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„Nicht die Schiedsrichter sind am Zug, sondern die Vereine.“

Ein Interview mit Axel Kromer über den Umgang von Vereinen und Schiedsrichtern. Der Vorstand Sport des Deutschen Handballbundes sprach über vorhandene und fehlende Hemmungen, einen Wertekompass für das Verhalten an der Seitenlinie und betonte: „Ich bin einfach froh über sämtliche regionale und lokale Ideen, wie wir Schiedsrichter gewinnen können!“

 

Redaktion: Herr Kromer, im November sorgten Ihre Aussagen über ein Disziplinproblem im Fußball für Aufmerksamkeit, die Deutsche Presse-Agentur berichtete. Würden Sie das zu Beginn noch einmal erläutern? 

Axel Kromer: Genau, ich habe es damals mit Bezug auf den Fußball gesagt. Es wurde berichtet, dass Schiedsrichter körperlich attackiert wurden und sogar ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Das ist in meiner Wahrnehmung eine Steigerung dessen, was man im Spitzenfußball häufig sieht – die Schiedsrichter werden unter Druck gesetzt. Die Spieler äußern sich der Person des Schiedsrichters gegenüber sehr, sehr geringschätzend – sowohl mit Gestik und Mimik als auch mit deutlich zu erkennenden Rufen. 

Leider sind die Hemmungen oft noch geringer, wenn weniger Zuschauer, Flutlicht und mediale Aufmerksamkeit da sind. Es gibt Menschen, die so den einen Schritt mehr gehen, als sie es aus dem Profisport kennen – und dann ist es irgendwann ein Schritt zu viel. Und genau das ist in meiner Wahrnehmung auch die Gefahr, denn letztendlich brauchen wir die Schiedsrichter im Fußball wie im Handball dringend, um unseren Sport weiterhin in der ursprünglichen Idee durchführen zu können. Es gibt jedoch wenig Argumente, sich für dieses Ehrenamt zu engagieren, wenn einem die Freude genommen wird und man als Schiedsrichter immer nur derjenige ist, den keiner mag. 

 

Wie schätzen Sie die Situation im Handball im Vergleich zum Fußball ein? 

Wir können sicherlich nicht sagen, dass wir nur ein Vorbild in allen Bereichen sind. Auch im Handball haben wir im Profibereich sicherlich sowohl Trainer als auch Spieler, die relativ schnell auf verschiedene Arten und Weisen deutlich machen, dass sie mit der Leistung des Schiedsrichters nicht zufrieden sind. Es wird dann oft relativ schnell versucht, mit diesen Statements die Zuschauer aufzupushen, sodass diese auch noch anfangen, den Schiedsrichter zu kritisieren und zu beschimpfen. 

 

Was steckt dahinter? 

Es ist natürlich Taktik dabei. Als Spieler oder Trainer versuche ich, den nächsten fraglichen Pfiff zu bekommen, indem ich deutlich zeige, dass mir etwas nicht gefällt. Im Handball gibt es ja einfach sehr viele Situationen, in denen ein Pfiff nicht ganz klar richtig oder ganz klar falsch ist. Man kann eine Situation oft laufen lassen oder zurückpfeifen, man kann Stürmerfoul oder Siebenmeter geben, man kann Schritte pfeifen oder nicht. 

Es gibt im Handball ganz viele Möglichkeiten zwischen schwarz und weiß. Man sieht jedoch auch immer wieder, dass die Spieler und Trainer wissen, dass sie eine Grenze haben, an der es relativ schnell zu Bestrafungen kommt. Deswegen werden sich sicherlich einige mit ihrer normalen Werteorientierung zurückhalten. Die Zuschauer haben diese Grenze der Zeitstrafe allerdings nicht. 

 

Was folgt daraus? 

Da die Zuschauer keine Zeitstrafe bekommen und nicht für die Unterzahl ihrer Mannschaft sorgen, haben sie teilweise deutlich weniger Hemmungen als die Spieler, die klar reglementiert werden können. Daher ist es enorm wichtig, dass der Spieler auf dem Feld auch im Handball ein Vorbild für die Zuschauer, die unterklassigen Vereine und die Nachwuchsspieler ist. 

 

Wie gut funktioniert das aus Ihrer Sicht bisher? 

Ich denke, wir können und müssen noch besser werden. Wir sind allerdings noch lange nicht in einem Bereich, in dem die Situation ausgeartet wäre. In den allermeisten Fällen läuft es ja gut und die Schiedsrichter finden aus meiner Sicht auch ein ganz gutes Maß an Kommunikation mit den Verantwortlichen. 

 

Halten Sie ein härteres Durchgreifen der Schiedsrichter für notwendig? 

Die Schiedsrichter sind nicht am Zug, sondern die Vereine. Sie müssen dafür sorgen, dass wir unsere Werte, die wir in vielen Bereichen schon großschreiben und leben, noch deutlicher präsentieren können. Man muss ja als Verein oder Spielbetriebsgesellschaft nicht immer darauf warten, bis es eine neue Reglementierung durch die Handball-Bundesliga oder den Deutschen Handballbund gibt. Statt auf die Ankündigung strengerer Strafen zu warten, könnte es vielmehr zum eigenen Wertkanon gehören. 

 

Sprich: Der Spitzensport sollte auch mit Blick auf den Umgang mit Schiedsrichtern eine Vorbildfunktion haben. Wie könnten das die Vereine aus Ihrer Sicht umsetzen? 

Ein Club kann für seine Spieler einen klaren Wertekompass definieren, aus dem deutlich hervorgeht, welche Verhaltensmuster nicht toleriert werden. Er könnte festlegen: Wer bei uns agiert, hat die Aufgabe, sich so oder so zu verhalten. Man könnte seinem Trainer beispielsweise sagen, dass er einen Schiedsrichter nicht – egal wie höflich – auf einen Fehler hinweist, denn der Schiedsrichter hat einen Trainer auch noch nicht auf einen Fehler hingewiesen. Hierzu habe ich ein sehr anschauliches Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit – leider auch aus dem Fußball.

 

Ja?

Als der Arzt des Hamburger SV zur Behandlung eines eigenen Spielers auf das Feld gerufen wurde, hatte dieser – anstatt sich zu 100 Prozent um seinen Spieler zu kümmern – erstmal die Notwendigkeit verspürt, dem Schiedsrichter einige Worte mitzuteilen. Dieser betrachtete diese offensichtlich nicht als angebracht und versah den Arzt mit einer gelben Karte. HSV-Sportvorstand Jonas Boldt – den ich sehr schätze – kritisierte in anschließenden Interviews die Tatsache, dass der Schiedsrichter die gelbe Karte gezogen hat. Wir sind uns sicher einig, dass der HSV-Sportvorstand wirkungsvoller seinen Mannschaftsarzt hätte kritisieren sollen. Dieser hatte offensichtlich seine Aufgabe und die Regeln des Fußballs verlassen – nicht der Schiedsrichter …

 

Da gebe ich Ihnen recht. Ist es in einem emotionalen Sport wie Handball jedoch überhaupt möglich, dass Trainer sich in aufgeheizter Atmosphäre jederzeit an das gewünschte Verhaltensmuster halten?

Man muss sich das sicherlich gut überlegen. Es heißt ja oft, dass man mit dem Verhalten auf der Bank die Schiedsrichter ein Stück weit unbewusst beeinflussen kann. Das kann man auf der einen Seite natürlich durch ein permanentes Ausüben von Druck – auf der anderen Seite aber auch durch positives Verhalten. Sehr viele versuchen es jedoch leider mit der ersten Variante. 

 

Was folgt daraus für ein Wunsch von Ihrer Seite an die Vereine? 

Dafür haben wir Experten; ich kann da nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten. Mein Trainerkollege hat sich bei einem Jugendspiel unserer Mannschaft mal umgedreht und die Zuschauer stringent zur Räson gerufen. Er hat gesagt: „Das gehört nicht zu uns. Du brauchst nicht auf den Schiedsrichter schimpfen, weil er etwas falsch gemacht hat.“ Der Schiedsrichter war zwar vielleicht fünf Jahre älter als die Kinder, die Handball gespielt haben, aber es war eben immer noch ein Jugendlicher, der nicht ohne Grund in der Liga pfeift … 

 

Wie meinen Sie das? 

Im Sport gilt das Leistungsprinzip – wer aufsteigen will, steigt meistens auch auf. In der ersten Liga hat man daher die besten Spieler und die besten Schiedsrichter. Im unterklassigen Bereich passieren hingegen auf beiden Seiten mehr Fehler, das ist normal. Wenn dann ein Kreisligaspieler einen Schiedsrichter beschimpft, dass er dieses oder jenes nicht sieht oder nicht kann, muss man auch mal festhalten: Der Spieler selbst ist ja offenbar auch nicht so gut, dass er Bundesliga spielen kann – insofern sollte er sich vielleicht besser etwas zurückhalten. 

 

Wie funktioniert der Umgang von Vereinen mit den Schiedsrichtern aus Ihrer Sicht – gerade auch im Amateur- und Jugendbereich? 

Es gibt schöne Initiativen und viele gute Ideen. Dass Vereine einen Tribünenknigge für die Zuschauer aushängen, finde ich gut. Es ist sicherlich noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, aber es tut sich etwas. Das Problem ist auch allen bewusst! In vielen Landesverbänden gibt es inzwischen ein Strafsystem für Mannschaften, die ihr Schiedsrichtersoll nicht erfüllen – zum Beispiel den Punktabzug. So sind alle gefordert, Ideen zu entwickeln, wie man Menschen überzeugen kann, als Schiedsrichter aufzulaufen. Das ist natürlich einfacher, wenn der Schiedsrichter als einer von den Handballer gesehen wird und nicht als einer, der leider auch sein muss. 

 

Um Ihre Worte von November aufzugreifen: „Der Schiedsrichter muss Partner des Spiels sein.“ 

Das ist definitiv so, das haben auch meine Jugendspieler gelernt. Nach dem Spiel klatschen sie wie die Großen mit Gegnern und Schiedsrichter ab. Den Spielern gratulieren sie zu einem guten Spiel und beim Schiedsrichter bedanken sie sich für die Spielleitung. 

Es wissen alle: Wenn der Schiedsrichter nicht da gewesen wäre, hätte ein Trainer oder ein Zuschauer pfeifen müssen – und dann seine eigentliche Aufgabe – ob coachen, Kuchen verkaufen oder anfeuern – nicht erledigen können, wodurch etwas gefehlt hätte. Im Seniorenbereich findet ein Spiel ja sogar nicht statt, wenn keiner kommt. 

 

Teilweise können die Spiele bereits nicht besetzt werden … 

Das stimmt leider. Es ist auch schon so, dass die Gespann-Ansetzungen deutlich nach oben gerutscht sind. Früher sind in der fünften oder sechsten Liga Gespanne aufgelaufen, heute wird bereits in der vierten Liga teilweise alleine gepfiffen, weil es nicht genug Schiedsrichter gibt. 

 

Zum Abschluss schließen wir den Kreis zum Fußball. Der erste Landesverband hat ein Experiment mit Zeitstrafen angekündigt. Halten Sie das für sinnvoll? 

Ja, klar! Ich wüsste nicht, was dagegen sprechen sollte. Es ist nicht meine Baustelle, aber die Bestrafung dürfte schon dazu führen, dass der Spieler den Nachteil für seine Mannschaft spürt. So entsteht intern vielleicht eine Verpflichtung, sich gegenseitig zu sagen: „Mach das nicht wieder.“

 

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Gespräch genommen haben. Gibt es noch etwas, was Sie abschließend zu diesem Themenkomplex noch loswerden möchten? 

Ich bin einfach froh über sämtliche regionale und lokale Ideen, wie wir Schiedsrichter gewinnen können! Ich finde es zum Beispiel super, dass es Patenschaften gibt, wenn junge Leute zu Schiedsrichtern ausgebildet werden. Auch die Idee, ehemalige Handballer als Schiedsrichter an den Sport zu binden, halte ich für gut. Die Chance dafür ist jedoch deutlich größer, wenn die Schiedsrichter wertgeschätzt werden. Wer in seiner Karriere nur erlebt hat, dass der Schiedsrichter ständig beschimpft wird, wird sich für diesen Job nicht begeistern …