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Ohne Ehrenamt geht es nicht!
Fragt man Andre Schlieder, was er alles im Ehrenamt macht, muss der 51-Jährige erst einmal überlegen – und beginnt nach dem Hinweis, dass die Liste lang werden könnte, aufzuzählen:
- Geschäftsführer in seinem Heimatverein TV Kapellen 1919
- Frauenspielwart und Vorsitzender der Technischen Kommission im Handballkreis Wesel
- Ausbilder für Zeitnehmer und Sekretäre im Handballkreis Wesel
- Betreuer und Coach von Jung-Schiedsrichtern sowie Delegierter im Kreis
- nuLiga-Beauftragter im Handball Nordrhein
- Zeitnehmer für den Deutschen Handballbund, gemeinsam mit seiner Frau Angelika
- Und nebenbei ist Schlieder auch noch aktiver Schiedsrichter – „aber nur im Kreis“, wie er anmerkt. „Höher ist zeitlich nicht drin.“
Ein Portfolio, das viele Ehrenamtliche kennen: Wer bereit ist, eine Aufgabe zu übernehmen, bekommt oft nach und nach noch zwei, drei oder vier weitere dazu, weil es leider zu wenig Menschen gibt, die sich im Ehrenamt engagieren möchten.
Für Schlieder ist es hingegen unvorstellbar, sich nicht zu engagieren. Er wuchs in einer Handballfamilie auf: Vater und Onkel waren Bundesliga-Schiedsrichter, als Kind durfte der heutige 51-Jährige immer mal wieder mitfahren – „in Kiel die Stars zu sehen, war damals das Größte“. Auch seine Mutter spielte Handball, und so griffen auch er und seine Geschwister früh zum Ball – der Weg in den Verein war damit vorgezeichnet.
„Ich bin im Verein groß geworden und so ins Ehrenamt reingerutscht“, sagt Schlieder mit einem Schmunzeln. Als Jugendlicher engagierte er sich als Jugendtrainer, wurde später Jugendwart und betreute die 1. Mannschaft. Parallel absolvierte er die Schiedsrichterausbildung und steht inzwischen seit über 30 Jahren mit der Pfeife auf dem Feld. Seine Schwester ist Minitrainerin im gemeinsamen Heimatverein in Kapellen, der mit 1.300 Mitgliedern von Schlieder als ehrenamtlichem Geschäftsführer geleitet wird.
Obwohl er seine Aufgaben oft jonglieren muss und sogar Urlaubstage investiert, um mit hauptamtlichen Mitarbeitern von Landesverbänden an nuLiga-Tagungen teilzunehmen, möchte er das Ehrenamt nicht missen. „Natürlich gibt es auch Phasen – gerade, wenn es nicht läuft – in denen man das mal hinterfragt. Aber ich habe mich immer durchgebissen, denn grundsätzlich habe ich Spaß an all den Aufgaben“, sagt er.
Spaß an der Sache zu haben, ist für Schlieder der Schlüssel zum Ehrenamt: „Es darf kein Zwang sein – wenn sich Leute unter Druck oder auf Anweisung des Vereins engagieren, sind sie oft die ersten, die wieder abspringen“, berichtet er. „Man muss aus Motivation und Freude dabei sein.“
Und genau das ist das Problem, mit dem viele Vereine und Verbände kämpfen: Engagierte zu finden, die sich – auf welcher Ebene auch immer – einbringen wollen. Dabei ist das Ehrenamt essenziell für den (Handball-)Sport. „Ohne geht es nicht“, fasst auch Schlieder zusammen. „Wir müssen in der heutigen Zeit über jeden froh sein, der bereit ist, sich in die Halle zu stellen.“
Nach aktuellen Zahlen des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) engagieren sich mehr als acht Millionen Menschen freiwillig oder ehrenamtlich in den 86.000 Sportvereinen in Deutschland. Doch das sind zu wenige, wie der Sportentwicklungsbericht 2023–2025 zeigt: 17,5 Prozent der rund 19.000 teilnehmenden Vereine sehen sich inzwischen „in ihrer Existenz bedroht, weil es ihnen nicht gelingt, ausreichend ehrenamtliche Funktionsträger*innen zu gewinnen und dauerhaft zu binden“, wie der DOSB zusammenfasst. „Im Vergleich zu 14,6 Prozent im vorherigen Bericht (2020) ist das ein signifikanter und besorgniserregender Anstieg.“
Auch Schlieder erlebt in seinen Funktionen diesen Mangel: „Es ist schwierig für viele Vereine und ein großes Problem“, sagt er. Eine Patentlösung gibt es nicht. „Ich glaube, wir müssen versuchen, die Spieler und auch die Eltern der Jugendspieler frühzeitig einzubinden, damit sie spüren, dass sie gebraucht werden“, sagt er. „Diejenigen, die ihre Wurzeln im Handball haben, und diejenigen, die mehr in der Halle sind als notwendig, die müssen wir fördern.“
Dass das funktionieren kann, sieht der 51-Jährige immer wieder: Mit Spielern aus der 1. Mannschaft, die ihre aktive Karriere beenden, wird gesprochen. Und in seinen Ausbildungskursen für Zeitnehmer und Sekretäre sitzen Handball-Eltern, die er früher als Jugendtrainer betreute und deren Kinder inzwischen selbst Handball spielen.
Dass es ohne Ehrenamtliche wie Schlieder nicht geht, ist eine Binsenweisheit. „Das Ehrenamt ist eine tragende Säule des Vereinslebens“, betont auch die Stiftung Deutsches Ehrenamt. „Ob in der Jugendarbeit, im Sportverein oder im sozialen Bereich – ohne engagierte Freiwillige wären viele Angebote nicht denkbar.“
Mit dem Internationalen Tag des Ehrenamtes, der erstmals 1986 unter dem Dach der UN ausgerufen wurde, soll das freiwillige und unentgeltliche Engagement gewürdigt werden. Neben dem Spaß an der Sache und Fördermaßnahmen ist Wertschätzung einer der wichtigsten Faktoren – und entscheidend, um Ehrenamtliche dauerhaft zu binden.
„Die Anerkennung, weil Aufgaben erledigt werden, und der Dank der Vereine für die Arbeit ist eine tolle Bestätigung“, sagt auch Schlieder. „Das ist mit ein Grund, warum ich weitermache – es zeigt mir, dass ich offenbar ganz gute Arbeit mache. Wäre alles verkehrt, würde keine Bestätigung kommen.“
Außerdem genießt er die vielen Kontakte, die sich über die verschiedenen Aufgaben ergeben. „Es ist immer schön, neue Leute kennenzulernen“, freut er sich. Dass für Außenstehende mitunter nicht nachvollziehbar ist, warum er – wie so viele Ehrenamtliche – so viel Zeit und Energie in den Handball steckt, kümmert ihn nicht: „Ich habe Spaß und meine Frau unterstützt das“, betont er. „Aber es stimmt schon: Du musst oft auch ein bisschen verrückt sein, um das zu machen – handballverrückt.“