Pässe vermeiden. Bei Spielunterbrechungen (Freiwurf, Einwurf) zeigt der Feldschiedsrichter die Anzahl der maximal noch zulässigen Pässe deutlich an, damit alle Beteiligten Klarheit haben.
Wann wird das Vorwarnzeichen aufgehoben?
Diese Frage beantwortet die Erläuterung 4 (C. Handhabung des Vorwarnzeichens):
„Ein Angriff beginnt mit dem Ballbesitz und endet mit einem Torerfolg oder Ballverlust.
Das Vorwarnzeichen wird normalerweise bis zum Ende eines Angriffs angezeigt. Während eines Angriffs gibt es jedoch zwei Situationen, in denen die Beurteilung „Passives Spiel“ nicht länger gültig ist und die Wirkung des Handzeichens aufgehoben wird.
a) Die ballbesitzende Mannschaft führt einen Torwurf aus und der Ball prallt vom Tor oder Torwart direkt zu ihr zurück oder ihr ist aufgrund dessen ein Einwurf zuzusprechen.
b) Ein Spieler oder Offizieller der abwehrenden Mannschaft erhält eine persönliche Bestrafung wegen regelwidrigen oder unsportlichen Verhaltens gemäß Regel 16.
In diesen beiden Situationen wird der ballbesitzenden Mannschaft eine neue Aufbauphase gestattet.“
Einfach ist die Beurteilung, wenn der Ball nach einem Torwurf vom Torwart oder Tor zur angreifenden Mannschaft zurückprallt. Damit ist das Vorwarnzeichen aufgehoben. Etwas diffiziler wird es, wenn der von einem Abwehrspieler geblockte Torwurf ins Toraus gelangt. Hier gilt es zu unterscheiden: Gelangt der Ball direkt ins Toraus, bleibt der Arm oben. Hat allerdings der geblockte Ball vor dem Überschreiten der Torauslinie den Pfosten oder die Latte berührt, ist das Vorwarnzeichen nicht weiter gültig, da die Bedingung „oder ihr ist aufgrund dessen ein Einwurf zuzusprechen“ erfüllt ist.
Fazit
Die präzisen Vorgaben des Regelwerks zum passiven Spiel bieten den Schiedsrichtern in der Umsetzung eine gute Hilfestellung. Es lohnt sich, sich regelmäßig mit dem komplexen Thema zu beschäftigen, damit das Wissen – auch in seltenen Situationen – parat ist und richtige Entscheidungen getroffen werden können.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.