Passives Spiel: Was passiert nach dem vierten Pass?
Was ist im Video zu sehen?
Mannschaft GELB befindet sich im Angriff. Die Schiedsrichter zeigen das Handzeichen 17, als Rückraum Rechts (RR) GELB 78 in Ballbesitz ist.
RR GELB 78 spielt den Ball zu Rückraum Mitte (RM) GELB 77 (1. zählbarer Pass). RM GELB 77 passt weiter zu Rückraum Links (RL) GELB 25 (2. zählbarer Pass).
GELB 25 wird gefoult. Die Schiedsrichter entscheiden auf Freiwurf für Mannschaft GELB. Spieler GELB 80 führt diesen Freiwurf zunächst als Pass zu GELB 25 aus. Die Schiedsrichter korrigieren jedoch die Ausführung. Nach einem Time-out und der Korrektur pfeifen sie den Freiwurf an. GELB 80 spielt den Ball zu GELB 25 (3. zählbarer Pass).
GELB 25 bewegt sich parallel zur Abwehr und passt den Ball zu GELB 77 (4. zählbarer Pass). GELB 77 muss nun den Torwurf ausführen. Sein Wurf wird jedoch von der Abwehrmannschaft BLAU geblockt.
Im anschließenden Kampf um den Ball kann GELB 80 den geblockten Ball gegen BLAU 14 behaupten. Noch im Sitzen spielt er den Ball zu seinem Mitspieler GELB 25. Dieser wirft auf das Tor und erzielt einen Treffer.
Mannschaft BLAU protestiert gegen die Entscheidung. Die Schiedsrichter erkennen das Tor jedoch an.
Regeltechnische Einordnung
Nach der Anzeige des Vorwarnzeichens für passives Spiel darf die angreifende Mannschaft grundsätzlich noch maximal vier Pässe spielen, um einen Torwurf auszuführen (Regel 7:11–12).
Wird nach dem vierten Pass kein Torwurf ausgeführt und hat ein Mitspieler den Ball bereits im Rahmen eines fünften Passes angenommen, ist grundsätzlich auf Freiwurf gegen die angreifende Mannschaft zu entscheiden. Die Erläuterung 4 zum passiven Spiel konkretisiert, wie die Passzählung in unterschiedlichen Spielsituationen zu handhaben ist.
Vor dem vierten Pass gelten unter anderem folgende Grundsätze:
- Wird der angreifenden Mannschaft während der Anzeige des Vorwarnzeichens ein Freiwurf oder Einwurf zugesprochen, wird die Passzählung dadurch nicht unterbrochen.
- Wird ein Pass oder Torwurf von einem Feldspieler der Abwehr geblockt, gelangt der Ball anschließend wieder zur angreifenden Mannschaft. Dies wird als Pass gewertet. Dies gilt auch, wenn der Ball nach einem Abwurf wieder in den Besitz der angreifenden Mannschaft gelangt.
Nach dem vierten Pass gelten besondere Regelungen:
- Wird nach dem vierten Pass auf Freiwurf, Einwurf oder Abwurf für die angreifende Mannschaft entschieden, darf diese den entsprechenden Wurf noch mit einem weiteren Pass verbinden, um den Angriff mit einem Torwurf abzuschließen.
- Wird ein nach dem vierten Pass ausgeführter Torwurf durch die abwehrende Mannschaft geblockt und gelangt der Ball dadurch zu einem angreifenden Spieler oder ins Tor- beziehungsweise Seitenaus, darf die angreifende Mannschaft den Angriff ebenfalls noch mit einem weiteren Pass abschließen.
Unabhängig davon können die Schiedsrichter bereits vor einem fünften Pass auf passives Spiel entscheiden, wenn das Angriffsverhalten dies rechtfertigt. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn
- der ballführende Spieler über einen längeren Zeitraum im Stand nach Anspielmöglichkeiten sucht;
- Angreifer wiederholt versuchen, Fouls der Verteidiger zu provozieren, um Freiwürfe zu erhalten;
- die Angreifer Rückwärtsbewegungen in die Tiefe des Spielfelds ausführen;
- der ballführende Spieler den Ball aufgrund der aktiven Abwehrspielweise in die Tiefe des Spielfelds zurückspielt;
- der ballführende Spieler aufgrund der aktiven Abwehrspielweise keine Möglichkeit zum Anspiel hat.
Regeltechnische Bewertung der Spielsituation
Entscheidend ist zunächst die Korrektur der ersten Freiwurfausführung. Da die Schiedsrichter diese Ausführung korrigieren und den Freiwurf anschließend anpfeifen, ist die zunächst erfolgte Ausführung bei der weiteren Passzählung nicht als zusätzlicher Pass zu berücksichtigen. Die beiden zuvor gespielten Pässe bleiben bestehen. Mit dem anschließend ausgeführten Freiwurfpass und dem folgenden Pass zu GELB 77 erreicht die angreifende Mannschaft somit den vierten zählbaren Pass.
Der anschließende Torwurf von GELB 77 wird durch die Abwehrmannschaft BLAU geblockt. Der Ball gelangt danach wieder zu Mannschaft GELB. Damit greift die Regelung für einen nach dem vierten Pass geblockten Torwurf: Die angreifende Mannschaft darf den Angriff mit einem weiteren Pass abschließen.
Genau das geschieht in der gezeigten Szene. GELB 80 spielt den geblockten Ball zu GELB 25, der den anschließenden Torwurf erfolgreich verwandelt.
Die Schiedsrichter entscheiden daher regelkonform auf Tor für Mannschaft GELB.
Fazit
Die Szene verdeutlicht, warum bei der Beurteilung des passiven Spiels nicht allein die Anzahl der gespielten Pässe entscheidend ist. Ebenso wichtig ist, zu welchem Zeitpunkt eine Spielsituation eintritt und welche Regelung daraus folgt.
Nach dem vierten Pass eröffnet ein durch die Abwehr geblockter Torwurf unter den in der Erläuterung 4 beschriebenen Voraussetzungen die Möglichkeit, den Angriff mit einem weiteren Pass abzuschließen. Da diese Voraussetzungen im vorliegenden Fall erfüllt sind, ist die Anerkennung des Tores korrekt.
Der Protest von Mannschaft BLAU ist aus regeltechnischer Sicht daher nicht begründet.
Pfiff der Woche
Unter der Rubrik "Pfiff der Woche" präsentieren wir jeweils eine beachtenswerte Szene aus dem aktuellen Spielbetrieb der Bundesligen von Männern und Frauen – und gegebenenfalls auch aus den Ligen darunter. Warum die ausgewählten Situationen besondere Beachtung verdienen? Nun, weil sie einen bestimmten Regelaspekt verdeutlichen, der uns Schiedsrichtern nicht in jedem Spiel „vor die Pfeife“ kommt.