Nicht nur Augen für das Spielgeschehen: Kai Wandschneider beruhigt seine Spieler auf der Bank. (Foto: IMAGO/HMB-Media)
"Nimm es nicht persönlich"
Dass Trainer und Schiedsrichter nicht immer einer Meinung sind, liegt auf der Hand: Sie haben als Spielbeteiligte ganz unterschiedliche Rollen und nehmen das Geschehen auf dem Feld aus (nicht nur räumlich) völlig verschiedenen Perspektiven wahr. Stress, Hektik und Emotionen tragen ein Übriges zu einer konfliktträchtigen Gemengelage bei.
Redaktion: Herr Wandschneider, haben Schiedsrichter Einfluss auf das Coaching Ihrer Mannschaft?
Wandschneider: Wie meinen Sie das?
Zum Beispiel, wenn die Ansetzungen bekannt gegeben werden und Sie ein paar Besonderheiten des Ihnen zugeteilten Referee-Paares kennen.
Definitiv hat das Einfluss auf meine Arbeit als Coach. Das gilt tatsächlich nicht für alle meine Kollegen, denn es gibt Trainer, die sich davon nicht mehr beeinflussen lassen wollen. Aber ich schaue sehr wohl danach, welche Ansetzungen vom DHB vorgenommen wurden. Wir haben ja gerade in den vergangenen Jahren durch das unerwartete, weil krankheitsbedingte Ausscheiden von Lars Geipel und Sebastian Helbig oder auch von Peter Behrens und Mark Fasthoff eine hohe Fluktuation und viele junge, bundesliga-unerfahrene Schiedsrichterpaare in der Liga. Das beobachte ich natürlich. Und auf der Basis von gemeinsamen Erfahrungen mit diesen Gespannen bespreche ich mich mit meiner Mannschaft und rate – je nach Ansetzung – zu einem entsprechenden Verhalten.
Zum Beispiel?
Na, wenn ich weiß, dass die Unparteiischen recht harsch auf Kritik reagieren, dann mahne ich zur Zurückhaltung und einem entsprechend defensiven Umgang mit Protest und dazu, sehr selbstdiszipliniert zu bleiben, auch wenn man mit den getroffenen Entscheidungen nicht immer einverstanden ist.
Ist das auch Teil Ihrer Abschlussbesprechungen?
Selbstverständlich, aber natürlich nur sehr selten. Ich kommuniziere das in der letzten taktischen Zusammenkunft in der Videobeobachtung vor dem Spiel. Es muss in diesen Fällen für meine Spieler ganz klar sein, sich mit entsprechender Selbstdisziplin zusammenzureißen, weil dieses Paar überempfindlich auch bei zartesten Ansätzen von Kritik reagiert. Die mögen das überhaupt nicht.
Also Mund halten und weiterspielen?
Klar. Es gibt aber auch die Fälle, dass Schiedsrichter zu uns kommen, die uns noch nie gepfiffen haben. Über die weiß man naturgemäß eben wenig. Insofern bereite ich mich von meinem Selbstmanagement her besonders gut darauf vor, wenn ich weiß, dass da Referees pfeifen, die noch nicht über viel Erfahrung verfügen. Ich möchte schließlich auf alles vorbereitet sein. Es hilft doch weder den Schiedsrichtern noch mir, wenn ich permanent Kritik übe. Außerdem laufe ich Gefahr, dass die dann zu machen. Wie würden Sie denn reagieren, wenn ich Sie ohne Unterlass anblaffen würde? Dann machen auch Sie zu. Und all das kommuniziere ich auch an meine Spieler. Um Ihre Frage einfach zu beantworten: Ja, es gibt eine spezielle Vorbereitung auf die Schieris. Unser Selbstverständnis ist, dass wir Dinge rasch akzeptieren, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Alles andere – so etwas wie Ausrasten beispielsweise – ist ein Zeichen von Schwäche. Damit bringst du zudem die gesamte Mannschaft aus dem Gleichgewicht.
Klingt einfach. Dann haben Sie einen entsprechenden Verhaltenskodex?
Permanentes lamentieren hat in der Konsequenz eine empfindliche Geldstrafe. Erst recht, wenn der Spieler wegen Meckern eine Zwei-Minuten-Strafe kassiert. Er schädigt damit die Mannschaft und verletzt unseren Kodex. Wir wollen das nicht. Es kann passieren, weil es menschlich ist, zieht aber sofort eine mannschaftsinterne Sanktion nach sich.
Lernen die Spieler daraus?
Viele Spieler sind sehr sparsam (lacht). In der Woche darauf wird ihm im Training seitens der Kollegen und auch seitens des Trainerstabes die entsprechende Rückmeldung gegeben, weil sein regressives Verhalten dem Trotzalter eines Dreijährigen entspricht. Jeder muss wissen, dass nichts wichtiger ist als die Mannschaft. Und wenn ich dem Team schaden kann, muss ich mich entsprechend zurückhalten. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Entscheidung korrekt war oder nicht.
Ich muss aber auch mal eine Lanze für meine Spieler brechen. In 33 Jahren Trainerdasein, davon mehr als 20 in der Bundesliga, waren das absolute Ausnahmefälle, wenn ein Spieler, der eine Zwei-Minuten-Strafe kassiert hat, zudem noch weitere zwei Minuten bekam, weil er gemeckert hatte.
Das Kollektiv ist dann auch das Korrektiv.
Guter Satz, den muss ich mir merken. Ich muss in diesen Fällen gar nicht viel machen, weil die Spieler sich untereinander disziplinieren. Die Geldstrafe ist da allerdings nur das letzte Mittel. Weit wichtiger ist es, ein entsprechendes Selbstverständnis zu entwickeln.
Gibt es auch Unbelehrbare?
Ich habe immer mal wieder Spieler, die, wenn sie auf der Bank sitzen, ständig aufspringen oder herumtoben und laut rufen. Da ist dann auch während des Spiels schon mal ein Vier-Augen-Gespräch erforderlich, um ihm zu sagen, dass er sich, bitte schön, besser im Griff haben solle.
Kann man Stressresistenz trainieren?
Ja, und das machen wir auch. Gemeinsam mit meinem Co-Trainer Jasmin Camdzic spreche ich ab, dass wir im Training ganz bewusst eine Mannschaft mit falschen Entscheidungen benachteiligen. Und das nach Möglichkeit nicht offensichtlich, sondern ganz subtil, in dem wir 50:50-Entscheidungen konsequent gegen eine der beiden Mannschaften pfeifen. Und dann schauen wir, wie sie damit umgehen. Ich habe den Grundsatz, es meinen Spielern im Training so schwer wie möglich zu machen, damit sie es im Spiel dann leichter haben.
Versuchen Sie, bei Ihren Spielern Verständnis für den nicht immer leichten Job eines Referees zu wecken?
Auch das. Gerade Spielern, die in der Vergangenheit immer wieder wegen Meckern oder ungebührlichem Verhalten aufgefallen waren, drücke ich im Training schon mal die Pfeife in die Hand und bitte sie, nun als Schiedsrichter zu fungieren. Es ist eine prägende Erfahrung, selbst einmal eine falsche Entscheidung zu treffen und dann von den eigenen Mitspielern dafür angemault zu werden.
Sind Sie für Ihr Verhalten auch schon sanktioniert worden?
Sicher, ich habe eine Zwei-Minuten-Strafe wegen Reklamierens kassiert. Das ist aber die absolute Ausnahme. Und bevor Sie fragen: Natürlich zahle auch ich dann eine Geldstrafe.
Und was ist, wenn der eine falsche Pfiff das Spiel zu Ihren Ungunsten entscheidet?
Ich versuche dennoch, ruhig zu bleiben. Ich weiß, dass sie ihre Entscheidung nicht zurücknehmen werden, also muss ich rasch bereit sein, damit zu leben. Aber natürlich fülle ich den Schiedsrichterbogen nach dem Match sehr sorgfältig aus. Und tatsächlich bekommt man immer auch eine Rückmeldung, die zudem sehr fair ist. Ich habe es sogar schon erlebt, dass mich ein Schiedsrichter nach dem Match anrief, um sich bei mir für einen schlechten Pfiff zu entschuldigen. Das fand ich super. Das teile ich auch meiner Mannschaft mit. Ist halt schon wichtig, das Gefühl zu haben, ernst genommen zu werden.
Räumen Sie Ihren Spielern bei krassesten Fehlentscheidungen keinen Raum ein, um Dampf abzulassen?
Es darf auf keinen Fall gegen die Unparteiischen gehen. Wenn ich spüre, jemand kann und will sich nicht beruhigen, dann hole ich ihn sofort aus dem Spiel. Er kann ohnehin in der Situation nichts mehr zum Spiel beitragen, weil er gedanklich ganz woanders ist. Wir alle müssen lernen, im Moment zu bleiben und nicht darüber nachzudenken, was gerade passiert ist und was noch passieren kann. Das nennt man Flow. In einigen Spielen ist das großartig, da scheint alles ein einziges Gelingen zu sein. Aber wenn du wütend und zornig wirst, hast du diesen Weg verlassen. Dann gebe ich denen eine Denkpause.
Reden Sie dann mit Ihrem Spieler?
Wenn ich die Zeit dazu habe, mache ich das. In aller Regel aber kümmert sich mein Co-Trainer darum, der definitiv in diesen Momenten mehr Zeit hat. Kommt das bei einem Spieler öfter vor, kann es sein, dass ich ihn komplett ignoriere. Schließlich haben wir all diese Dinge immer und immer wieder besprochen. Das ist dann eine Eiseskälte, die ich über Mimik und Gestik transportiere. Ich signalisiere ihm, dass er es mir aktuell nicht wert ist, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Er muss massiv spüren, dass er etwas falsch gemacht hat.
Die Höchststrafe also.
Ja, denn wenn ich auch noch ausraste, gerate ich auch aus dem inneren Gleichgewicht. Das darf nicht passieren.
Wenn ein Spieler seine Zwei-Minuten-Strafe abbrummt, habe Sie doch Gelegenheit, in spieltaktischer Hinsicht auf ihn einzuwirken, oder?
Das ist manchmal sogar gut, weil er sich in der Zeit sammeln und ich ihm hochkonzentriert ein paar Anweisungen in taktischer oder auch in individueller Hinsicht mit auf den Weg geben kann. Man kann diese Zeit positiv nutzen.
Wie schaffen Sie es, sich von schlechten Pfiffen nicht ablenken zu lassen?
Ganz allein mit meiner Erfahrung. Ich habe schon sehr viele hektische Gefechte mitmachen müssen. Für mich ist das Coaching eine Form der Meditation. Ich lasse mich von den Zuschauern und deren Emotionen nicht ablenken. An meinen besten Tagen ist die Halle still, auch wenn 10.000 Zuschauer schreien. Ich lese jeden Angriff mit, ich lese jede Abwehraktion mit und ich lese auch jeden Rückzug mit. Allerdings gelingt mir das nicht immer.
Was würden Sie einem jüngeren Kollegen raten?
Ganz einfach: Nimm es nicht persönlich.
Das war’s?
Nein, ein junger Kollege sollte die ersten 20 Minuten eines Spiels abwarten. Und wenn er Entscheidungen wahrgenommen hat, mit denen er nicht einverstanden ist, soll er sich den Interpretationsspielraum der Unparteiischen vergegenwärtigen. Und: Mache das auch beim Gegner und lege nicht alles auf die Goldwaage. Daran zu glauben, dass ein Schiedsrichter seine getroffene Entscheidung zurücknimmt, weil ich abfälliges Verhalten zeige, ist in etwa so naiv, wie zu glauben, dass die Scherben einer Kaffeetasse, die mir aus der Hand gefallen ist, in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren, nur weil ich sie angebrüllt habe. Wenn man Schiedsrichter grundsätzlich in Ruhe lässt, hilft man ihnen, besser zu werden.
Wie sprechen Sie Schiedsrichter denn an?
Ruhig und nicht bedrohlich in der Körpersprache. Und immer im Hinterkopf haben, dass sie auch nur Menschen sind und Fehler machen können. Aber natürlich war auch ich schon mal so stinksauer, dass ich den Unparteiischen den Handschlag verweigert habe.
Macht es Sinn, manipulativ auf die Schiedsrichter einzuwirken, indem man besonders nett zu ihnen ist.
Nein, das machen die nicht mit. Wenn ich entspannt mit denen spreche, ist ganz klar, dass das nichts mit dem zu tun hat, was danach während des Spiels passiert. Die richtig guten Gespanne können das sehr wohl trennen – die Trainer übrigens auch. Und es gilt bei der Beurteilung der Schieris immer zu bedenken, dass die nie ein Heimspiel haben.